Montag, 08.03.2021

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Aus Wendelstein: Fairtrade, bio und regional

Man solle nicht immer nur auf den Preis schauen - 26.10.2020 11:38 Uhr

Wendelsteins Bürgermeister präsentiert mit den Bauhof-Mitarbeitern die neue Kleidung, die auch beim Jazz- und Blues-Open aus fairem Handel stammt.

26.10.2020 © Foto: Norbert Wieser


"Fairtrade" oder "Fair Trade" heißt "fairer Handel" beziehungsweise "fair gehandelt". Darunter versteht man auch, dass der Hersteller eines Artikels für seine Arbeit einen fairen Lohn erhält. Es bedeutet aber auch, dass die Endverbraucher nicht ausschließlich auf den Preis schauen, sondern auch darauf, wie der Artikel hergestellt wurde.

Der Markt Wendelstein verbindet gleich drei Faktoren, nämlich "bio", "regional" und "Fair Trade". Dies bedeutet, dass ein Artikel, den der Markt Wendelstein kauft, idealerweise Bio-Qualität aufweist, in der Region hergestellt worden ist und den Ansprüchen an fairen Handel entspricht. Der Markt Wendelstein ist seit einem Jahr "Fairtrade-Gemeinde". Zeit für eine Zwischenbilanz.

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Im Juni 2018 hatte der Marktgemeinderat die Verwaltung einstimmig beauftragt, die Bewerbung des Marktes Wendelstein als "Fairtrade-Gemeinde" vorzubereiten. Im Januar 2019 erfolgte im Marktgemeinderat der offizielle Beschluss für die Bewerbung als Fairtrade-Gemeinde, wiederum einstimmig. Am 14. Mai 2019 wurde die Steuerungsgruppe gegründet. Diese Steuerungsgruppe will und soll den fairen Handel ins Bewusstsein der Menschen rücken. Bürgermeister Werner Langhans ist ihr Sprecher, in der Gruppe sind Vertreter der Wendelsteiner Schulen, Kirchen und Betriebe engagiert.

Alle Kriterien erfüllt

Im Oktober 2019 wurde der Markt Wendelstein offiziell als "Fairtrade-Gemeinde" ausgezeichnet, nachdem er alle notwendigen Kriterien erfüllt hatte. Die offizielle Überreichung der Urkunde fand im Rahmen einer kleinen Feier am 17. Oktober 2019 statt. "Das ist freiwillig erfolgt", erklärt Bürgermeister Werner Langhans, "wir sind da eine Verpflichtung eingegangen. Jetzt geht’s erst richtig los. Wir bleiben dran! Es hat sich etwas entwickelt. Die Leute sind mit Begeisterung dabei."

In Wendelstein gibt es schon einige Fair-Trade-Produkte. Der Markt hat verschiedene Soff-Taschen angeschafft, T-Shirts und Polohemden für Mitarbeiter beim Jazz-and-Blues-Open, Fußbälle und für die ganz jungen Wendelsteiner rosa und blaue Lätzchen. Präsentiert werden die Produkte vom Leiter des Sachgebiets für Verkehr, Umwelt und Nachhaltigkeit, Christoph Winkelbauer, Bürgermeister Werner Langhans und Baureferatsleiter Uwe Babinsky.

26.10.2020 © Foto: Gunther Hess


"Fairtrade-Gemeinde" bedeutet für viele ein Umdenken. Sie müssen alte Gewohnheiten beim Einkauf ablegen. Beim Verfolgen der Fair-Trade-Ziel geht der Markt Wendelstein mit gutem Beispiel voran; er will Vorbild sein.

Die Gemeindeverwaltung hat im Rahmen ihrer "Fair-Trade"-Bemühungen für ihren Bauhof fair produzierte Arbeitskleidung angeschafft. Wendelstein war eine der ersten Gemeinden in Mittelfranken, die fair gehandelte Bauhofkleidung kaufte.

Ferner beschaffte der Markt Wendelstein fair gehandelte T-Shirts für das Jazz-and-Blues-Open. Die neuen Festival-T-Shirts und Polo-Shirts des Jazz und Blues Open haben Bio-Fairtrade-Standard. Dabei ist der Weg zu Fair Trade oft steinig und nicht immer ganz gerade, wie sich an diesem Beispiel zeigt.

Für das Festival wollte die Kulturreferentin petrolfarbene T-Shirts und Polo-Hemden. Doch die waren in Fair-Trade-Qualität nicht zu haben. Also sprach der Bürgermeister ein Machtwort und entschied, dass schwarze Fair-Trade- Bekleidung gekauft wird.Auch fair produzierte Einkaufstaschen und faire Fußbälle besitzt der Markt Wendelstein.

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Einzelhandel und Kirchen dabei

Im Bereich des Marktes Wendelstein gibt es derzeit elf Einzelhandelsgeschäfte und drei Gastronomiebetriebe die fair gehandelte Waren in ihrem Sortiment haben. Bei den Kirchengemeinden spielt der Fair-Trade-Gedanke schon seit vielen Jahren eine große Rolle und wird im täglichen Handeln gelebt. Alle Schulen in Wendelstein behandeln das Thema "Fairtrade". Das Gymnasium Wendelstein ist sogar eine zertifizierte "Fairtrade-Schule".

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© Julius-Maximilians-Universität Würzburg (dpa)

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Frage 1/8:

Wie lange dauert es, bis ein Kaugummi verrottet?

Mehrere Jahre - wenn überhaupt. Denn damit Kaugummi so schön gummiartig ist, braucht es sogenannte Polymere - und die basieren auf Erdölbasis. Zusammen mit Zucker oder Zuckerersatzstoffen, künstlichen Farbstoffen, Verdickungsmitteln und Geschmacksverstärkern kauen wir am Ende auf einer Substanz, die biologisch nur schwer abbaubar ist. Die ökologisch bessere Alternative sind also Lutschpastillen.

© Lukas Schulze, NZ

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Frage 2/8:

In welche Mülltonne gehören leere Tiefkühl-Verpackungen?

In die Gelbe Tonne oder den Gelben Sack - wenn nichts anderes auf dem Karton steht. Denn oft ist die Verpackung mit Kunststoff beschichtet.

© dpa

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Frage 3/8:

Und wohin gehören Kassenbons?

Kassenbons (wie auch Lotteriezettel, Automatenbelege oder manche Kontoauszüge) bestehen aus sogenanntem Thermopapier, bei dem die Farbe durch Hitze erzeugt wird. Für die dafür nötige Beschichtung wird meistens Bisphenol A (BPA) verwendet, ein Weichmacher, der als krebserregend gilt. Deshalb dürfen Kassenbons nicht in den Recycling-Kreislauf gelangen.

© Colourbox.de

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Frage 4/8:

Ein Vollbad verbraucht ungefähr 140 Liter Wasser. Und eine Dusche?

Es sind im Schnitt 15 Liter. Inzwischen gibt es aber energiesparende Duschköpfe, bei denen z.B. Luft beigemischt wird. In der Anschaffung sind sie zwar teurer als herkömmliche Duschköpfe. Je nachdem, wie oft und wie viele Menschen in einem Haushalt duschen, kann sich so ein Kauf aber schnell rechnen.

© Ina Fassbender/dpa

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Frage 5/8:

Wie viele Einweg-PET-Flaschen werden in Deutschland pro Stunde verbraucht?

Fast zwei Millionen! Laut Deutscher Umwelthilfe sind Einweg-Flaschen aus Plastik immer noch das am häufigsten verwendete Material bei Getränken. Weil für die Herstellung oft neuer Kunststoff verwendet wird, ist so viel Rohöl nötig, wie fast 400.000 Einfamilienhäusern genügen würde, um ein Jahr lang beheizt zu werden.

© Britta Pedersen/Archiv (dpa)

© Britta Pedersen/Archiv (dpa)

Frage 6/8:

Wo ist die Umweltbilanz beim Smartphone am schlechtesten?

In der Herstellung liegt der Verbrauch an Energie und CO2 immer noch 5 bis 10 Mal so hoch wie in der Nutzung. Das liegt vor allem an Rohstoffen (Erze, Gold oder seltene Erden), die energieintensiv abgebaut werden müssen. Laut Greenpeace verschlang die Smartphone-Produktion in den letzten zehn Jahren so viel, wie ganz Indien pro Jahr für die Energieversorgung braucht.

© Bodo Marks/Archiv (dpa)

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Frage 7/8:

Wir bestellen immer öfter Kleidung online. Wie viele Pakete gehen im Schnitt zurück?

Fast jedes Zweite! Laut Verbraucherzentrale macht das rund 800.000 Pakete - jeden Tag. Der Kohlendioxid, der dadurch entsteht, entspricht 255 Autofahrten von Frankfurt nach Peking.

© colourbox.de

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Frage 8/8:

Ein Flug nach Teneriffa ist so schädlich wie ??? Autofahren.

Etwa ein Jahr lang. Diese Angabe stammt von der Umweltorganisation Germanwatch und beruft sich auf eine Studie internationaler Forscher (The carbon footprint of global tourism).

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Die neuen Markt-Wendelstein-Stofftaschen sind Fairtrade-Taschen. Sie wurden mit dem Fairtrade-Logo bedruckt. Insgesamt hat der Markt Wendelstein 2000 Taschen bestellt. Außerdem hat die Gemeinde neue Stofftaschen für Gemeindegeschenke anlässlich von Jubiläen aus Fairtrade-Stoff gekauft. Wenn jemand seinen 90. Geburtstag feiert, bekommt er darin eine Decke und ein Kissen.

Die neuen Stofflätzchen für Neugeborene wurden als "Bio-Fairtrade-Artikel" angeschafft. Insgesamt kaufte der Markt Wendelstein 250 rosa und 250 hellblaue Lätzchen.

Es gehe aber auch darum, Kunststoff-Verpackungen zu vermeiden. "Wir machen uns bis ins Einzelne Gedanken", sagt der Bürgermeister dazu. So verwende der Markt Wendelstein als Verpackung für ein Weizenglas ein Säckchen statt Plastikfolie. ",Bio’ und ,regional‘ spielt eine große Rolle". Wir nehmen deshalb Honig nicht aus Peru, sondern vom heimischen Imker", so Werner Langhans.

"Da muss noch etwas passieren"

Der Markt Wendelstein habe auch schon versucht, faire Lebkuchen für seinen Seniorennachmittag zu bekommen. Doch das sei an den Gewürzen gescheitert. "Gebt mir Gewürze", habe der Bäcker Andreas Enßer gesagt. Dazu Langhans: "Da muss noch etwas passieren." Ziel sei es, durch Wettbewerb einen Preis zu bekommen, der akzeptabel sei. Wenn der Markt Wendelstein immer wieder nach fairen Produkten frage, würden sich die Hersteller darauf einstellen.

Die "Fairtrade-Gemeinde" Wendelstein hat sich im April am Sondernewsletter der Fairen Metropolregion für die nachhaltige Beschaffung von Warnschutz- und Arbeitskleidung beteiligt und ist auf der Homepage der fairen Metropolregion bei "guten Beispielen" aufgelistet. Der Beitrag findet sich unter www.fairemetropolregionnuernberg.de/gute-beispiele.

Im Rahmen der "Fairen Woche" sollte am 12. September im Jugendtreff der Film "Tausche T-Shirt gegen Hoffnung" vorgeführt und mit einer Teilnehmerin des Filmteams diskutiert werden. Diese Veranstaltung war jedoch zu kurzfristig angekündigt worden und musste mangels Interesse abgesagt werden. Eine Wiederholung ist allerdings geplant.

Auf der gemeindlichen Homepage ist ein eigener Bereich für Fairtrade eingerichtet. Er liegt unter dem Punkt "Bauen & Umwelt". Seit neuestem gibt es dort einen Einkaufsführer mit allen Wendelsteiner Geschäften, die Fairtrade-Artikel verkaufen.

Neue Friedhofssatzung

Der jüngste und bislang letzte Baustein der Fairtrade-Bemühungen: In die neue Friedhofs- und Bestattungssatzung wurde das Verbot von Grabsteinen und Grabsteinfassungen aus Kinderarbeit aufgenommen.

GUNTHER HESS

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