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Waren NSU-Morde vom heidnischen Götterglauben inspiriert?

Obskure Details - Häufung fiel auch bei Anklagebehörde auf - 25.05.2015 15:18 Uhr

Muss sich vor dem Oberlandesgericht München verantworten: NSU-Mitglied Beate Zschäpe. © Marc Müller (dpa)


Zu den obskursten Schriftstücken in der Aktensammlung des Münchner NSU-Prozesses gehört eine Ausgabe der rechtsradikalen Untergrundzeitschrift „Der Förderturm“ aus dem Jahr 2001. Es handelt sich um ein Magazin für die Neonazi-Szene im Ruhrgebiet. In zahlreichen Texten ist die Rede von „Wotans Reich“ oder „Wotans Wille“. Mehrere Texte enden mit dem Mantra: „Wotan mit uns“, einer sogar mit der Formel: „In diesem Sinne: Töten für Wotan“. An anderer Stelle stellt ein Autor fest, dass fünf der sieben Wochentage nach nordischen Göttern benannt seien.

Der wichtigste sei als Tag des Chefgottes der Mittwoch, auch „Wotanstag“ genannt, was noch heute am englischen „Wednesday“ erkennbar sei. Zu den Lesern dieses Heftes gehörten wohl auch Beate Zschäpe und ihre inzwischen toten mutmaßlichen Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die drei haben nach Erkenntnis der Ermittler einen Brief und eine Geldspende aus dem Untergrund an die „Förderturm“-Redaktion geschickt.

Häufung fiel auch bei Anklagebehörde auf

Zschäpe muss sich für die zehn Morde vor Gericht verantworten, die die Bundesanwaltschaft der Gruppe anlastet. Sechs dieser zehn Morde wurden mittwochs verübt.

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Jahrelang hielten die Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Land in Atem. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen auf das Konto der beiden männlichen Täter etliche Bankraube, Attentate und zehn Morde gehen. Wir erinnern an die Opfer und Verletzten.


Dazu zählt auch der Mord an Abdurrahim Özüdoğru. Der 49-Jährige wurde am 13. Juni 2001 in einer Änderungsschneiderei in der Nürnberger Südstadt mit zwei Kopfschüssen getötet.

Ebenfalls an einem Mittwoch, dem 9. Juni 2004, soll der NSU den Bombenanschlag auf die Kölner Keupstraße verübt haben, bei dem 22 Menschen verletzt wurden.

Diese Häufung fiel auch bei der Anklagebehörde auf. „Ich weiß, dass der Mittwoch eine bestimmte Rolle spielt im rechtsextremistischen Spektrum“, sagte Bundesanwalt Herbert Diemer an einem der letzten Verhandlungstage im NSU-Prozess. Offiziell will seine Behörde allerdings nichts von religiös oder mystisch angehauchten Mordmotiven wissen.

Nebenkläger bereiten Beweisanträge zum Germanenkult vor

Die Täter hätten „aus einer rassistischen und staatsfeindlichen Gesinnung heraus“ gehandelt, teilte ein Sprecher der Bundesanwaltschaft mit. Für mehr gebe es „keine belastbaren Anhaltspunkte“. Das wollen einige Nebenkläger jetzt ändern. Sie bereiten derzeit Beweisanträge zum Germanenkult des NSU vor und folgen damit einer Anregung des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl.

Einer von Ihnen, Rechtsanwalt Yavuz Narin, argumentierte im Prozess, die Täter könnten ihre Verbrechen bewusst auf Mittwoche gelegt haben, um versteckte Signale in die Szene zu senden. Mit dem Mittwoch als Tattag könne es sich ähnlich verhalten wie mit dem Ziffernpaar „88“, das in der Szene für „Heil Hitler“ steht. Belegt ist, dass sich das NSU-Trio für die germanische Mystik begeisterte. Beate Zschäpe besuchte Sonnenwendfeiern oder ein „Wikingerfest“. Einer ihrer früheren Gesinnungsgenossen, der Gründer des „Thüringer Heimatschutzes“ (THS), Tino Brandt, bescheinigte Zschäpe in seinem Zeugenauftritt vor Gericht, sie habe gut über die germanischen Bräuche Bescheid gewusst.

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Brandt war es auch, der im Januar 2000 die baden-württembergische NPD-Politikerin Edda Schmidt als Brauchtumsreferentin für ein Wochenendseminar im thüringischen Eisenberg gewann. Im Zeugenstand räumte sie auf Nachfragen ein, wenig später auch eine „Weihnachtsfeier“ in Chemnitz geleitet zu haben. Dass es der Anführer der Chemnitzer „Blood & Honour“-Organisation war, der sie dazu eingeladen hatte, will sie nicht gewusst haben. Mitglieder dieser Gruppe hatten zu dieser Zeit das abgetauchte NSU-Trio bei sich versteckt.

Auf die Frage, wie so eine „Weihnachtsfeier“ ablaufe, äußerte sich Schmidt wortkarg: „Nichtchristlich. Mit heidnischem Brauchtum.“ Tatsächlich nennt die Szene das Fest nicht Weihnachten, sondern Julfest, und gemeint ist damit auch nicht die Geburt des Jesuskindes, sondern die Wintersonnenwende. 

dpa

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