Bausteine für Schwabach — ein Stück Industriegeschichte

6.4.2013, 09:19 Uhr
Diese Postkarte um 1900 zeigt die Carl’sche Dampfziegelei. Deren Besitzer Johann Carl war zudem „Baumeister“ und prägte das Stadtbild wesentlich mit. Die Ziegelei in der Ziegelstraße arbeitete bis 1957. Erhalten ist nur die Villa.

Diese Postkarte um 1900 zeigt die Carl’sche Dampfziegelei. Deren Besitzer Johann Carl war zudem „Baumeister“ und prägte das Stadtbild wesentlich mit. Die Ziegelei in der Ziegelstraße arbeitete bis 1957. Erhalten ist nur die Villa. © (Archiv) Edda Bettini

Der Heimatforscher Friedrich Seyferth hat dieses wichtige, aber fast vergessene Kapitel Schwabacher Industriegeschichte neu beleuchtet:

Geht man aufmerksam durch die Stadt, fallen ältere Gebäude ins Auge, welche nur aus Ziegelsteinen oder einer Mischung aus Sand- und Ziegelsteinen bestehen. Die meisten dieser Steine dürften aus den ehemals fünf Schwabacher Ziegeleien stammen.

Fabrikgebäude aus Ziegelstein

Etliche dieser Bauwerke befinden sich in der Südlichen Ringstraße mit den Hausnummern 1, 3, 5, 9, 34, 44 und 46. Aber auch das erste imposante Hartziegelgebäude in der Altstadt, das der Brauerei Leitner, ist sehenswert. Teile der Fabrikgebäude der Firma Staedtler & Uhl mit den Scheddächern sowie das Gebäude der Firma BayWa an der Ecke Rother-/Angerstraße (ehemals Teil der Wenglein’schen Nadelfabrik) sind noch Relikte dieser Zeit.

Darüber hinaus bestehen noch viele weitere solcher Bauwerke an unterschiedlichen Orten im Stadtgebiet. Aus der ab 1885 benannten Ziegelgasse wurde 1933 die heutige Hindenburgstraße. Die Ziegelstraße zwischen Theodor-Heuss- und Austraße erhielt 1955 ihren heutigen Namen.

1. Ziegelhütte „Rittersbacher Straße“: Diese Ziegelhütte vor dem Zöllnertor ist die älteste im Stadtgebiet. Im Historischen Stadtlexikon Schwabach wird berichtet, dass bis 1530 die Stadt Eigentümerin war. Die Ziegelei befand sich auf dem Grund der Ziegelgasse 1, heute Rittersbacher Str. 1, 3, 5 (Teil der Gaststätte „Gartenlaube“).

Die Lehmgruben lagen beim Siechweiher und nördlich von Uigenau am sogenannten Reichenbacher Weg, wie alte Flurnamen „In der Leimgrube“ belegen. Auch die Hospitalstiftung war von 1716 bis 1777 Eigentümerin. Ein Christian Casper Büchler war der erste private Besitzer. Über 100 Jahre war die Ziegelei im Besitz dieser Familie. Bis um 1885 dürfte die Ziegelei, zuletzt von C. Büchler, betrieben worden sein.

Gastwirtschaft kam dazu

1825 brannten das Brennofengebäude und die Trockenanlage ab. Mangels geeigneten Lehms musste der Betrieb eingeschränkt werden. Zur Verbesserung der Rentabilität erhielt die Ziegelhütte 1824 die Gastwirtsgerechtigkeit. Die Gaststätte gibt es noch.

2. Ziegelhütte „Eichwasen“: Der Mangel in der Ziegelherstellung bewog den Rotgerbermeister Pankratius Ernst 1815/16 nach langwierigen Verhandlungen eine zweite Brennerei zu schaffen. Der Betrieb wurde um 1900 eingestellt. Von 1901 bis 1968 stand neben dem ehemaligen Ziegeleigelände (Eichwasen Nr. 11) die „Villa Eichwasen“, die bis 1941 als Ausflugslokal bewirtschaftet wurde.

Abriss zugunsten eines neuen Stadtteils

1968 erfolgte der Abriss der alten Villa und ihrer Nebengebäude, um für den neuen Stadtteil „Eichwasen“ Platz zu schaffen. Die Ziegelei und die Villa befanden sich im Bereich des ehemaligen Bolzplatzes, heute bebaut mit Wohnhäusern. Wie Leonhard Lämmermann vom Weingäßchen aus Erzählungen seines Vaters zu berichten weiß, wurde der Hauskeller des damaligen Anwesens 1896 aus Backsteinen der Ziegelei vom Eichwasen errichtet.

3. Ziegelei Georg Schindler (später Anwesen „Mentler“)
: Laut dem Einwohnerbuch von 1898 befand sich in der Nürnberger Str. 43 (heute Dr.-Haas-Str. 1 und 1a) die Ziegelei von Georg Schindler. Dieser erhielt 1862 die Genehmigung zum Bau eines Wohnhauses und die Lizenz zur Errichtung einer Ziegelbrennerei. Diese sicher nur kleine Ziegelei ist nur ganz wenigen Schwabachern bekannt.

Die Altbäuerin Erna Adel aus Nasbach hat Friedrich Seyferth darauf aufmerksam gemacht. Willi Mentler kann sich noch an Erzählungen seines Großvaters Johann Mentler über die Ziegelei erinnern. Die mit dem Fuß zu bedienende eiserne Backsteinpresse war noch bis etwa 1948 vorhanden. Ebenso die Trocknungshalle. Die Ziegelei dürfte bis Anfang 1900 bestanden haben. Wo die dazu gehörige Lehmgrube lag, ist heute leider nicht mehr bekannt.

Die Ziegelei Tauber & Bayerlein um 1960 an der Alten Rother Straße: Mitte links das Lehmzwischenlager. Die Gebäude mit dem oberen Schlot waren das Maschinenhaus, das Kesselhaus und das Pressenhaus. Die drei kleineren Gebäude in der Mitte unten beherbergten das Büro der Ziegelei und Unterkünfte für Arbeiter, darunter die ersten italienischen Gastarbeiter in Schwabach.

Die Ziegelei Tauber & Bayerlein um 1960 an der Alten Rother Straße: Mitte links das Lehmzwischenlager. Die Gebäude mit dem oberen Schlot waren das Maschinenhaus, das Kesselhaus und das Pressenhaus. Die drei kleineren Gebäude in der Mitte unten beherbergten das Büro der Ziegelei und Unterkünfte für Arbeiter, darunter die ersten italienischen Gastarbeiter in Schwabach. © Stadtarchiv

4. Ringofen-Ziegelei Tauber & Bayerlein: Sie befand sich von 1861 bis 1966 in der Bahnhofstraße 28, ab 1908 Reisenleiterstraße 2. Die Firma lag zwischen der Alten Rother Straße und den Bahngleisen. 1861 errichtete Konrad Ströbel an der Bahnhofstraße eine kleine Ziegelei. Im Einwohnerbuch von 1898 sind bereits Karl Bayerlein und Kaspar Tauber als Eigentümer der vergrößerten Ringofenziegelei genannt. 1914 erscheinen Carl Gerber und Matthias Thäter als Inhaber.

Die Reisenleiterstraße (1908 — 1978) gibt es heute nicht mehr. Die Reisenleiter haben zu den „ehrbaren alten Geschlechtern“ in Schwabach gehört.

Lehm aus dem Vogelherd

Der zur Ziegel- und Backsteinherstellung benötigte Lehm wurde aus einer Grube südlich des Vogelherds auf einer Fläche von rund 1,3 Hektar abgebaut und mit einer Feldbahn zur Weiterverarbeitung in die Ziegelei gebracht. Diese führte von der Ziegelei nach Süden parallel der Eisenbahn durch das Grundstück „In der Erimitage“ über die Straße Vogelherd und den Igelsdorfer Weg in die Lehmgrube. Heute noch ist südlich des Vogelherdes der Verlauf der Bahngleise in einer Mulde des Geländes auf einer Länge von etwa 250 Meter deutlich zu erkennen.

Die Ringofenziegelei florierte und besaß einen eigenen Gleisanschluss. 1929 zerstörte ein Großbrand das zweite Ofenhaus sowie das Fabrikationsgebäude für Backsteine. Es erfolgte zwar sofort der Wiederaufbau.

Hochlochziegel und Biberschwänze

Um 1950 waren etwa 50 Arbeitnehmer vorzugsweise mit der Herstellung von „Delta“-Hochloch-Ziegelsteinen beschäftigt. Bis Mitte der 1950er Jahre wurden auch noch Dachziegel der Sorte „Biberschwanz“ hergestellt. Wie der letzte langjährige Betriebsleiter der Ziegelei, Johann Hoffmann, zu erzählen weiß, kam der Lehm mit

der Feldbahn von der Lehmgrube zur Zwischenlagerung bei der Ziegelei. Wegen der unterschiedlichen Qualität musste der Lehm erst gemischt werden. Daraufhin wurde der Lehm in Rollwagen mit einer Kette hochgezogen und über Band in den „Koller“ (Walzwerk) eingebracht. Nach dem Durchlaufen des Feinwalzwerkes wurde der Lehm mittels einer Presse vollautomatisch zu Loch- oder Vollsteinen geformt.

Nach Durchlaufen der Trockenkammern (drei Tage) kamen die Steine in den Brennofen, der mit Feinkohle befeuert wurde. Anschließend konnten die fertigen Backsteine ausgeliefert werden. Als die Backsteinherstellung zu Ende ging, erfolgte die Umstellung auf Beton-Pflastersteine und Betonfertigteilen mit eigenem Betonwerk. Um 1966 war die Lehmgrube beim Vogelherd ziemlich ausgebeutet. Es erfolgte daraufhin der Verkauf des Geländes an den Zweckverband zur Beseitigung von Sondermüll.

5. Carl’sche Dampfziegelei: Errichtet wurde die Ziegelei 1867 von Peter Zehrer in der Ziegelgasse. Sein Nachfolger Stefan Fölsner erweiterte sie 1881 um ein Trockenhaus und weitere Gebäude. 1896 vergrößerte der neue Besitzer Johann Carl die Ziegelei, errichtete einen Kesselraum und erbaute 1897 die Villa. Dieses Wohnhaus ist noch erhalten.

Die Bilder zeigen Johann Carl (1856 – 1923) und seiner Ehefrau Marie (1860 – 1928).

Die Bilder zeigen Johann Carl (1856 – 1923) und seiner Ehefrau Marie (1860 – 1928).

Bau imposanter Gebäude

Johann Carl war aber nicht nur Ziegeleibesitzer, sondern „Baumeister“. Dieser Titel wurde ihm 1911 vom Magistrat eigens zugebilligt. Zwischen 1882 und 1896 entstanden durch ihn viele denkmalwürdige Bauwerke in Schwabach und Umgebung, wie der Turm der Spitalkirche, das Textilhaus Rosenstein, das Reichswaisenhaus, die Ribot’sche Villa mit Fabrik, der Gasthof zum Bären mit Saal, das Hotel Luitpold, die Fabrik Schmauser, der Musiktempel im Stadtpark, das alte Postgebäude, die Prunkbauten in der Südlichen Ringstraße 1, 3 und 5, die Schulhäuser in Barthelmesaurach und Gustenfelden und noch viele weitere Bauwerke.

Der zur Ziegel- und Backsteinherstellung benötigte Lehm wurde südlich von Schwabach (heutiges DJK-Gelände) abgebaut.

Der Betrieb der Carl’schen Ziegelei wurde um 1957 endgültig eingestellt. Letzter Ziegeleibesitzer war Oskar Carl (1899 — 1997).

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