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Ein Rückblick auf eine große Röttenbacher Talentschmiede

Trainer Rudolf Liebisch formte mit Wissen aus Büchern mehrere Deutsche Meister - 12.04.2020 13:40 Uhr

Im Triumphzug durch Röttenbach. Karin Wurm wurde diese Ehre vor nun schon wieder 20 Jahren nach dem Gewinn der deutschen Juniorinnen-Meisterschaft im Kugelstoßen zu teil. © Foto: Hans Pühn


Genauso aufregend wie die großen Wettkämpfe aber gestaltete sich der Empfang in der Heimat. Jedes Mal war das halbe Dorf auf den Beinen, um einen neuen Deutschen Meister willkommen zu heißen.

Ganz aus dem Häuschen

1977 war ganz Röttenbach das erste Mal aus dem Häuschen, als der 14-jährige Rudi Liebisch aus dem fernen Wolfsburg als frisch gebackener Deutscher Schülermeister im Speerwerfen heimkehrte. Ein Jahr später traf sich die TSV-Familie vor dem Elternhaus von Schülerin Petra Rauh, die im Berliner Olympiastadion den Diskus am weitesten geschleudert hatte. Dann dauerte es zwar ein paar Jährchen bis Karin Wurm bei den deutschen Meisterschaften der Juniorinnen den Hammer auspackte beziehungsweise mit der Kugel die Bestweite erzielte, doch am Zeremoniell nach der Heimkehr aus der großen Welt des Sports hatte sich nichts geändert.

Wieder formierte sich ein stattlicher Festzug. Wie schon bei Rudi Liebisch und Petra Rauh spielte auch vor dem Elternhaus von Karin Wurm zuerst die Musik auf, ehe Vereinsfreunde, Nachbarn und Dorfbewohner die sportliche Heldin in ihre Mitte nahmen, um sie durch das Dorf zum Waldsportheim des TSV zu geleiten. Damit auch die Nichtsportler unter der Einwohnern wussten, was die Stunde geschlagen hatte, führte der Festzug nicht nur einen geschmückten Handleiterwagen, sondern auch Transparente und Plakate mit. Zudem waren etliche Häuser beflaggt. Einziger Unterschied: Während Rudi und Petra am Abend mit brennenden Fackeln von zuhause abgeholt wurden, setzte sich der Festzug bei Karin bereits am Nachmittag in Bewegung.

Gleich jetzt ob am Nachmittag oder in den Abendstunden: im Sportheim wurde gefeiert. Wenn auch nur, wie bei den jungen Sportlern üblich, mit Spezi oder Limonade. Vorab hatten Bürgermeister und Abteilungsleiter Blumen und Geschenke überreicht. Der Ehrenplatz neben Rudolf Liebisch, dem Vater des Erfolges der Röttenbacher Leichtathletik, blieb stets dem neuen Titelträger vorbehalten.

Selbst den Rechen nehmen

Dass am Tisch von Rudolf Liebisch nicht nur die Erlebnisse bei den Titelkämpfen noch einmal in allen Einzelheiten Revue passierten, sondern auch über Trainingsfleiß, bevorstehende Wettkämpfe oder über den einen oder anderen Arbeitsdienst gesprochen wurde, lag in der Natur der Sache beziehungsweise an Trainer Rudolf Liebisch. Dieser ließ nämlich keine Gelegenheit ungenutzt, um seinen Schützlingen zu verdeutlichen, dass es ohne Fleiß keinen Preis zu gewinnen gibt. Außerdem verdeutlichte er seinen Zuhörern, dass es zu einem fairen Miteinander gehört, einmal selbst den Rechen in die Hand zu nehmen, um beispielsweise die Sprunggrube auf Vordermann zu bringen.


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Rudolf Liebisch suchte zwar stets den sportlichen Erfolg, vernachlässigte dabei aber keineswegs die Breitenarbeit. Möglichst viele junge Menschen für die Leichtathletik und speziell für die technischen Disziplinen zu gewinnen, war seine Hauptmotivation. Wer fleißig und regelmäßig am Training teilnahm, hatte bei Rudolf Liebisch schon gewonnen. Der ehemalige Fußballer war zu einem leidenschaftlichen Leichtathleten geworden, um in seinem Heimatverein ein neues Kapitel aufzuschlagen. Dank seiner Überzeugungskraft und Empathie im Umgang mit jungen Menschen löste der gebürtige Röttenbacher eine sportliche Bewegung aus, die eines der schönsten Kapitel in der Sportgeschichte des Landkreises Roth schrieb.

Nach den Ausflügen in die große Welt des Sports wieder gerne im beschaulichen Waldsportheim des TSV Röttenbach. Rudolf Liebisch mit seinem Sohn Rudi und Petra Rauh. Jeweils ein Jahr hatte dem Meistertrainer genügt, um die beiden Talente zu deutschen Meisterehren zu führen. © Foto: Hans Pühn


Die Aufbauarbeit in den 70er-Jahren wirkt in Röttenbach auch heute noch nach. So trifft das Prädikat "Talentschmiede" in Zusammenhang mit der Leichtathletikabteilung des TSV Röttenbach nach wie vor den Kern der Sache. Nach Rudi, Petra und Karin schafften in späteren Jahren mit Kugelstoßer Martin Schynoll und Speerwerfer Jochen Perner zwei weitere Eigengewächse die Qualifikation für eine deutsche Meisterschaft. Der inzwischen vom ersten Deutschen Meister aus Röttenbach, Rudi Liebisch, trainierte Schynoll verpasste im Berliner Olympiastadion nur knapp Edelmetall.

Auf Landesebene zählen bei den technischen Disziplinen Talente aus der 3000-Seelen-Gemeinde nun schon seit Jahrzehnten zu den fleißigsten Medaillensammlern. Aktuell haben die jungen TSVler in Trainer Wolfgang Eberler ein großes Vorbild. Der Vollblutsportler heimste bereits zweimal DM-Bronze im Speerwerfen ein und zwar bei den Senioren-Titelkämpfen der Altersklasse M 35. Aber auch mit der Kugel und dem Hammer setzt sich der sportliche Polizist aus Röttenbach immer wieder gut in Szene.

Nicht alltägliche Voraussetzungen

Als Voraussetzung für die Röttenbacher Talentschmiede mussten in den 70er-Jahren erst einmal die Anlagen für die technischen Disziplinen geschaffen werden. Die Kreativität des Postbeamten Rudolf Liebisch spielte dabei eine wesentliche Rolle. Beispielsweise beim Bau der Speerwurfanlage. Weil der vorhandene Platz für die nötige Länge der Anlaufbahn nicht reichte, begann die Laufbahn bereits außerhalb des umzäunten Sportplatzes. Durch ein flugs angefertigtes Türchen in der Einzäunung konnten die Speerwerfer mit dem nötigen Schwung in den Innenraum der Waldsportanlage stürmen.

Rudi Liebisch, der jüngere Sohn des Trainers, kam besonders gut zurecht mit diesen gewiss nicht alltäglichen Voraussetzungen zum Speerwerfen. Er steigerte kontinuierlich seine Trainingsleistungen und sorgte bei den Wettkämpfen für einen Paukenschlag nach dem anderen. Der Vater war zwar vom Potenzial seines Juniors für das Speerwerfen überzeugt, staunte aber dennoch, dass es bereits in der ersten Wettkampfsaison so gut laufen würde. "Anfänger" Rudi Liebisch nämlich kehrte von der großen nationalen Bühne als Deutscher Schülermeister im Speerwerfen ins beschauliche Röttenbach zurück.

Petra Rauh imponierte diese Erfolgsgeschichte so sehr, dass sie spontan ihre geliebten Fußballschuhe an den Nagel hängte und vom Mühlstettener Mädchenfußball in die Talentschmiede von Rudolf Liebisch wechselte. Im Training verlangte dieser zwar vor allem Disziplin und Einsatzbereitschaft, erwies sich andererseits aber auch als väterlicher Freund, mit dem man über jedes Problem sprechen konnte. Und zwar nicht nur was den Sport betraf.

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Mitunter konnte es passieren, dass Rudolf Liebisch im Training zu viel von seinen Schützlingen wollte. In solchen Fällen vermittelte seine ebenfalls vom Leichtathletik-Virus befallene Frau zwischen Trainer und dem Nachwuchs. Dass seine Familie voll und ganz seine Aktivitäten auf dem Sportplatz unterstützte, machte es Rudolf Liebisch leicht, sich beinahe tagtäglich mit seinem Hobby "Leichtathletik" zu beschäftigen.

Jedenfalls reifte Petra Rauh unter den Fittichen von Trainer Rudolf Liebisch zu einer sehr vielseitigen Athletin heran. Genau wie ihr Vorbild Rudi hatte sich die Ex-Fußballerin im Schnellzugtempo in den Bestenlisten nach vorne gearbeitet. Und zwar in allen drei technischen Disziplinen. Als ein Jahr nach dem Erfolg von Rudi Liebisch wieder die deutschen Schülermeisterschaften anstanden, zählte Petra Rauh wegen ihrer Vorleistungen sowohl mit der Kugel als auch mit dem Speer und dem Diskus zum Kreis der Favoritinnen. Im Berliner Olympiastadion drei Medaillen zu holen, schien kein unrealistisches Ziel zu sein. Eine zum Zeitpunkt der Titelkämpfe nicht vollständig auskurierte Muskelverletzung machte aber einen Strich durch diese Rechnung. Petra Rauh musste in Berlin mit ihrer Kraft haushalten und beherzigte dabei den Rat ihres Coachs, sich auf das Diskuswerfen zu beschränken. Ein guter Rat. Die Mühlstettenerin gewann mit der Scheibe souverän den Titel.

Großer Wurf im Jahr 2000

Die Leichtathletik war beim 1927 gegründeten TSV Röttenbach nun endgültig ein großes Thema. Zumal Autodidakt Rudolf Liebisch, der sich sein Wissen über die technischen Disziplinen vornehmlich aus Fachbüchern angeeignet hatte, keine Gelegenheit ungenutzt ließ, für seinen Sport zu werben. Schülerin Karin Wurm beispielsweise ließ sich nicht zweimal bitten. Sie brachte beste Voraussetzungen für das Kugelstoßen mit. Rudolf Liebisch und Karin Wurm arbeiteten so intensiv zusammen, dass dem Mädchen die Bewegungsabläufe beim Kugelstoßen schnell in Fleisch und Blut übergingen. Eine kontinuierliche Leistungssteigerung war die Folge. Ihren großen Wurf landeten Karin und ihr Coach im Jahr 2000 bei den deutschen Meisterschaften der Juniorinnen. Zum dritten Mal stand ein Talent aus dem fränkischen Röttenbach bei einer DM ganz oben auf dem Treppchen.

Dass dieser Erfolg keine Eintagsfliege war, zeigten die nächsten Jahre. Karin Wurm festigte ihren Platz unter den besten deutschen Kugelstoßerinnen. Inzwischen Studentin, verpasste sie 2002 als Bayerische Meisterin bei den von Olympiasiegerin Astrid Kumbernuss dominierten deutschen Hallenmeisterschaften der Frauen in Sindelfingen mit 16,54 Metern nur ganz knapp das Podium. Mit ihrer 2001 in Gotha aufgestellten Bestweite von 17,20 Metern rangiert die zweifache Sportlerin im Landkreis Roth (1997, 2001) in der ewigen bayerischen Bestenliste der Frauen immer noch auf dem zwölften Platz. Auch wenn Karin Wurm als Anästhesistin und Notfallärztin seit Langem in Jena zuhause ist, hat sie ihre sportlichen Wurzeln nicht vergessen. Beim inzwischen abgesagten Trainingslager der Röttenbacher Leichtathleten in italienischen Rimini wäre sie wieder mit von der Partie gewesen.

Für Erfolgstrainer Rudolf Liebisch war es natürlich Wasser auf seinen Mühlen, dass es im eigenen Verein Vorbilder wie Karin Wurm gab. Entsprechend groß waren beim Nachwuchs Motivation im Training und im Wettkampf. Mit durchschlagendem Erfolg. Zu den drei DM-Titeln gesellten sich zahlreiche Spitzenplatzierungen auf nordbayerischer, bayerischer und nationaler Ebene. Rudi Liebisch war bei all den Wettkämpfen nie ein Weg zu weit, um seinen Schützlingen mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Aber auch für weniger talentierte Kinder und Jugendliche nahm sich der Postbeamte stets die nötige Zeit. Die richtige Einstellung seiner Schützlinge zum Sport war für ihn das Allerwichtigste.

Arbeit trägt noch reiche Früchte

Wenn der im Jahr 2006 verstorbene Wegbereiter der Röttenbacher Leichtathletik sehen könnte, dass seine Aufbauarbeit nach wie vor reiche Früchte trägt, wäre er gewiss stolz auf die Arbeit seiner Nachfolger. Darunter auch sein Sohn Franz, der von 2000 bis 2013 der Leichtathletik-Abteilung vorstand, ehe er das Amt in die Hände von Elisabeth Kocher übergab. Seit dem Jahr 2007 erinnert ein Wettkampf in den technischen Disziplinen an Rudolf Liebisch, dem Gründer der Leichtathletikabteilung des TSV und Wegbereiter für eine Talentschmiede, die Röttenbach ein neues sportliches Image gab. Heuer fällt der Rudolf-Liebisch-Gedächtnis-Werfertag zwar aller Voraussicht nach dem Corona-Virus zum Opfer. Was aber nicht bedeutet, dass ein Mann, der mit seiner Liebe zur Leichtathletik, seiner Empathie für junge Leute und seiner Dynamik beim Aufbau der Abteilung ein Zeichen setzte, in Vergessenheit gerät.

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