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Finanzierung der Krankenhäuser: Es ist fünf nach zwölf

„Uns rettet niemand“ - Diskussion um die Finanzierung der Krankenhäuser - 23.04.2013 09:00 Uhr

„Ich kann es nicht mehr hören“, sagt sie, denn sie findet, warme Worte reichen nicht. „Wir sind unzufrieden und überlastet, es muss sich endlich etwas ändern für uns Pflegekräfte“, verlangt sie.

33 Betroffene

Ein prominentes und fachkundiges Podium. Ein bis auf den letzten Platz gefülltes Foyer im Laufer Krankenhaus. Fünf nach zwölf ist es in Sachen Finanzierung des Krankenhauswesens in Deutschland, finden die 33 mittelfränkischen Krankenhäuser. Deshalb haben sie ihre öffentliche Diskussion in Lauf auch so genannt: „Fünf nach zwölf.“

Es geht um die chronische Unterfinanzierung der stationären Heilbehandlung. „Viele Krankenhäuser in Mittelfranken, die vor Jahren noch schwarze Zahlen hatten, erwarten nun Defizite“, beschreibt der Laufer Leiter Michael Hitzschke die Situation. Im Publikum sitzen überwiegend Betroffene. Ärzte, Pfleger, Schwestern. „Wir alle sind das Krankenhaus“, steht auf dem T-Shirt einer Krankenschwester.

„Kosten-Erlös-Schere“

Neben Hitzschke sprechen auch Helmut Nawratil, Chef der Bezirkskliniken, und Werner Rupp, Verwaltungsleiter der Rother Kreisklinik, von einer „Kosten-Erlös-Schere“, die die Arbeit in den mittelfränkischen Kliniken schwer belastet. 80 Prozent der Ausgaben fließen dort in das Personal. „Seit 2008 sind in Roth die Einkommen um 14,6 Prozent gestiegen, unsere Erlöse aber lediglich um 8,6 Prozent“, berichtet Werner Rupp. In Geld bedeutet allein diese Entwicklung pro Jahr ein Defizit von 1,8 Millionen Euro, rechnet Rupp vor.

Mehr Sparen geht nicht

Marlene Mortler (CSU) und Marina Schuster (FDP) sind keine Gesundheitsexpertinnen. Dennoch steigen die beiden örtlichen Bundestagsabgeordneten für die Koalition in den Ring und betonen die Bedeutung einer qualitätvollen und wohnortnahen medizinischen Versorgung. 1,1 Milliarden habe die Regierung in den Jahren 2013 und 2014 zusätzlich für die Krankenhäuser bereitgestellt, unterstreichen sie.

Für Michael Hitzschke muss insbesondere mit solchen Aktionen Schluss sein. „Es geht nicht um eine einmalige finanzielle Entlastung der Krankenhäuser, sondern um eine dauerhafte leistungsgerechte Vergütung“, sagt Hitzschke. Für ihn sind alle Sparpotenziale und die Effekte von Rationalisierung und Optimierung aufgebraucht. „Die Rücklagen der Kassen betragen indes 28 Milliarden“, verweist er auf ein Potenzial zur Lösung der Vergütungskrise.

Keinen leichten Stand hatten die Bundestagsabgeordneten Marina Schuster (2.v.li.) und Marlene Mortler (Mi.) bei der Podiumsdiskussion. Eingerahmt werden sie auf diesem Bild (von links) vom FW-Bundestagskandidaten Hartwig Kohl, Helmut Nawratil von den Bezirkskliniken und dem Rother Klinik-Vorstand Werner Rupp. © Schmitt


Birgit Raab, Schwabacher Bezirksrätin der Grünen und Bundestagskandidatin im Wahlkreis Schwabach-Nürnberg-Süd, sieht auch den Freistaat in der Pflicht. Er müsse höhere Zuschüsse für die Investitionen der Kliniken leisten, sagt Raab und verlangt „mehr staatliche Steuerung und Planung im Gesundheitswesen“.

„Lächerliche“ Finanzspritze

Hartwig Kohl, niedergelassener Urologe aus Hersbruck und Bundestagskandidat der Freien Wähler im Wahlkreis Roth, findet die Finanzspritze für zwei Jahre geradezu lächerlich. „Das sind im Schnitt 250000 pro Krankenhaus und Jahr“, rechnet er schnell. Der 56-Jährige arbeitet seit 32 Jahren als selbstständiger Arzt und hat dabei eine Erfahrung gemacht: „Nach jedem Protest, und ich habe viele erlebt, sind wir Leistungserbringer heim gegangen und haben weitergemacht.“

Kohl zog als Vergleich die Rettung der Banken herbei. „Wir sind auch systemrelevant, wir haben keine Fehler gemacht, aber uns rettet niemand“, erklärt der Mediziner. Dabei sei es doch so, dass der Staat zusammenbrechen würde, wenn die medizinischen Berufe verschwinden würden.

In der Diskussion beklagen Ärzte, Therapeuten sowie Pfleger und Schwestern die ihrer Meinung nach überbordende Dokumentation auch in nichtmedizinischen Bereichen. „Der Patient muss bei uns elf Formulare unterschreiben.“ Die dafür aufgewendete Zeit fehle, um sich dem kranken Menschen zuzuwenden, heißt es immer wieder bei Wortmeldungen.

„Ich schaff’s nicht mehr“

Für Guntram Rudolph, Pflegedienstleiter in Roth, reagiert die Politik insgesamt zu spät. „Sie laufen der Entwicklung hinterher“, wendet er sich unmittelbar an Schuster und Mortler. „Das geht auf Kosten der Mitarbeiter“, so Rudolph.

So sieht es auch seine Kollegin. „Seit 25 Jahren gibt es Arbeitsverdichtung und heute sagen viele: Ich schaff’s nicht mehr“, stellt Stilla Baumann fest.

ROBERT SCHMITT

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