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Donnerstag, 24.09.2020

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Firmen-Aus in Schwabach kostet über 60 Arbeitsplätze

Kritik an der W&L Deutsche Technoplast: "Knallharte Finanzentscheidung" - 03.08.2020 07:14 Uhr

Das Gelände der W&L Deutsche Technoplast im Schwabacher Gewerbegebiet Falbenholz: Ende des Jahres werden die Tore geschlossen.

© Foto: Thomas Correll


Die W&L Deutsche Technoplast schließt ihre Tore zum Jahresende. Die Firma stellt Bauteile aus Plastik und Metall her, etwa für Automobil-Zulieferer. Vom Aus in Schwabach hatten wir bereits berichtet. Allerdings hieß es zunächst, über die Zukunft der Mitarbeitenden könne noch keine Aussage gemacht werden. Auf Nachfrage des Schwabacher Tagblatts hat Geschäftsführerin Birgit M. Groitl nun eingeräumt, das alle Arbeitsverträge "vollumfänglich" gekündigt wurden.

Die Frage, um wie viele Betroffene es sich handelt, wurde nicht beantwortet. Ein Mitarbeiter der Firma, der anonym bleiben möchte, spricht von über 60 Menschen. Für ihn ist die Schließung ein harter Schlag. Er ist über 50 Jahre alt, einen neuen Arbeitsplatz zu finden, werde sicher nicht einfach. Und damit sei er nicht der Einzige.

Auch die Art und Weise, wie mit den Mitarbeitenden umgegangen worden sei, kritisiert er: "In der heutigen Zeit langjährige Mitarbeiter einfach zu kündigen, ohne Abfindung, ohne Sozialplan, ohne die Möglichkeit einer Weiterbeschäftigung an einem anderen Standort, das ist schon ein starkes Stück." Die Unternehmensführung versuche, medial unter dem Radar zu bleiben – über Karstadt in Nürnberg etwa werde groß berichtet, da gehe es auch nicht um viel mehr Mitarbeiter. Deshalb habe er sich auch an die Zeitung gewandt.

Corona nicht Hauptgrund

Als Kündigungsgrund sei die Betriebsschließung wegen wirtschaftlicher Einbußen genannt worden. Die Coronakrise sei ein schwerer Schlag gewesen, aber nicht der Hauptgrund für das Aus. Bei der außerordentlichen Betriebsversammlung, die zur Bekanntgabe der Schließung einberufen wurde, seien Nachfragen unerwünscht gewesen.

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Birgit M. Groitl gibt zu den Schließungsgründen folgende Erklärung: "Bereits 2011 fand eine erste intensive Restrukturierung statt, und spätestens seitdem wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter immer in regelmäßigen Belegschaftsversammlungen über die Lage des Unternehmens informiert. Die Stärken des Unternehmens, verlässlich im Umgang mit den kundeneigenen Formen zu sein, diese ständig zu verbessern, genauso wie flexibel bezüglich der Planung und Steuerung auf kurzfristige Abrufänderungen der Kunden zu reagieren, wurden immer weniger honoriert."

Kein anderer Standort?

Ein Angebot zur Weiterbeschäftigung habe sie den Schwabacher Angestellten nicht machen können: "Da die W&L Deutsche Technoplast GmbH ein rechtlich und wirtschaftlich eigenständiges Unternehmen mit nur einer einzigen Betriebsstätte ist, gab und gibt es auch keinen anderen Standort, an den die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten weiterbeschäftigt werden können."

Allerdings gehört die W&L Deutsche Technoplast GmbH zur Gruppe Deutsche Technoplast, und die hat zwei weitere Betriebsstätten: Den Firmensitz in Wörth an der Donau, nahe Regensburg, und ein Werk in Malaysia. In Schwabach hatte die Deutsche Technoplast die insolvente Firma Wolf&Liegel (daher kommt der Zusatz W&L) vor elf Jahren übernommen.

Der Standort Wörth scheint indessen nicht in Gefahr. So hieß es am 1. Juli in einem Zeitungsartikel der Donau Post: "Für das Werk in Wörth gibt es aus dem Unternehmen allerdings Entwarnung: Die Deutsche Technoplast verzeichne sogar wieder mehr Aufträge. Man gehe stattdessen mittlerweile davon aus, dass ,die Talsohle durchschritten sei‘, hieß es auf Nachfrage."

"Sichere Arbeitsplätze"

Das muss den Schwabacher Beschäftigten wie Hohn vorkommen, ebenso wie die Statements auf der Internetseite der Deutschen Technoplast. "Wir sind eine gesunde und für unsere Innovation und Führungskultur mehrfach ausgezeichnete Unternehmensgruppe mit besten Zukunftsperspektiven", heißt es da.

Man biete "attraktivere Arbeitsplätze als andere", habe eine "achtsame Unternehmenskultur", die den Angestellten "Rückhalt gibt und sie zugleich bei der Entfaltung ihrer Talente und Lebenspläne unterstützt". "Dabei geben wir unseren Mitarbeitern und deren Familien Sicherheit – auch eine leistungsorientierte Entlohnung und sichere, zukunftsorientierte Arbeitsplätze vor Ort." Es klingt nicht nach einer Firmengruppe, die gerade einen Standort mit über 60 Mitarbeitern schließen muss.

"Kundenzufriedenheit ist Führungssache"

Verärgert ist auch Franz Spieß, Chef der IG Metall in Schwabach. Bei der W&L Deutsche Technoplast handle es sich um einen "typischen Hybrid", für den sowohl die IG Metall als auch die IG Chemie zuständig sein könnten. Es gebe dort aber keinen Betriebsrat. Versuche dazu habe es vor elf Jahren gegeben, nach der Übernahme. Sie seien aber im Sande verlaufen.

"Nach den vorliegenden Informationen hat die Zukunft und die Existenz der Beschäftigten bei dieser Schließung keine Rolle gespielt. Es ist eine knallharte Finanzentscheidung", betont Spieß. Er bietet den Mitarbeitenden die Hilfe der Gewerkschaft an. Auch wenn keine offizielle Vertretung besteht, wolle man solidarisch sein. Zur Begründung der Schließung, die Kunden hätten die Stärken der Firma nicht mehr honoriert, hat er eine klare Meinung: "Die Kundenzufriedenheit ist Führungssache, die Qualität eine unternehmerische Entscheidung. Es ist ein Fall von Doppelmoral, wenn nun die Beschäftigten Fehler in diesem Bereich ausbaden müssen."

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