Testlauf:

Tag der Sehbehinderten: Baden mit Barrieren

Paul Götz
Paul Götz

Roth

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6.6.2021, 07:00 Uhr
Der Parade-Winkel im Rother Freibad: Einstieg farblich gut markiert, der Übergang vom Pflaster zum Becken griffig, die Wassertiefe les- und fühlbar und der Abstand zu den Bänken, wo man seine Sachen ablegen und auch wiederfinden kann, ideal.

Der Parade-Winkel im Rother Freibad: Einstieg farblich gut markiert, der Übergang vom Pflaster zum Becken griffig, die Wassertiefe les- und fühlbar und der Abstand zu den Bänken, wo man seine Sachen ablegen und auch wiederfinden kann, ideal. © Foto: Paul Götz

"Da vorne ist die Rutsche, die kann ich erkennen, dann müsste links das Schwimmerbecken sein, dahinter der Sprungturm und daneben das Spaßbecken mit den kleineren Bahnen." Das Gedächtnis von Christina Reutner ist erstaunlich, aber nicht verwunderlich. Das Training der grauen Zellen gehört zu den Gegenmaßnahmen, wenn man die Sehkraft verliert. Dem Personal erzählt sie später, dass da auch Schritte zählen und merken dazugehört. Und ganz generell, wenn sie das Rother Freibad als Stammbad aussuchen würde, wäre auf jeden Fall eine Begehung mit einer speziell geschulten Kraft nötig.


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Den Weg zu den Umkleidekabinen kennt sie in etwa noch, aber der erste Mangel tut sich gleich hinter dem Kassenhäuschen auf. Es gibt weder einen tastbaren Übersichtsplan, noch die Spur eines Leitsystems. Der Umweg über die Wärmehalle ist bestens dazu geeignet, gegen die Glasfront zu knallen. Farbige Klebestreifen von 70 bis 140 Zentimetern über Bodenhöhe würden helfen, Beulen zu vermeiden. Es wird sich wiederholen: Design ist nicht unbedingt der Freund der Barrierefreiheit.

Symbole nicht zu entziffern

Und die Barrieren sind vorhanden, wo man sie nie vermuten würde. Zum Beispiel die riesigen Symbole, die männliche und weiblich Umkleiden schwarz auf weiß trennen. Trotz der Größe und des Kontrastes und der witzigen Grafik. "Ich kann damit nichts anfangen", sagt Christina Reutner. Noch weniger mit den Hinweisschildern, die über Kopf angebracht sind. Gut dagegen findet sie die Nummerierung der Spinde gelöst, die drei Ziffern in Reliefschrift erfasst sie sofort.

Bei den Schlüsseln sind die Zahlen glatt aufgedruckt, da ist jetzt wiederum das Gedächtnis gefragt. Lob ernten die Umkleiden selbst: Hell, schnörkellos, Sitz und Ablage unter dem Spiegel sind von vorne geschwärzt. Perfekt. Kabinen für Rollstuhlfahrer sind bei Sehbehinderten nicht gerade beliebt: Zu breit und die Griffe stören.


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Der Weg zum Schwimmbecken ist nicht nur verwirrend: Entweder man läuft über den Rasen oder über das vom Gras durchzogene Pflaster, das so gut wie nicht zu identifizieren ist. Eine Beschreibung aus Redakteursmund löst die Schwellenangst, Christina Reutner manövriert sich mit dem Stock selbst bis zum Beckenrand – und ist begeistert: Die Sitzbänke sind ideal, um seine Sachen abzulegen und wiederzufinden, der Einstieg ist gelb markiert und die Schwimmleinen im perfekten Farbcode rot-weiß-blau.

Beim grünen Teil daneben muss Christina Reutner raten: "Das müsste ein Abfallkorb sein." Richtig, aber so gut wie unbenutzbar. Erstens ist das Grün mit Rasen im Hintergrund kaum zu identifizieren, zweitens die Einwurfklappe schon gar nicht. Ein gelber Streifen darunter wäre eine echte Hilfe.

Das Horrorabteil des Bads

An die Tribüne seitlich des Schwimmbeckens kann sich die Testerin noch gut erinnern. Sechs Jahre später hat sie sich zum Horrorabteil des Freibades entwickelt. Nur ein Handlauf auf der ganzen Länge, der Anfang nicht gebogen, zur Not könnte sie genau an dieser Stelle die Stufen hoch und runter laufen. Der Rest wäre unbenutzbar.

Das kann ins Auge gehen. Christina Reutner würde die Spitzen der Palmen, die auf der unteren Stufe der Tribüne stehen, erst wahrnehmen, wenn es zu spät ist.

Das kann ins Auge gehen. Christina Reutner würde die Spitzen der Palmen, die auf der unteren Stufe der Tribüne stehen, erst wahrnehmen, wenn es zu spät ist. © Foto: Paul Götz

Grau in Grau ist der Aufgang von den Sitzstufen nicht zu unterscheiden, die Palmen-Tröge sind regelrechte Sperren – und allein schon beim Vorbeigehen eine Verletzungsquelle ersten Ranges: Die spitzen Blätter der Pflanzen auf der untersten Stufe sind nicht zu sehen und genau auf Augenhöhe.

Die mit gelben Streifen markierten zwei Stufen runter zur Spaßebene registriert Christina Reutner mit Genugtuung, doch sie dreht sich um und interessiert sich für das Sprungbecken. Ob sie sich traut? "Eigentlich schon, aber nur mit Begleitperson. Ich sehe ja nicht, ob unter mir jemand im Wasser ist."

Vom Monitor nur die Uhr sichtbar

Von dieser Position aus kommt der Monitor über dem Bademeisterhäuschen ins Blickfeld – ein wenig. "Die Uhr kann ich lesen, die ist schwarz auf weiß", erklärt Christina Reutner, "den Rest seh‘ ich nicht." Hell- auf dunkelblau gibt von der Wellenlänge her den schlechtesten Kontrast. An dieser Stelle bringt Christina Reutner ihren Mann Michael ins Spiel. Der ist hörbehindert. Für ihn ist so ein Display ein wertvolles Hilfsmittel. Andere Helferlein wie blinkende Leuchten oder Laufschriften sind nicht zu entdecken.

Durch den von der Pflasterung nicht zu unterscheidenden Duschdurchgang geht es zum Kiosk. Christina Reutner fällt auf, dass die Sitzgruppen weiter auseinanderstehen als früher, und würde bei einer Bestellung auf die gute alte verbale Kommunikation zurückgreifen. Die Speise- und Getränkeangebote auf Augenhöhe sind für sie unlesbar. Ohne Ansprechpartner ist auch das Verlassen des Bades ein Ding der Unmöglichkeit. Das Drehkreuz ist für das Tasten mit dem Stock ein Folterinstrument. Bademeister Matthias Schubert ist da unkompliziert: Einfach an’s Fenster klopfen (was wegen der Verspiegelung nicht unbedingt der Hit ist)! In diesem Fall fordert Schubert seinen Gast zur Mutprobe heraus. Mit seiner Hilfestellung wagt sich Christina Reutner durchs Drehkreuz.


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Aus der Kritik ist die Badeanstalt damit noch nicht ganz. "Wo sind denn eigentlich hier Behinderten-Parkplätze?", dreht sich Christina Reutner suchend im Kreis, "da müssten mindestens zwei für Rollstuhlfahrer sein." Ihr Mann Michael, der auf den Stellflächen für Bedienstete wartet, zieht eine skeptische Miene: "Die Auffahrt ist ziemlich kritisch." Alles klar? Nicht ganz. Eine Frage ist offengeblieben: Darf man eigentlich einen Blindenhund mit ins Freibad nehmen? Bis Christina Reutner ihren vierbeinigen Helfer bekommt, wird auch das eruiert sein.

Zur Person:

Rückkehr mit Tunnelblick

Der Schul-Triathlon 2015 war das letzte größere Ereignis, das Christina Reutner mit wahrscheinlich voller Sehdynamik erlebte. Als Betreuerin der Montessori-Schule hatte sie ihre Aufgabe an der Laufstrecke. Kurz darauf machte sich das Usher-Syndrom bemerkbar, eine Hör-Seh-Behinderung die durch eine Durchblutungsstörung entsteht. Was die Netzhaut betrifft, besteht momentan weder eine Chance auf Heilung noch auf Besserung durch optische Hilfsmittel.

Mit fünf Prozent Sehfähigkeit und Tunnelblick kehrte die Rednitzhembacherin jetzt ins Rother Freibad zurück zum Test auf die Barrierefreiheit – ihr Beitrag zum Tag der Sehbehinderten, der am Sonntag, 6. Juni, begangen wird. Als Beisitzerin im Vorstand des Rother Inklusionswerks war sie vom Vorsitzenden Dr. Paul Rösch mit drei DIN-A4-Seiten Handreichung des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes munitioniert worden, doch beim Rundgang war die gar nicht nötig. Bei ihrem Comeback in der Badeanstalt fanden sich neuralgische und bestens gelöste Stellen wie von selbst.

Auch ein Supermarkt kann Barrierefreiheit sein

Die Schwabacherin Helga Mertmann weist im Zusammenhang mit der Forderung nach einer autofreien Innenstadt darauf hin, dass es dort dann für (seh-)behinderte Menschen unbedingt einen Discounter oder Supermarkt braucht.

Die Schwabacherin Helga Mertmann weist im Zusammenhang mit der Forderung nach einer autofreien Innenstadt darauf hin, dass es dort dann für (seh-)behinderte Menschen unbedingt einen Discounter oder Supermarkt braucht.

Eine Barriere muss kein Bauwerk sein, oder das Fehlen einer Hilfestellung. Die Schwabacherin Helga Mertmann weist im Zusammenhang mit der Forderung nach einer autofreien Innenstadt darauf hin, dass man dort unbedingt für einen Discounter oder Supermarkt sorgen sollte, um eine fußläufige Einkaufsmöglichkeit zu schaffen.

Nach einer Netzhautablösung geht die Schwabacherin seit 1992 mit einem Blindenführhund durch die Stadt. Vor ihrer Behinderung fuhr sie mit dem Auto zum Einkauf. Jetzt muss sie für alle Besorgungen und den Arztbesuch den Bus nutzen und am Bahnhof umsteigen, während dazu „fast alle unsere Mitbürger mit dem Auto auf die grüne Wiese fahren“. Den Umweg erwarte man „immer nur von den Behinderten unserer Stadt, die nicht nur blind oder sehbehindert sind, sondern meist auch noch das Merkzeichen aG (außergewöhnliche Gehbehinderung) im Ausweis haben“.


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Die Inklusionsbeauftragte der Stadt Schwabach, Sabine Reek-Rade, tauscht sich beim runden Tisch Inklusion regelmäßig mit engagierten Bürgern mit und ohne Handicap, Beschäftigten der Verwaltung und aus Beratungsstellen und Politik aus. Sie selbst hat langjährige berufliche Erfahrung im Bildungszentrum für Sehbehinderte in Nürnberg.

Kontraste sind wichtig

Seit ihrem 50. Lebensjahr ist Helga Mertmann blind. Dennoch geht sie allein in die Oper.

Seit ihrem 50. Lebensjahr ist Helga Mertmann blind. Dennoch geht sie allein in die Oper. © Foto: Stefan Hippel

Einig ist man sich: Wesentlich für Menschen mit Sehbehinderung sind Kontraste zur Orientierung, klare Wegführung – ohne Hindernisse wie Passantenstopper und Stühle der Gastronomie – und der Hinweis durch Bodenindikatoren für Blinde bei Gefahrenstellen wie Straßenkreuzungen. Die Runde setzt sich in Schwabach immer wieder für „einen Meter freie Fahrt“ im Bereich der Fußgängerzone ein: Neben der gepflasterten Busspur bleibt ein Meter der glatten Pflasterung frei, um Menschen im Rollstuhl und mit Sehbehinderung barrierefreies Fortkommen zu ermöglichen. Hier gibt und gab es immer wieder Nachfragen.

In den Geschäften wären Beleuchtung, Kontraste, Kennzeichnung von Schwellen und Stufen, Schriftgröße bei Preisschildern ein Ansatzpunkt. „Auf der Ideenliste des runden Tischs“, so Sabine Reek-Rade, „steht ein Tastmodell der Innenstadt.“ Als sowohl inklusives als auch künstlerisches Angebot zur Orientierung.

Die Gesetzeslage:

Nach Artikel 2 des Bayerischen Behindertengleichstellungsgesetzes dürfen bei der Nutzung von Sport- und Freizeitstätten, darunter zählen auch Hallen- und Freibäder, keine Bevölkerungsgruppen benachteiligt oder ausgeschlossen werden. Dazu müssen diese barrierefrei gestaltet sein. Barrierefrei bedeutet, dass Einrichtungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernisse und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind. Das gilt auch für ältere Menschen.

Der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund bemängelt, dass bisher viele behinderte oder auch ältere Menschen Freizeitangebote nicht wahrnehmen, weil die Bedingungen für sie unzulänglich sind und es dadurch für sie und ihre Begleitpersonen oft zu umständlich ist: „Von Barrierefreiheit profitieren also nicht nur behinderte und/oder ältere Menschen, sondern chronisch kranke, vorübergehend behinderte Personen sowie Eltern und Kinder“.

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