Nachruf auf das Drei-S-Werk

24.2.2015, 09:05 Uhr
Die Ansicht der Fabrik veränderte sich um 1930 stark.

Die Ansicht der Fabrik veränderte sich um 1930 stark. © Foto: Richard Hirthe / Sammlung U. Distler

Dem grün angestrichenen Mittelgebäude in der Nördlichen Ringstraße ist kaum mehr anzusehen, dass es einst ein Wirtshaus war. Hier stärkten sich früher die Fuhrleute bei einem Bier und einer Brotzeit. Übrigens wurden auf den Feldern hinter dem Anwesen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges Leute beerdigt.

Im 19. Jahrhundert begannen Schwabacher Unternehmer damit, ihre Fabrikationsstätten vor die Stadtmauern zu verlegen. So entstand 1869 die modern eingerichtete Staedtlersche Nadelfabrik gegenüber dem einstigen Gaswerk.

Auch der Schwabacher Nadlermeister Georg Reingruber, der seine Werkstatt in der Neutorstraße (heute Anwesen Kastner) hatte, kehrte der drangvollen Enge in der Altstadt den Rücken. Er erwarb um 1898 besagte Gastwirtschaft, um dort eine moderne Nadelfabrik zu errichten.

Erst heimlich, dann ausschließlich

Um 1904 erwischte Georg Reingruber seinen Schlossermeister Strobel bei der heimlichen Herstellung von Grammophonnadeln. Der Arbeiter war nämlich Nebenerwerbsgastwirt. In seiner Gaststätte stand das erste Grammophon mit Geldautomatenbetrieb. Für diesen Apparat fertigte er die Nadeln. Diese Episode führte dazu, dass Reingruber die Nähnadelfabrikation einstellte und ab 1906 ausschließlich Grammophonnadeln herstellte.

Einige Reklamemarken der Firma Reingruber aus der Zeit um 1920.

Einige Reklamemarken der Firma Reingruber aus der Zeit um 1920. © Sammlung U. Distler

Entscheidend für diese Entwicklung war der Erwerb des russischen Patents für die Herstellung der „Burchard-Nadel“ in Deutschland. Neben dieser Marke führte man noch die „Pascha-Nadel“, die „Fürsten-Nadel“ und die „Klingsor-Nadel“. Eine der Fabrikmarken war der Nürnberger Jungfrauenadler. Um 1910 kamen Reklamemarken auf den Markt, die auf diese Produkte hinwiesen. Schöpfer der Darstellungen war der Jugendstilkünstler Siegmund von Suchodolski.

Anlässlich der Zeppelin-Dauerfahrt von 1908 brachte die Firma ein Sortiment von acht Nadeldosen mit Zeppelin-Motiven heraus.

Nadeldosen mit Zeppelin-Motiv.

Nadeldosen mit Zeppelin-Motiv. © Sammlung U. Distler

Im gleichen Jahr erschien auch eine Schellackplatte mit der Rede des Grafen Zeppelin an das deutsche Volk. Diese Beispiele zeigen, wie sehr die Herstellung von Grammophonnadeln in diesem Betrieb florierte. Schon bald gliederte man dem Werk eine Federnabteilung an, die die passenden Zugfedern für die Grammophone fabrizierte. Sogar Ersatzteile für das Grammophon wurden in Schwabach gefertigt. Die Firma hieß von nun an: „Schwabacher Nadel- und Federnfabrik Fr. Reingruber“.

Nach dem Tod Georg Reingrubers führte dessen Frau zusammen mit den Söhnen Hermann und Fritz den Betrieb weiter. Zwischen 1909 und 1910 errichteten sie eine kleinere Zweigniederlassung in Wickwitz in Böhmen. Um 1912 übersiedelte die Zweigniederlassung nach Mörtischau bei Karlsbad.

Tuchmann Alleininhaber

Dadurch, dass man neben der Herstellung von Grammophonnadeln auch die Fabrikation branchenfremder Artikel, wie Matratzenfedern betrieb, geriet die Firma Reingruber in finanzielle Schwierigkeiten. So kam es, dass der Teilhaber, Kommerzienrat Max Philipp Tuchmann, 1913 alleiniger Inhaber der Fabrik wurde.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stellte das Unternehmen vor neue schwierige Aufgaben. Wichtige Auslandsbeziehungen fanden plötzlich ihr Ende und die Grammophonnadel-Fabrikation lag darnieder. So entschloss man sich, von nun an auch Spinnerei-Nadeln herzustellen. Das Unternehmen führte ab jetzt den Namen „Schwabacher Spinnereinadel- und Stahlspitzenwerk“, kurz „Drei-S-Werk“.

Zu diesem Zeitpunkt war bereits Walter Tuchmann, der Sohn des Kommerzienrats, Inhaber der Firma. Die große Produktpalette an Grammophonnadeln zur Zeit Tuchmanns spiegeln die Nadeldosen wieder.

Walter Tuchmann, der Honorarkonsul von Honduras war, war als Firmenchef sehr beliebt. Leute aus dem In- und Ausland besichtigten den Schwabacher Betrieb. So brachte die Nürnberger Illustrierte im Jahr 1928 ein Foto, das Walter Tuchmann und den Prinzen Alfons von Bayern beim Besuch des Schwabacher Drei-S-Werks zeigt.

Flucht vor den Nazis

Damals beschäftigte man ca. 130 Mitarbeiter. Im sogenannten „Dritten Reich“ hatte Tuchmann aufgrund seiner jüdischen Abstammung unter Repressalien zu leiden. Gemäß den „Nürnberger Gesetzen“ warf man ihm Rassenschande vor. Auch Devisenvergehen wurden ihm in die Schuhe geschoben. Dies führte dazu, dass er 1937 die Fabrik an eine Kommanditgesellschaft verkaufte und nach Honduras auswanderte.

Die Gesellschaft bestand aus den Kommanditisten Richard Schmauser, Herbert J. Schmauser und Dr. Ing. Otto Wiedemeyer. Damals zählte der Betrieb 87 Arbeiter.

Während des Zweiten Weltkrieges war die Firma gezwungen, kriegswichtiges Material herzustellen. Nach dem Krieg nahm sie mit 150 Mitarbeitern die Produktion wieder auf. Als sie 1952 die Nadelfabrik Wenglein aufkaufte, konnte sie den Kundenkreis erweitern. Auch die Produktpalette wurde vergrößert. So stellte man von nun an zum Beispiel die „Norica-Büroklammern“ her.

1959 fertigte das Drei-S-Werk Nadeln für Kämmerei und Spinnerei-Vorbereitungsmaschinen, Nadeln für industrielle Zwecke in Sonderausführung, Lochstempel für den Stanz- und Schnittwerkzeugbau, Auswerferstifte für Plastik- und NE-Druckgussformen, Reißzeugnadeln und Reifenaufraustifte.

Für Sammler von Grammophonen stellte der Betrieb hin und wieder noch Grammophonnadeln her.

Im Jahr 2008 wurde der Betrieb nach Neuendettelsau verlegt. Im vorigen Jahr musste die Firma, bei der 134 Personen beschäftigt waren, Insolvenz anmelden. Ende Februar/Anfang März 2015 wird mit dem Abriss der alten Fabrikgebäude ein Stück Schwabacher Industriekultur für immer verschwinden.

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