Wo geht’s zur Unabhängigkeit, bitte?

10.11.2018, 06:00 Uhr
Bei der EUTB des Rother Inklusionsnetzwerks e.V. fungiert Janet Meyer (li.) als Hilfe vermittelnde Projektleitung.

© Foto: EUTB RHINK Bei der EUTB des Rother Inklusionsnetzwerks e.V. fungiert Janet Meyer (li.) als Hilfe vermittelnde Projektleitung.

Da ist der junge Mann im Rollstuhl, den seine MS-Diagnose aus der Bahn zu werfen droht. Da suchen Angehörige nach geeigneten Hilfsmitteln für die von Geburt an geh- und sehbehinderte Tante. Da ist die Endsechzigerin mit Hüft-OP, die ihre Wohnung barrierefrei gestalten möchte. Da weiß ein Arbeitnehmer mit Depressionen nicht weiter, weil der Chef ein Kündigungsszenario an den Horizont zeichnet. Oder simpler: Der Reha-Antrag will dem Nachbarn einfach nicht von der Hand.

Ja, bestätigt Janet Meyer, das alles seien Fälle für die EUTB, "weil´s da um Menschen geht, die nur eingeschränkt am Leben teilhaben können". Für deren Rechte gelte es einzutreten, so steht´s im Sozialgesetzbuch SGB IX.

Seit 1. Juni ist Sozialpädagogin Meyer als EUTB-Projektleitung beim Rother Inklusionsnetzwerk e.V. (RHINK) angestellt. In Vollzeit. Der ehrenamtlich agierende Verein kann sich die befristete Stelle vorerst leisten, weil er an einer Projekt-Ausschreibung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales teilgenommen hat. Die Behörde will bis 2020 jährlich 58 Millionen Euro dafür lockermachen, dass deutschlandweit EUTB´s die Arbeit aufnehmen.

Sie sollen – unabhängig von einer Trägerschaft – ergänzend zu den bereits bestehenden Beratungsangeboten wirken. Das mache Sinn, meint Meyer. Auf diese Weise würden die etablierten Anbieter nämlich entlastet. Denn eine EUTB kläre den Bedarf von Ratsuchenden vorab und lenke sie dann erst gezielt durch den Dschungel der Hilfsangebote. Kostenlos – und, wenn gewünscht, auch anonym.

Geschehen soll die Beratung "auf Augenhöhe". Das ist ausdrückliche Vorgabe des Ministeriums. Konkret: Menschen mit Handicap beraten Menschen mit Handicap.

"Peer Counseling" nennt sich dieses Prinzip, zumal die Berater als "Peers", also Lotsen, fungieren. Sie helfen den Betroffenen dabei, einen individuell passenden Weg für sich zu finden. Ganz egal, ob es nun um die richtigen Anlaufstellen, das Beantragen von Leistungen oder allgemeinere Weichenstellungen geht. Der Vorteil: "Die Peers wissen nicht nur, wie sich der Betroffene fühlt, sondern auch, welche Möglichkeiten es überhaupt für ihn gibt", fasst Meyer zusammen.

Praktisch funktionieren tut´s beim Inklusionsnetzwerk so: Janet Meyer nimmt die Anrufe der Ratsuchenden entgegen; verschafft sich Klarheit darüber, was der oder die Betroffene braucht und stellt im Bedarfsfall den Kontakt zu anderen Fachstellen oder einem "Peerlotsen" aus dem Verein her. Einem, der checkt, wie es dem Anrufer geht, weil beide das gleiche Schicksal teilen.

Gemeinsam setze man sich schließlich bei einer Tasse Kaffee zusammen, um offene Fragen zu besprechen – wahlweise an einem neutralen Ort oder bei den Betroffenen zuhause. Denn noch ist die EUTB des Inklusionsnetzwerks e.V. auf der Suche nach einem barrierefreien Büro in Roth und Umgebung.

Doch Räumlichkeiten hin oder her. "In diesem Verein steckt soviel Know-how...", sagt Sozialpädagogin Meyer. Immerhin würden dem Inklusionsnetzwerk e.V. 18 Lotsen angehören, die ihr Leben mit ganz unterschiedlichen Einschränkungen und Erkrankungen meistern – von der Geh-, Seh- und Hörbehinderung über psychische Beeinträchtigungen bis hin zu MS, Polio, Rheuma oder Krebs. Sie alle seien "Experten in eigener Sache" für andere, lobt Janet Meyer ihr "bombiges Team".

Und wenn das Bundes-Projekt am 31. Dezember 2020 zu Ende geht? "Dann sollte man uns im Landkreis Roth kennen" und mit den vier Buchstaben EUTB idealerweise das Anliegen eines selbstbestimmten Lebens in Verbindung bringen, wünscht sich Janet Meyer.

Herzensangelegenheit

Die ist mit dieser Herzensangelegenheit aber nicht allein. Denn in der Drahtzieherstraße 6 haben zwei Sozialpädagoginnen und eine Heilerziehungspflegerin denselben Wunsch: "Ich hoffe, dass diese Form der Umsetzung des Bundesteilhabegesetzes so gut angenommen wird, dass wir in der Beratungslandschaft künftig ganz selbstverständlich neben den anderen Beratungsstellen stehen", erklärt Julia Linnert entschieden. Gemeinsam mit ihrer Teamleiterin Maria Rützel und Christina Reutner bilden die drei Frauen das zweite EUTB-Team in Roth: die EUTB Mittelfranken-Süd.

Maria Rützel (re.), Julia Linnert (li.) und Christina Reutner sind bei der EUTB Mittelfranken-Süd für Ratsuchende da.

Maria Rützel (re.), Julia Linnert (li.) und Christina Reutner sind bei der EUTB Mittelfranken-Süd für Ratsuchende da. © Foto: EUTB MFRS

Der Unterschied: Das Peer-Counseling greift hier schon beim Telefonieren. Denn die fachlich qualifizierten Damen sind gleichzeitig auch Betroffene – Maria Rützel kam mit einer Fehlbildung des Zentralen Nervensystems zur Welt, Julia Linnert mit einer Zerebralparese und Christina Reutner hat eine massive Hör- wie Sehbeeinträchtigung. "Wir sind also nicht nur Peers, sondern Schwerbehinderte mit Qualifikation", fasst Julia Linnert zusammen. Der Beratungsansatz bleibt indes gleich: Zuerst wird der Bedarf der Hilfesuchenden eruiert, um dann auf Basis dieser Bestandsaufnahme optionale Möglichkeiten auszuloten. Die so Beratenen sollen schließlich in Sachen Selbstbestimmung "einen großen Schritt nach vorne machen können", reklamiert Julia Linnert. Gerade in ländlichen Gebieten wie dem Landkreis Roth sei das wichtig — "weil es die eigene Unabhängigkeit sichert".

Unterm Dach der "PEB Leuchtturm-Projekte gGmbH" angesiedelt, einer Tochtergesellschaft der Awo, garantiert das Dreiergespann "gänzlich unabhängige Beratung".

Und Konkurrenz zur EUTB des Inklusionsnetzwerks e.V.? Nein, als solche verstehe man sich nicht, versichert Julia Linnert. Warum auch? "Es geht uns doch schließlich allen um das große Ziel der gesellschaftlichen Teilhabe."

Keine Kommentare