Augenärzten gelang Durchbruch

So kamen die Erlanger Mediziner auf das Mittel gegen Long-Covid

Lena Wölki
Lena Wölki

Politik und Wirtschaft

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29.9.2021, 06:00 Uhr
Ein Patient sitzt in einer Klinik am Teutoburger Wald, in der Long-Covid-Patienten behandelt werden, zur Überprüfung seiner Lungenfunktion in einem Bodyplethysmographen.

© Sina Schuldt, ARC Ein Patient sitzt in einer Klinik am Teutoburger Wald, in der Long-Covid-Patienten behandelt werden, zur Überprüfung seiner Lungenfunktion in einem Bodyplethysmographen.

Es gibt zahllose Beispiele für die Heftigkeit der Long-Covid-Erkrankung. Sportler die nach einer Infektion mit Corona aus dem Leben gerissen werden. Gesunde Menschen die infolge einer COVID-19-Erkrankung plötzlich unter starken Erschöpfungszuständen, Gleichgewichts-, Koordinations- und Gedächtnisstörungen oder unter Muskelzuckungen und einem starken Zittern leiden. Die Symptome sind teilweise so schwer, dass die Betroffenen weder arbeiten noch ihren Alltag alleine bewältigen können.

Bis vor wenigen Monaten gab es für diese Menschen kein Heilmittel und nur wenig Möglichkeiten, die Symptome zu lindern. Doch im Juli 2021 kam es zu einem Durchbruch. Forschern der Augenklinik des Universitätsklinikums Erlangen gelang es, mit einem Medikament den Patienten zu helfen. Das Erstaunliche dabei: Der Wirkstoff BC 007 des Berliner Start-ups "Berlin Cures" wurde zunächst ganz ohne einen Bezug zu Long-Covid entwickelt.

Forschung an Glaukomen

Doch ganz von vorne. "Viele fragen sich, was Augenärzte damit zu tun haben", sagt Bettina Hohberger. Hohberger arbeitet schon seit mehreren Jahren in der Augenklinik in Erlangen. Bislang beschäftigte sie sich unter anderem mit Glaukomen - auch grüner Star genannt. Dabei handelt es sich um eine Augenerkrankung mit verschiedenen Ursachen, die bis hin zur Erblindung des Patienten führen kann.

Durch verschiedene Verfahren, bei denen die Kapillaren der Patienten untersucht wurden, fanden die Forscher heraus, dass sogenannte Autoantikörper dafür sorgen, dass die Durchblutung gestört und dadurch der Augeninnendruck deutlich erhöht ist.

Doch dann begann die Pandemie. Und so behandelte auch Hohberger Corona-Patienten im Krankenhaus. „Mit einer Funktionsoberärztin auf der Intensivstation kamen wir zu der Annahme, dass sich die Durchblutung am Auge als Folge einer Corona-Infektion verändern könnte, da das Virus selber die innerste Schicht der feinsten Blutgefäße befallen kann,“ sagt Hohberger.

Recover-Studie aus Erlangen

Zu diesem Zeitpunkt gab es nur wenige Fallberichte zu dem Thema, sodass sie sich entschlossen die Kapillaren der Patienten, mit Hilfe der sogenannten OCT-Angiografie, einem nicht-invasiven Bildgebungsverfahren, nach einer Corona-Infektion zu untersuchen. So entstand die Recover-Studie, unter der die Forschung an Long-Covid aus Erlangen in ganz Deutschland bekannt wurde.

Diese Arbeit brachte schnell Ergebnisse. So fanden die Ärzte und Ärztinnen heraus, dass die Durchblutung der Netzhaut nach einer Corona-Erkrankung schlechter war und auch Autoantikörper, ähnlich wie der der Glaukom-Patienten, konnten sie entdecken.

Von diesem Fund schlossen sie darauf, dass die Blutzirkulation im ganzen Körper vermindert sei, was für einen Großteil der Symptome von Long-Covid-Patienten verantwortlich sein könnte. So lag die Vermutung nahe, dass das Medikament, dass bei einem Glaukom helfen sollte, auch bei den Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung hilft.

Daraufhin fanden die ersten Heilversuche statt. Ein 51-Jähriger aus dem Allgäu und eine 39-Jährige aus Mittelfranken erhielten den Wirkstoff als erstes. Seitdem wird ihr Gesundheitszustand weiter überwacht. Die verbesserte Leistungsfähigkeit und Lebensqualität ist bei beiden Betroffenen deutlich spür- und messbar. Und das auch noch nach Monaten.

Geld für Medikamente

Seit diesen ersten Versuchen ist viel passiert. So konnten sie noch anderen Long-Covid-Patienten helfen. Die Forscherinnen und Forscher erhielten nach bekanntwerden der Ergebnisse zahlreiche Anfragen, für den Moment seien allerdings keine weiteren Behandlungen möglich. Denn: Die Charge des Medikaments mit dem Wirkstoff BC 007 ist verbraucht. "Man kann sich das schlecht vorstellen, aber die Produktion kostet sehr viel Geld - das kann weder das Start-Up noch das Klinikum stemmen", sagt Bettina Hohberger.

Doch nun ist ein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Denn die Arbeit der Erlanger Mediziner wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gemeinsam mit zehn anderen Projekten mit insgesamt 6,5 Millionen Euro unterstützt. Von diesem Geld soll das Medikament nachproduziert werden, damit in Zukunft so wenige Menschen wie möglich mit den Spätfolgen einer Corona-Erkrankung zu kämpfen haben.

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