Auch auf dem Balkon ist ein wenig Artenschutz möglich

19.2.2019, 16:07 Uhr
Naturnah gestaltete Gärten tragen dazu bei, die Artenvielfalt von Insekten zu verbessern.

Naturnah gestaltete Gärten tragen dazu bei, die Artenvielfalt von Insekten zu verbessern. © Foto: Frank Derer/NABU

Gartenfachberaterin Renate Haberacker.

Gartenfachberaterin Renate Haberacker. © F.: Landratsamt

Nun ist es ja richtig gehend Mode geworden in einer Zeit, in der viele nicht mehr viel Zeit für den eigenen Garten investieren wollen, viel mit Kies- und Steinflächen zu arbeiten. Eigentlich praktisch, oder ?

Haberacker:

Diese sogenannten Kies- oder Schotter"gärten"sind keine Gärten, sondern als Lebensraum eine kleine Katastrophe. So wie diese häufig gestaltet werden, stehen nur noch ein paar einsame, armselige, zusammengestutzte, immergrüne Gehölze drin.

Dies läuft dann unter dem Deckmäntelchen ,pflegeleicht‘. Doch bringen diese sogenannten Gärten weder für Wildbienen, Bienen, Schmetterlinge und andere Insekten oder für Vögel etwas. Innerhalb weniger Jahre sieht das mit der angeblichen Pflegeleichtigkeit anders aus; wenn sich in der Schotterfläche Humus bildet und wieder Wildkräuter keimen. Um dies zu verhindern, müsste man mit Unkrautbekämpfungsmitteln abspritzen. Und das kann ja wohl nicht gewollt sein. Also lieber Finger weg von Kies- und Schottergärten!

 

Sie als Gartenfachberaterin haben ja immer wieder auch mit dem "Gartler von nebenan" zu tun. Ganz generell: Kann man denn im eigenen Garten auch etwas für Bienen und "Co." tun? Und zwar so, dass es nicht nur Insekten, sondern auch Gartenliebhabern (optisch) gefällt?

Haberacker:

Natürlich. Und zwar geht das schon ganz früh im Jahr los mit Blumenzwiebeln: beispielsweise Blausternchen, Traubenhyazinthen oder Wildtulpen; später Laucharten mit sehr attraktiven Blüten, die alle das Herz des Gartlers und auch die Insekten erfreuen.

Man kann zum Beispiel auch gezielt wildbienen – und bienenfreundliche Blütenstauden verwenden; dazu gehören unter anderem Glockenblumenarten, Fette Henne, Goldschafgarbe, Lungenkraut und viele mehr.

Oder man kann versuchen, von den geschnittenen Hecken wie Thuja und Co. wegzukommen, indem man freiwachsende Laubsträucher pflanzt; diese blühen, fruchten und färben sich im besten Fall auch noch farbenfroh im Herbst. Die Kornelkirsche ist dafür ein Beispiel.

Die Blüten von Johannis-, Stachel-, Brom- und Himbeeren sind für Wildbienen sehr interessant. Ganz abgesehen davon, dass sich aus den Beeren Leckeres in der Küche herstellen lässt.

Man kann im Gemüsegarten – wie früher im Bauerngarten gang und gäbe – ein paar schöne Solitärstauden pflanzen; wie beispielsweise die Königskerze mit wunderschönen gelben Blüten, die attraktiv ist — sowohl zum Anschauen als auch für Insekten und deren Samen später auch gern von Vögeln genutzt werden.

Übrigens: die althergebrachte Empfehlung, dass man lieber ungefüllte, statt gefüllte Blumen pflanzen sollte, gilt noch immer – auch bei Rosen.

 

Haben Sie — abseits des mittlerweile bekannten "Wiesenblüher-Saatguts" — konkrete Tipps, welche Stauden oder Blumen sich in punkto Artenvielfalt und Optik gut eignen. Gerade auch in kleinen Gärten?

Haberacker:

Viele Heil- und Gewürzkräuter sind für Wildbienen gute Nahrungsquellen und auch optisch sehr ansprechend. Besonders beliebt sind Salbei, Ysop, Bergbohnenkraut oder Thymian.

Viele Stauden mit Wildstaudencharakter eignen sich auch sehr gut, da sie Schönheit und Nutzen verbinden: zum Beispiel Wolliger Ziest, Glockenblumenarten, Fette Henne und andere Sedum-Arten, Ochsenauge und viele andere.

 

Allerdings hat nicht jeder einen Garten. Stichwort: Etagenwohnung. Vielleicht mit Balkon. Lässt sich denn da auch was machen? Natürlich ebenfalls unter der Prämisse: Gut aussehen und dabei praktisch in Sachen Artenschutz?

Haberacker: Natürlich ist auch auf dem Balkon ein wenig Artenschutz möglich. Man kann ja einen Teil der Kästen konventionell und einen weiteren Teil wild/bienenfreundlich bepflanzen.

Geeignet sind unter den vielen verschiedenen Fetthenne-Arten (Sedum), Färberkamille, Zwergglockenblumen, Lavendel, Thymian, niedriger Alant, Resede, Natternkopf. Um nur einige zu nennen. Gute Gärtnereien können hier auch mit Rat und Tat zur Seite stehen.

 

Sie kennen das sicher: Gerade bei schwül-warmen Wetter verlausen manche Pflanzen, dass es einem schon beim Hinschauen schüttelt. Oder andere Schädlinge machen sich in Töpfen, Blumenkästen und im Garten breit. Zur Chemiekeule zu greifen, ist da das einfachste Mittel. Das ist zugegebenermaßen nicht wirklich naturnah. Gibt es denn umweltfreundlichere Alternativen?

Haberacker: Starkes Verlausen ist meist ein Zeichen dafür, dass es den Pflanzen an dieser Stelle nicht wirklich gut geht. Also zu trocken oder zu nass, zu schattig oder zu sonnig.

Man muss respektieren, was die einzelnen Pflanzen lieben und brauchen. Sonst wird es nichts. Ein Geißblatt — an einer trockenen Stelle gepflanzt — hat eine fast 100-prozentige Chance zu verlausen.

Also: Wenn irgendeine Pflanze so gar nicht gedeiht und anfällig für Krankheiten und Schädlinge ist. Dann heißt es erst mal überprüfen: Stimmt der Standort (Sonne bis Schatten)? Stimmt der Boden (durchlässiger, armer Sand bis gut gedüngter lehmiger Gartenboden)? Stimmt die Wasserzufuhr (unter einem Dachvorsprung, wo nie Regen hinkommt oder das nasseste Eck des Gartens können ko-Kriterien sein)?

Ein Kaktus im Schatten wird nix und der Farn in der prallen Sonne auch nicht.

In manchen Jahren vermehren sich die Läuse überall wirklich sprunghaft. Dann ist hilfreich – wo es geht – die Pflanzen mit dem Gartenschlauch abzubrausen und die Läuse herunter zu waschen. Vor allem ist wichtig, den Garten ständig zu beobachten, so dass man die Läuse-Vermehrung rechtzeitig entdeckt.

Wenn die Blätter vom Läusespeichel bereits völlig verkrüppelt sind und alles klebt, dann ist es zum Handeln schon sehr spät. Also: Hinschauen und beobachten lohnt sich.

 

Kurz auf einen Nenner gebracht: Wenn es nach Ihnen geht, dann heißt es ran an Töpfe, Kästen und Gärten und mehr an die Natur und ihre Bewohner denken?

Haberacker: Nein. So eine Hardlinerin bin ich nicht. Aber wenn jeder in seinem Garten nur ein Viertel oder ein Fünftel der Flächen naturnah gestaltet, wären wir schon ein ganzes Stück weiter, was den Erhalt von Insekten angeht.

Wenn man als Anfang den Schnittlauch zum Teil blühen lässt, schaut das sehr hübsch aus und wird fleißig von zahlreichen Insekten genutzt — um nur ein kleines Beispiel zu nennen, wie einfach Artenschutz im Alltag aussehen kann.

 

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