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Rent-A-Fan: Schwabacher Firma vermietet Groupies

Jubel gegen Bezahlung, ein ungewöhnliches Geschäftsmodell - 22.02.2019 14:02 Uhr

Echte Fans? Vielleicht stecken auch Monika und Klaus dahinter... © Foto: colourbox.de


Folgende Geschichte ist wirklich passiert: Eine Band aus der Schweiz, die dort schon sehr erfolgreich Hallen füllt, steht kurz vor den ersten Auftritten in Deutschland. Es geht um viel, viel Geld vor allem: Klappt der Sprung in den größeren Absatzmarkt? Auch mental ist es für die Band-Mitglieder eine wichtige Situation in der Karriere. Rockt man volle Häuser oder blitzt man im Nachbarland ab und versucht es vielleicht nie wieder?

Monika Bernhard-Brendel und Klaus Bernhard führen Rent-A-Fan von Wolkersdorf aus. © Foto: Thomas Correll


Das Konzert in München wird ein Erfolg. Kurz darauf soll es in Berlin weitergehen. Doch der Kartenvorverkauf stockt. Hat sich das Management verkalkuliert? Die Band ist toll, da sind sich alle einig. Aber wenn die Musiker vor halbleeren Rängen spielen, deshalb womöglich in den Berliner Medien schlecht wegkommen – das wäre unangenehm.

Die Halle ist voll

Die Lösung: Ein Anruf in Schwabach-Wolkersdorf bei Monika Bernhard-Brendel und Klaus Bernhard, Ehepaar und Gründer der Agentur "Rent-A-Fan". Flugs sind ein paar Hundert "Fans" gebucht. Die Halle ist voll. Die bezahlten Claqueure machen das Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis – für die Band, die selbst gar nichts davon weiß, genauso wie für die zahlenden Zuschauer und die Hauptstadt-Medien. Deutschland-Premiere gerettet.

Menschen sind so, Stimmung kommt auf, wenn viele gut drauf sind. Und die Leute von Rent- A-Fan sind immer gut drauf, dafür werden sie schließlich bezahlt. "Wir sind sogar besser als ,echte‘ Fans", schmunzelt Monika Bernhard-Brendel. Den "Lemming-Effekt" nennt ihr Mann das Prinzip, nach denen ihre Aufträge funktionieren. Sei es eine Pressekonferenz, ein Geschäftsevent oder ein Konzert – die bezahlten Fans spiegeln Interesse vor, das wiederum Interesse weckt. Die Masse kann sich schließlich nicht irren. Ist das moralisch verwerflich?

Gesiezt wird hier nicht

Der Gedanke verfliegt zunächst, wenn man die beiden Wolkersdorfer zuhause besucht. Monika und Klaus, denn gesiezt wird hier nicht. Sie ist 63 Jahre alt, er 50, beide haben je zwei Kinder in die Ehe eingebracht. Seit elf Jahren führen sie die Agentur Rent-A-Fan, nebenberuflich, denn zum Leben reicht’s noch nicht. Das Paar hat viele Interessen: Ihr Geld verdienen sie mit IT-Dienstleistungen, sie entwickeln außerdem Apps und wurden bereits mit dem europäischen Erfinder-Preis ausgezeichnet. Als Künstlerin erschafft Monika Bernhard-Brendel außerdem geistreiche und ungewöhnliche Collagen.

Die herzliche Begrüßung soll aber nicht ablenken. Wie ist das also mit der Moral? "Wir bieten eine ganz normale Dienstleistung", so sieht es Klaus, der auch betont, dass bei manchen Veranstaltungen jedem klar sei, dass der Jubel bezahlt ist. Messen etwa, Abi-Feiern oder Hochzeiten, wo die "Fans" Teil des Events sind und einfach für mehr Stimmung sorgen. Oder Flashmobs in Einkaufszentren, die Verkaufsaktionen den Touch des Besonderen geben. Natürlich gebe es auch Aufträge, bei denen die Akteure Stillschweigen bewahren müssen. Allerdings habe man Grenzen: "Wir würden niemals politische Meinungsbildung machen", betont Klaus. Tatsächlich sei schon einmal eine Partei mit einem unmoralischen Angebot auf sie zugekommen.

Helene Fischer hat's nicht nötig

Wenn aber etwa ein Schlagersänger – in dieser Branche habe man öfters Aufträge – seinen Auftritt ein bisschen glamouröser aussehen lassen möchte, dann spreche da doch nichts dagegen. Klaus verrät natürlich nicht, auf wessen Konzerten er und seine Frau schon für Stimmung gesorgt haben, nur so viel: "Richtige Stars wie Helene Fischer brauchen das nicht. Es ist eher die C-Prominenz, die unsere Dienste in Anspruch nimmt."

Mittlerweile haben Monika und Klaus rund 16 000 potentielle Claqueure in ihrer Datenbank, auf den ganzen deutschsprachigen Raum verteilt. Besonders aktiv sind sie in den großen Metropolen, in München, Hamburg, Berlin oder Köln. "In Köln können wir in drei Stunden 100 Leute zusammentrommeln", sagt Klaus, durchaus mit Stolz in der Stimme.

Udo aus Leverkusen

Einer der "Fans" aus dem Rheinland ist Udo. Auch mit ihm ist man am Telefon sofort per Du und den Nachnamen, den dürfe man bei dem etwas heiklen Thema auch gerne weglassen. Also: Udo aus Leverkusen. Udo aus Leverkusen geht seit 30 Jahren dem "schönsten Hobby der Welt" nach, wie er es nennt. Vor allem beim Fernsehen, wo es gang und gäbe ist, Menschen fürs Klatschen zu bezahlen, verdient er sich etwas dazu. Monika und Klaus kennt er seit vielen Jahren, er lobt den familiären Umgang, der mit den beiden herrsche. Sie sind schließlich nicht nur Agentur-Chefs, sondern machen bei jeder Gelegenheit selbst den "Fan". So kommt man viel herum, hat Eintritt zu Events, die Normalsterblichen sonst verschlossen bleiben.

Das schätzt auch Udo. "Man lernt Promis hautnah kennen und schlüpft in verschiedene Rollen", erzählt er. Es sei auch ein schöner Ausgleich zu seinem Job in der Pharmaindustrie gewesen – mittlerweile ist er im Ruhestand. "Aber es muss immer Spaß bleiben", betont Udo. Selbst für politische Demonstrationen sei es heutzutage möglich, Menschen zu mieten. Das komme für ihn auf keinen Fall in Frage.

Skurrile Erlebnisse

Die Schauspielerei, das Geheime, so klingt das beim Gespräch durch, fasziniert Udo schon. Man erkenne oftmals die "Kollegen", man zwinkere sich zu, begrüßen könne man sich aber erst nach der Veranstaltung. Es gibt in Köln und anderen Großstädten offenbar richtige Szenen, die Szenen der gemieteten Fans, wo man sich kennt und immer wieder trifft. Das bestätigen auch Monika und Klaus.

In den elf Jahren, die es Rent- A-Fan bereits gibt, haben die beiden vieles erlebt. Dass sie mit Herz und Seele dabei sind, das ist offensichtlich, wenn sie von ihren oft skurrilen Erlebnissen berichten und in Erinnerungen schwelgen. Bei einer Beerdigung eines Großindustriellen sei man etwa einmal im Einsatz gewesen. Offenbar war befürchtet worden, dass die Menge der Trauergäste zu mickrig erscheinen könnte für diese wichtige Persönlichkeit.

Oder eine Hochzeit am Starnberger See – Klaus zwinkert und man kann sich sofort etwas darunter vorstellen. Da habe Geld keine Rolle gespielt, so dass gleich die Fischer-Chöre verpflichtete wurden. Oder eine Gesundheits-Messe in Nürnberg. Die Gäste, hauptsächlich aus der Kranken- oder Altenpflege, seien jeder einzeln mit Applaus begrüßt worden. "Die haben sich wahnsinnig gefreut", erinnert sich Monika. Bezahlt oder nicht, diese Art der Wertschätzung sei sehr gut angekommen.

Versuchte Erpressung

Ein letztes Mal noch kommt die Moralfrage auf. Dass Verschwiegenheit zu ihrem Geschäftsmodell gehört, brachte Klaus und Monika einmal fast in die Bredouille. Eine überregionale Zeitung, die wohl einen Skandal-Artikel im Sinne hatte, wollte Namen hören. Namen von Firmen, die Rent-A-Fan beauftragt hatten. Anderenfalls drohe negative Berichterstattung über die Agentur. Man sei der Erpressung problemlos entgangen, erinnert sich Klaus. Denn eben diese Zeitung habe selbst zum Kundenstamm von Rent-A-Fan gehört. "Wir haben geantwortet: Fragt doch mal bei euren Vorgesetzten nach, die wissen, wer bei uns Kunde ist", erzählt Klaus und lacht.

Ist es ethisch in Ordnung, was Rent-A-Fan macht? Langweilig ist es jedenfalls nicht. 

Thomas Correll Schwabacher Tagblatt E-Mail

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