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Staatsanwaltschaft stellt Ermittlungen im Fall Peggy ein

Beweise und Indizien gegen den Verdächtigen Manuel S. reichen nicht für Anklage - 22.10.2020 12:56 Uhr

Die Ermittlungen im Fall Peggy - einem der einzigartigsten Kriminalfälle der Geschichte - werden eingestellt.

11.12.2018 © dpa


Erst vor vier Jahren, im Sommer 2016, entdeckte ein Pilzsammler in einem Waldstück bei Rodacherbrunn auf thüringischer Seite die sterblichen Überreste des Mädchens. Bis heute fehlen Teile des Skeletts, auch ihr Schulranzen wurde nie gefunden.

Die Sonderkommission "Peggy" hatte vor zwei Jahren den Familienvater Manuel S. aus dem Landkreis Wunsiedel festnehmen lassen, weil eine hinzugezogene Wissenschaftlerin an den Knochenteilen des Kindes Torfspuren identifiziert hatten. Sie führten zu S., der vor 19 Jahren in Lichtenberg gelebt hatte. In alten Vernehmungsprotokollen aus dem Jahr 2001 fand man seine Aussage, dass er an jenem 7. Mai mit seiner Mutter Blumen umgetopft habe.

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Vor 17 Jahren verschwindet die neunjährige Schülerin Peggy in Oberfranken spurlos. Als ihr Mörder wird 2004 ein geistig eingeschränkte Nachbar verurteilt. Am 14. Mai 2014 wird der Nachbar wieder freigesprochen. Anfang Juli 2016 nimmt der Fall eine spektakuläre Wende: In einem Waldstück in Thüringen werden Skelettteile von Peggy gefunden. Im September 2018 legt ein 41-Jähriger ein Geständnis ab.


Lebloses Kind übergeben?

In Laboruntersuchungen stimmten die an der Leiche entdeckten Torfpartikel mit jenen überein, die man aus dem Garten des ehemaligen Wohnhauses der Familie S. gewonnen hatte. Manuel S. gab schließlich zu, am fraglichen Tag mit seinem goldfarbenen Audi 80 in Lichtenberg unterwegs gewesen zu sein.

Zudem sagte er in seiner Vernehmung 2018, dass ihn ein Bekannter an einem Bushäuschen angehalten und ihm den leblosen Körper von Peggy übergeben habe. Daraufhin habe er versucht, das Kind zu beatmen. Dann habe er die Neunjährige in eine Decke gewickelt, in den Kofferraum seines Wagens gepackt und in dem Waldstück im Saale-Orla-Kreis abgelegt, in dem 15 Jahre später die Knochen gefunden wurden.


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Er bestritt jedoch, Peggy getötet zu haben. Ihren Schulranzen und ihre Jacke will er zu Hause verbrannt haben. Später widerrief er sein Geständnis, sein Anwalt erhob schwere Vorwürfe gegen Polizei und Staatsanwaltschaft, sie hätten seinen Mandanten zu der Aussage genötigt.

Todesursache bleibt unklar

Jetzt wurden alle Ermittlungen gegen den 43-Jährigen eingestellt. Bayreuths leitender Oberstaatsanwalt Martin Dippold begründet dies in seiner schriftlichen Stellungnahme so: "Es wurden zwar zahlreiche Indizien ermittelt, die auf eine Tatbeteiligung von Manuel S. hindeuten, weder die objektive Spurenlage noch die verwertbaren Angaben des Beschuldigten oder sonstige Beweismittel gestatten allerdings einen hinreichend sicheren Nachweis der Beteiligung an der Tötung von Peggy Knobloch."

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Dippold weiter: "Aufgrund des Zustandes der sterblichen Überreste des Mädchens nach einer Liegezeit von 15 Jahren, in dessen Folge bereits viele Spuren unwiederbringlich verloren gegangen waren, ließ sich die Todesursache nicht mehr feststellen. Zeugen, die das Geschehen beobachtet haben, konnten nicht ermittelt werden."

Zeugen wurden manipuliert

Mindestens sechs Männer waren im Laufe der Jahre in den Fokus der Ermittler geraten und beschuldigt worden, etwas mit dem Tod der Schülerin zu tun zu haben. Der geistig behinderte Ulvi K. wurde 2004 sogar wegen Mordes an Peggy zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. In einem spektakulären Wiederaufnahmeprozess aber wurde er im Jahr 2014 von den Vorwürfen freigesprochen. Unglaubliche Ermittlungspannen, manipulierte Zeugen und falsche Geständnisse kamen ans Tageslicht.


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Eine weitere Wendung erlebte der Fall vor zwei Jahren, als Manuel S. bei seinen Vernehmungen plötzlich Ulvi K. beschuldigte: Es soll K. gewesen sein, der ihm an der Bushaltestelle das Kind übergeben habe. Ulvi K.s Betreuerin Gudrun Rödel ist über diese Aussage zutiefst empört.

Bushaltestelle war sehr belebt

Sie hält die die Darstellung für völlig abwegig. Zudem habe sie leicht feststellen können, dass an der Haltestelle zur Mittagszeit Scharen von Schülern vorbeigekommen sind, selbst Manuel S.’ Bruder habe sich dort aufgehalten, versichert sie. Ein bewusstloses Kind wäre sofort aufgefallen.

Weil Ulvi K. in seinen Vernehmungen unterschiedlichste Varianten erzählte und oft auch den aktuellen Ermittlungsstand einbaute, holte die Staatsanwaltschaft ein Fachgutachten von einem Rechtspsychologen ein. Ergebnis: Es sei auszuschließen, dass Ulvi K.s "Schilderungen auch nur annähernd eine hinreichende Zuverlässigkeit und Glaubhaftigkeit attestiert werden kann. Dafür wären die Widersprüchlichkeiten in seinen Aussagen und die Fluktuationen seiner Angaben zu hoch."

Forderung nach Untersuchungsausschuss

Damit dürfte das Mammutverfahren beendet sein. Die Beamten der Soko und die Staatsanwaltschaften in Hof und Bayreuth hätten alle Möglichkeiten ausgeschöpft, das Verbrechen aufzuklären, betonte Dippold. Man sei 6400 Ermittlungsspuren nachgegangen und habe rund 3600 Vernehmungen durchgeführt, 250 Gutachten der unterschiedlichsten Spezialisten wurden eingeholt. Inzwischen füllt der Fall Peggy 450 Aktenordner.

Der Unterstützerkreis um Gudrun Rödel und Ulvi K. fordert weiter vehement einen Untersuchungsausschuss im Landtag zu den Ermittlungspannen bei Polizei und Justiz. Die Möglichkeit, „dass Peggy im familiären Umfeld zu Tode gekommen ist" sei von der Polizei gänzlich ausgeschlossen worden, kritisierte Thomas Henning aus der Rechtsanwaltskanzlei Henning, die Ulvi K. vertritt.

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