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Der Impfstoff gegen den Klimawandel ist bereits gefunden

Aktion auf dem Rother Marktplatz zur Bürgerenergiewende - 25.06.2020 06:04 Uhr

Der Verein „Energiebündel Roth-Schwabach“ veranstalte mit dem Medienunternehmen „Eigenstrom statt Kohlestrom“ auf dem Rother Marktplatz eine Aktion für den Erhalt der Bürgerenergiewende. © Foto: tts


Durch die Einhaltung der Hygienemaßnahmen blieb die Teilnehmerzahl überschaubar, gelbe Klebebänder am Boden sorgten dafür, dass die nur wenigen Besucher die coronabedingten Sicherheitsabstände einhielten. Trotzdem wurde die Veranstaltung gefilmt und live im Internet übertragen. Die Diskussionsgäste des TV-Moderators Frank Farenski konnten sich sehen lassen: Neben Herman Lorenz, Sprecher des Energiebündels, und dem Rother Bürgermeister Ralph Edelhäußer kamen unter anderem der umweltpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Carsten Träger sowie die klimapolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen, Lisa Badum, zu Wort. Darüber hinaus hatte alle Anwesenden die Möglichkeit, vorgefertigte Protestbriefe an ihre Bundestagsabgeordneten abgeben, in denen sie fordern, die Bürgerenergiewende politisch nicht weiter zu behindern. Unter den Besuchern befanden sich auch einige Stromtrassengegner aus Schwabach, mit denen die Filmcrew am Mittwoch im Schwabachtal eine ähnliche Veranstaltung durchführen wollte.

Grundsätzliche Fragen

Die Kritik der Veranstalter richtete sich in erster Linie gegen die Bundesnetzagentur (BNetzA) mit ihrem so genannten "Prosumer Modell", nach dem die Bürger ihren selbst produzierten Sonnenstrom billig abgeben und dann wieder teuer zurückkaufen sollen, statt ihn vor Ort zu speichern und selbst zu verbrauchen. Dazu kommt, dass der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) regenerativ produzierten und gespeicherten Strom gegen die rechtlich verbindliche Vorgabe der EU mit teuren Abgaben versehen will.

BNetzA und BDEW machen Photovoltaik, Speicherung und eigenes Energiemanagement absichtlich wirtschaftlich unattraktiv und verhindern so die Verbreitung der Elektromobilität, so die Kritik. Auf diese Weise blockieren sie den Umbau der Energieversorgung in ein modernes System, verhindern Investitionen und handeln wirtschaftlich feindlich, so die These der Veranstalter, die stattdessen für eine energetische Selbstversorgung plädieren.

Aber bei den Diskussionen ging es um grundsätzliche Fragen zu Klimaschutz und Energiewende. Laut Lorenz sei schon zu viel Zeit bei der Umsetzung der Energiewende vertan worden, stattdessen schreite der Klimawandel voran. "Sehen sie sich die heutigen Temperaturen an", rief er den schwitzenden Demonstranten in der prallen Sonne zu, "und auch am Polarkreis werden immer häufiger Temperaturen von über 30 Grad gemessen". Er selber habe es seit sieben Jahren geschafft, mit Hilfe von PV-Anlage, Wärmepumpe und Elektroauto völlig klimaneutral zu leben. "Jeder ist gefragt, wir müssen nur wollen, dann schaffen wir die Energiewende", ist Lorenz überzeugt, und das Interesse seitens der Bevölkerung sei groß.

Eine Erfolgsgeschichte

Dass konnte auch Thomas Schrödel, Geschäftsführer der Firma STS Solartechnik bestätigen, dessen Auftragsbücher voll seien: "Nur würden sich die Kunden ein weniger komplizierteres Verfahren und weniger Bürokratie bei der Realisierung von PV-Anlagen wünschen".

Carsten Träger zeigte sich optimistisch: "Die Energiewende kann eine echte Erfolgsgeschichte werden. Wir gehen als eine der größten Industrienationen voran, und trotzdem ist das Licht bisher nicht ausgegangen", so Träger, laut dem die ganze Welt genau beobachten würde, was in Deutschland derzeit passiert. Die berechtigte Kritik, seine SPD gelte als "alte Kohlepartei" bezeichnete er als ein Kapitel der Geschichte, dass sich jetzt langsam schließen würde. Passend dazu kritisierte die Bundestagskollegin Lisa Badum von den Grünen das von den Sozialdemokraten mitverhandelte Kohle-Ausstiegsgesetz, nachdem Deutschland erst im Jahr 2038 aus der Stromgewinnung mit Kohle aussteigen will. Außerdem kritisierte Badum die 10H-Regel, die in Bayern den Ausbau der Windkraft praktisch zum Erliegen gebracht hat.

Bürgermeister Edelhäußer begrüßte das bisherige Engagement der Rother in Sachen Solarstrom. Im Netzgebiet der Rother Stadtwerke seien PV-Anlagen mit einer Leistung von 9,5 MW installiert, so dass in Roth bereits rund neun Millionen kWh Solarstrom pro Jahr produziert werden. "Das reicht aus, um 2500 Haushalte mit Strom zu versorgen", so der Rathauschef.

Endlich wirklich wollen

Joachim Holz, der Energiebeauftragte des Stadtrats, wünschte sich von der Politik dennoch mehr "flankierende Maßnahmen", zum Beispiel eine PV-Anlagen-Pflicht für Neubauten. "Und was ist mit dem Bestand?", fragte das grüne Stadtratsmitglied Richard Radle. "Wenn ich mich hier umsehe, ist noch viel Platz auf den Dächern". Er selbst sei vor allem ein Verfechter der Windkraft, daher betonte auch er: "Die 10H-Regel muss weg", und war damit mit Büchenbachs Bürgermeister Helmut Bauz einer Meinung.

Das Schlusswort der Veranstaltung hatte Hermann Lorenz, der sich wünschte, die große Politik würde auf die wissenschaftlichen Fakten des Klimawandels ähnlich entschlossen reagieren wie auf die Corona-Pandemie. "Dabei haben wir mit den regenerativen Energien bereits einen funktionierenden Impfstoff gegen die Erderwärmung erfunden, aber wir müssen endlich auch wirklich wollen!"

TOBIAS TSCHAPKA E-Mail

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