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Samstag, 25.05.2019

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Zwischen Tradition und Moderne

Das Irish Spring Festival 2019 riss das Publikum in der Kulturfabrik von den Sitzen - 26.03.2019 06:00 Uhr

Dass irische Musik auch tanzbar ist, bewies die Stepptänzerin Sandra Ganley beim Auftritt von „Boxing Banjo“ .


Tourneeleiterin Kristine Talamo-Spiegel versprach nicht zu viel, als sie für die nächsten drei Stunden ein Gipfeltreffen der keltischen Verwandtschaft ankündigte, denn die erste Hälfte des Programms bestritten Musiker aus Irland, und nach der Pause hieß es dann: "Die Schotten kommen!" Ganz am Ende der Show durfte natürlich die traditionelle Session aller Beteiligten nicht fehlen.

Der Dudelsack war an diesem Abend nicht zu überhören.


Ehe die Schotten ihre Dudelsäcke auspackten, gab es zu Beginn der ersten Hälfte erst einmal zwei Barden der alten Schule zu hören. Das Duo Eddie Sheehan & Cormac Doyle präsentierte ein Programm unter dem überaus aktuellen Motto "Leaving Home – Songs of Emigration" minimalistische, aber dennoch (oder gerade deswegen) zum Mitsingen einladende Lieder, die nicht zuletzt die große Auswanderungswelle Mitte des 19. Jahrhunderts von der Grünen Insel thematisierten, wegen der es inzwischen hundertmal mehr Iren auf der ganzen Welt als in ihrer ursprünglichen Heimat gibt.

Sheehan, der auch im vergangenen Jahr mit von der Partie der "Irish Spring"-Tour war, überzeugte nicht nur mit seinem herzerwärmenden Gesangsstil, sondern auch mit viel Humor. Das galt ebenso für seinen Partner Doyle, der unter anderem auf der Irish Bouzouki zu einem Klang-Gemälde beitrug, in dem sich die natürliche Pracht des traditionellen Irish Folk spiegelte.

Die nächste irische Formation "Boxing Banjo" orientierte sich an den legendären "Flanagan Brothers", die in den 1920er Jahren die Tanzhallen der Vereinigten Staaten mit ihren wilden irisch dominierten Sound eroberten. Mick und Dara Healy, ebenfalls zwei Brüder, bilden den Kern von "Boxing Banjo", die den alten Stil entstaubt und mit junger Energie versehen ins neue Jahrtausend katapultierten. Wie ihre Vorbilder spielten sie auf Knopf-Akkordeon und Banjo, und werden außerdem von der swingenden Gitarre Seán O´Mearas und dem Geigen-Virtuosen Joseph McNulty eingerahmt. Seit geraumer Zeit mischen sie so mit ihrem "Dancehall" genannten Folk die irische Szene ordentlich auf. Wie tanzbar das Ergebnis ist, das zeigte anschaulich die irische Stepptänzerin Sandra Ganley, die beim Auftritt von "Boxing Banjo" hin und wieder auf der Bühne auftauchte und einen Mix aus traditionellem und zeitgenössischem Step-Tanz aufs Parkett legte.

Humor und herzerwärmender Gesang kam bei Eddie Sheehan & Cormac Doyle nicht zu kurz.


Nach der Pause waren wie versprochen die Schotten dran, und die Formation "Breabach", die von der BBC zur "Live Band des Jahres" gekürt wurde, waren genau das richtige für die verwöhnten Ohren der treuen Irish-Spring-Fans, von denen viele jedes Jahr aufs Neue in die Kufa strömen. Nicht nur mehrstimmiger Gesang und die charakteristische irische Flöte "Tin Whistle" sorgten für Gänsehaut, sondern Breabach hatte auch gleich zwei prächtige Dudelsäcke mitgebracht. Nur in Sachen Männerröcke erfüllten sie nicht das Klischee, denn Rock trug seltsamerweise nur die einzige Dame der Gruppe, Megan Henderson, die über eine unwiderstehlich sanfte Stimme verfügt, und sich darüber hinaus als exzellente Geigerin üpräsentierte. In die ordentlich lauten Dudelsäcke, deren satter Klang wohl niemanden im Saal unbeeindruckt ließ, bliesen Calum MacGrimman und James Duncan Mackenzie. Ewan Robertson an der Gitarre und James Lindsay am Kontrabass komplettierten die seit zehn Jahren fest zusammenspielende Mannschaft, die nicht lange brauchten, um mit ihrem innovativen, zeitgenössischen Folksound das Publikum von den Stühlen zu reißen. In ihren mal furiosen, mal sanften musikalischen Stil einen ganz eigenen Charakter offenbart, begegneten sich schottisches Kulturerbe und fremde Klangwelten, und am Ende ihres Auftritts gab es wohl niemanden mehr in der Kulturfabrik, der noch saß.

Hinzusetzen lohnte sich dann aber gar nicht mehr, denn Höhepunkt war auch diesmal wieder die große Abschluss-Session, bei der das zwölfköpfige Irish-Spring-Ensemble (elf Musiker, eine Musikerin, sowie eine Tänzerin) noch einmal gemeinsam bewies, für was Irish Folk bis heute steht: Für Nähe, Natürlichkeit, Feinheit und Lebensfreude, angesiedelt irgendwo zwischen Tradition und Moderne. 

TOBIAS TSCHAPKA

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