Mittwoch, 20.01.2021

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Vergebung, Versöhnung, Frieden: Die Rother Partnerschaft mit Brentwood

Einem Rohrer Pfarrer war es ein Bedürfnis, am Prozess der Vergebung zwischen den Völkern mitzuwirken - 25.12.2020 07:00 Uhr

Geprägt wird die Partnerschaft zwischen Brentwood und dem Landkreis Roth durch die gegenseitige Herzlichkeit. Der erste offizielle England-Besuch einer Delegation aus dem Landkreis Roth im September 1979 wurde vom damaligen Landrat Dr. Helmut Hutzelmann angeführt. Wie gut sich die Partner verstanden, verrät auch das Bild vom Rother Besuch 1984 in Brentwood, das das gemeinsame Anschneiden einer Partnerschaftstorte von Councillor Keith Brown (li.) und Dr. Helmut Hutzelmann (re.) zeigt.

22.12.2020 © Foto: Archiv RHV/Gsänger


Als der Landkreis Roth und der englische Distrikt Brentwood ihre Partnerschaft aus der Taufe hoben, lag der unselige Zweite Weltkrieg bereits dreieinhalb Jahrzehnte zurück. Und doch: Das unermessliche Leid, das dieser Krieg verursacht hatte, belastete noch immer viele Menschen. Pfarrer Gerd Sander, Mitglied im ersten Partnerschaftsausschuss des Landkreises Roth, war es ein echtes Bedürfnis, am Prozess der Vergebung und Versöhnung zwischen den beiden Völkern mitzuwirken. Für ihn stand außer Frage, dass eine Partnerschaft nur Bestand haben wird und Früchte tragen kann, wenn sie auf dem Fundament der Versöhnung aufbaut.

Die Möglichkeit, zur Versöhnung beizutragen, bot sich dem evangelischen Geistlichen beim ersten offiziellen Partnerschaftsbesuch einer Delegation aus dem Landkreis Roth in England im Rahmen eines Gottesdienstes. Nachdem sich der Kreistag des Landkreises Roth im Jahr 1978 einmütig für eine Partnerschaft mit Brentwood entschieden hatte, wurden auch die beiden großen Kirchen eingeladen, einen Vertreter im neu gebildeten Partnerschaftsausschuss zu stellen. Im Evangelischen Dekanat Schwabach-Roth fiel die Wahl auf Gerd Sander, der aufgrund seines vorausgegangenen langjährigen Engagements in Papua Neuguinea (1963-1974), bei dem er mit Australiern und Amerikanern eng zusammenarbeitete, sehr gut englisch sprach.

Überwältigt von der Gastfreundschaft

Das gegenseitige Verständnis hätte bei diesem Auftakttreffen im September 1979 gar nicht besser sein können. Und zwar nicht nur, was die Sprache betrifft. Die 22-köpfige Delegation aus Deutschland, die vom damaligen Landrat Dr. Helmut Hutzelmann angeführt wurde, war überwältigt von der Gastfreundschaft und der Herzlichkeit der Briten. Als Höhepunkt des Treffens sollte sich der ökumenische Gottesdienst in der anglikanischen Kirche von Brentwood erweisen, an dem sich Anglikaner, Methodisten und Christen beteiligten. Sander wurde die Ehre der Festpredigt zuteil. Der damalige Pfarrer der Landgemeinde Rohr ging bei seiner Predigt auch auf das weltweit bekannte Nagelkreuz von Coventry ein. Das an einer Ruinenwand angebrachte Kreuz soll einerseits an das Leid erinnern, das den Menschen der mittelenglischen Stadt im Zweiten Weltkrieg zugefügt wurde, und andererseits als Symbol für Vergebung und Versöhnung dienen.

Zeichen für Frieden und Versöhnung: Das Nagelkreuz. Auch die Kirchengemeinden in Nürnberg (St. Sebald) und Neuendettelsau sind Mitglied der internationalen Gemeinschaft der Nagelkreuzzentren.

22.12.2020 © Foto: St. Sebald Nürnberg


Coventry war einem der ersten Blitzangriffe der deutschen Luftwaffe nahezu schutzlos ausgesetzt. 500 deutsche Bomber verwandelten die mittelalterliche Innenstadt am Abend des 14. November 1940 binnen kurzer Zeit in ein Flammenmeer. 570 Menschen starben. Die Industriestadt nordwestlich von London lag in Schutt und Asche. So standen von der Kathedrale St. Michael, dem spätmittelalterlichen Wahrzeichen der Stadt, nur noch die Außenmauern.

Der damalige britische Domprobst Richard Howard hatte nach der Zerstörung der Kathedrale die Idee, drei Zimmermannsnägel, die aus den Trümmern des zerstörten Dachstuhls stammten, für das christliche Symbol eines Kreuzes zu verwenden. Gleichzeitig ließ er die Worte "Father Forgive" (Vater vergib) in die Chorwand der Ruine meißeln. Der Wunsch des Domprobstes, mit dem Nagelkreuz von Coventry die völkerweite Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg in alle Welt hinauszutragen, erfüllte sich.

Nagelkreuzzentren für weltweiten Frieden

Inzwischen gibt es Nagelkreuzzentren in vielen Ländern der Erde. Zum Beispiel in Australien, Bosnien-Herzegowina, Kanada, Kuba, Großbritannien, Indien, Jordanien, Neuseeland, den Niederlanden, Nigeria, Rumänien, der Slowakei, dem Sudan oder in den USA. In Deutschland stehen derzeit 72 Nagelkreuzzentren für weltweiten Frieden.

Im Rahmen seiner denkwürdigen Predigt in Brentwood ließ Pfarrer Sander anklingen, dass Versöhnung nur bei einer vorausgegangenen Vergebung möglich sei. In diesem Zusammenhang erinnerte Pfarrer Sander an seinen Besuch als Student im Jahr 1962 in der zerstörten Kathedrale von Coventry und schilderte in bewegten Worten seine Gefühle angesichts des Nagelkreuzes. "Ich schäme mich sehr für das, was da im Namen meines deutschen Volkes in Coventry geschehen ist", bekannte der Pfarrer, um anzufügen, dass er die Gottesdienstbesucher aus Brentwood stellvertretend für sein Volk um Vergebung bittet. "Wir Christen sind durch die von Christus empfangene Vergebung befähigt worden, uns gegenseitig vergeben zu können", sagte Sander.

Am Abend dieses für die Partnerschaft denkwürdigen Sonntags erfuhr Pfarrer Sander im Gespräch mit seinem Gastgeber eine nachdrückliche Bestätigung für seine Worte von der Kanzel. Der Engländer bekannte mit den Worten, "Endlich kann ich eine große Last abladen", dass auch er Schuld trage. "Ich bitte Dich und Dein Volk um Vergebung. Denn ich war einer von denen, die die Luken öffneten, aus denen die Bomben fielen, die Köln total zerstörten und tausende von Menschenleben kostete. Auch ich brauche Vergebung". Nach diesem Bekenntnis, umarmten sich der Engländer und der Pfarrer aus Deutschland im festen Vertrauen, dass die Partnerschaft zwischen Brentwood und dem Landkreis Roth gelingen werde.

Sängerfest zum Jubiläum

Zu diesen emotionalen Momenten gesellte sich die bemerkenswerte Gastfreundlichkeit der Briten. Was Pfarrer Sander über eine Einladung für einen Gegenbesuch der Engländer in seiner Heimatgemeinde Roth nachdenken ließ. Das anstehende Jubiläum des örtlichen Gesangvereins "Frohsinn" wäre eine gute Gelegenheit, überlegte der Geistliche. Zu Hause rannte er mit dieser Idee offene Türen ein. Nicht nur Sängerinnen und Sänger, sondern auch die Gemeinderäte und weitere Rohrer Vereine waren gerne bereit, den Engländern eine schöne Woche in Franken zu bereiten. Und so erlebten die zehn Gäste aus Brentwood, die allesamt privat untergebracht waren, im Juni 1980 ein wunderschönes Sängerfest, veranstaltet von einer großartig funktionierenden Dorfgemeinschaft.

Wie so oft bei diesen Anlässen zählten auch in Rohr ein gemeinsamer Kirchgang und am Nachmittag der Festzug durch das Dorf zu den Programmpunkten. Der ökumenische Gottesdienst in der St. Emmerans Kirche wurde vom Gesangverein "Frohsinn" und dem Posaunenchor musikalisch umrahmt. Wie schon in England hielt Pfarrer Sander auch diesmal die Festpredigt. Am späteren Festzug beteiligten sich auch die Gäste von der Insel. Der "Union Jack flatterte dabei fröhlich im Wind, erinnert sich Pfarrer Sander.

Selbstverständlich lernten die Briten in Rohr nicht nur den einen oder anderen Vereinsbrauch kennen, sondern auch die fränkische Küche. Die Einladungen zum Mittagstisch rissen die ganze Woche über nicht ab. Dabei wurde von den gastgebenden Rohrer Familien aufgetischt, was die regionale Küche hergibt. Mit einem Schmunzeln denkt Gerd Sander an jenen Briten zurück, der aus dem Staunen nicht herauskam, als er sah, wie eine Hausfrau fränkische Klöße zubereitete. "Erst werden die Kartoffeln gerieben und dann wieder zusammengeleimt", wunderte sich der Brite. In England sei man gescheiter. "Bei uns werden Kartoffeln geschält und in kochendes Wasser gegeben. Und schon hat sich die Sache".

"Freundeskreis Brentwood"

Die gegenseitigen Besuche von Reisegesellschaften aus Brentwood und dem Landkreis Roth wurden auch dank dem 1989 von Maximilian Peschke initiierten Partnerschaftsverein "Freundeskreis Brentwood" zu einer festen Einrichtung.

Als erste Gruppe entschloss sich der Kreisjugendring Roth zu einer Jugendbegegnungsfahrt. Auf sportlichem Sektor eröffneten die Heidecker Tennisspieler und der Sportclub Roth die Partnerschaft mit Brentwood. Ebenso schloss der Lionsclub Roth Freundschaft mit dem Lionsclub in Brentwood. Die Erwachsenbildungseinrichtungen beider Landkreise förderten die Partnerschaft zusätzlich durch regelmäßige Begegnungen. So entwickelten sich Kontakte zwischen Chören, Blaskapellen, Volksmusikgruppen, Kammerorchestern sowie Rock- und Pop-Bands. Auch die kirchlichen Institutionen vereinbarten regelmäßig ökumenische Begegnungen.

Für Pfarrer Sander endete die Mitarbeit im Partnerschaftsausschuss, als er sich im Juni 1991 nach 16 Jahren aus Rohr verabschiedete, um noch einmal in einem anderen Land Gotteswort zu verkünden. Einige Jahre lang betreute er in der Ukraine fünf Kirchengemeinden. Nach dieser Zeit begab sich Gerd Sander mit seiner Frau Gerdi in den Ruhestand.

"Wandernagelkreuz"

Dass das Nagelkreuz von Coventry heute in vielen deutschen Kirchengemeinden ein Symbol für Versöhnung ist, erfüllt Pfarrer Sander mit verständlichem Stolz. In Neuendettelsau, der jetzigen Heimat des Pfarrerehepaares, besteht seit Juni 2017 ebenfalls ein Nagelkreuzzentrum. Inzwischen nahm eine Reisegruppe aus Neuendettelsau in Coventry ein zweites Nagelkreuz in Empfang. Dieses wird als "Wandernagelkreuz" in verschiedenen Einrichtungen der Diakonie Neuendettelsau zu sehen sein.


Roth-Brentwood: Gute Freunde

Die Anfänge der Partnerschaft zwischen dem Landkreis Roth und dem District Brentwood gingen auf Bemühungen der Realschule Hilpoltstein zurück, die für ihre Schüler*innen den Kontakt zu Gleichaltrigen in England suchte. In den Sommerferien 1967 reisten Realschuldirektor Rudolf Wollmarker und Studienrätin Waltraud Mayer mit 21 Mädchen und Jungen erstmals auf die Insel. Es entwickelte sich ein regelmäßiger Austausch zwischen der Realschule Hilpoltstein mit der Brentwood County High School.

Der Weg zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Landkreisen war nicht mehr weit. Der damalige Landrat Dr. Ignaz Greiner und der Rother Kreistag begrüßten genauso eine Partnerschaft wie die Bevölkerung in Brentwood, die mit großer Mehrheit für ein Miteinander stimmte. Am 19. Mai 1979 wurde erstmals eine englische Delegation im Landkreis Roth herzlich empfangen. Im Alten Rathaus in Wendelstein unterzeichneten Landrat Helmut Hutzelmann und Chairman Tom Brocklebank offiziell die Partnerschaftsurkunde. Der Gegenbesuch vier Monate später war dann geprägt von der Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Briten.

Zwölf Jahre nach Unterzeichnung des Freundschaftsvertrages konstituierte sich der "Freundeskreis Brentwood e. V.", der auf deutscher Seite von Maximilian Peschke initiiert wurde. Den Vorsitz übernahm Maria Reitmeir. Auf englischer Seite zählten Jill Dimmock und Roy Stevenson zu den ersten Führungspersönlichkeiten. Inzwischen gibt es auch ein von Konrad Winter geschaffenes gemeinsames Lied. Refrain: "Lasst uns Freunde sein" beziehungsweise "Let us be good friends".


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HANS PÜHN

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