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Das sagt ein Tourismus-Professor zu Center Parcs im Fränkischen Seenland

Harald Pechlaner im Interview: "Eine Saisonverlängerung alleine wäre zu wenig" - 02.05.2021 06:00 Uhr

Auf dem ehemaligen Gelände der Muna bei Langlau will Center Parcs ein neues großes Feriendorf bauen. Das Vorhaben wird kontrovers diskutiert – auch im hiesigen Gastgewerbe. Die einen sehen eine Ansiedelung als Chance, die anderen befürchten deutlich Nachteile für die ansässigen Beherbergungs- und Gastbetriebe sowie Anbieter von Freizeitaktivitäten.

02.05.2021 © Rudi Beringer/Limes-Luftbild.de


Die einen befürchten durch einen Center Parc Fränkisches Seenland Fachkräftemangel in der Gastronomie und Hotellerie sowie überlaufene Ufer, die anderen sehen das Ferienressort als einen "Leuchtturm" , der die Urlaubsregion bekannter machen, die bislang vornehmlich auf die Sommermonate beschränkte Saison verlängern und damit mehr Wertschöpfung für die Region schaffen könnte.

Herr Pechlaner, ein Ressort wie Center Parcs ist darauf ausgelegt, die Urlaubsgäste möglichst auf dem Areal zu halten. Bleibt da etwas übrig für die Umgebung, die Region?

Dieses Vorhaben wird sehr emotional diskutiert. In dieser Phase wäre es sinnvoll auf der sachlichen Ebene zu bleiben. Sicher ist: Ein großer Anbieter bringt auch immer Bekanntheit und nicht alle Urlauber, die dadurch auf eine Ferienregion aufmerksam werden, wollen im Center Parcs buchen. Eine Ansiedelung würde den Bekanntheitsgrad des Fränkischen Seenlandes zweifelsohne steigern. Ein solches Ressort lockt neue Gäste ins Seenland, es entsteht ein völlig neues Marktpotenzial.

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Das klingt sehr nach Allheilmittel und Superchance?

Es ist eigentlich eine Chance, aber die Region muss ihren Beitrag leisten und ihre Hausaufgaben machen – und das auch wollen. Dann ist der Anschub einer positiven Entwicklung möglich. Die traditionelle Hotellerie profitiert, sie muss aber auch investieren, um mitzuhalten – nicht nur mit einem solchen Ressort vor der Haustüre, sondern auch mit anderen Ferienregionen.


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Das heißt, es gibt aus Ihrer Sicht einen gewissen Investitions- und Innovationsstau in der Region?

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Ja, im Fränkischen Seenland hat sich die Hotellerie nie wirklich entwickelt, zu den bekannten Betrieben sind seit Jahrzehnten keine neuen hinzugekommen. Zudem hat das Feriengebiet in den vergangenen Jahren eine große Zahl an Betten verloren. Viele jüngere Menschen haben keine Motivation, die von ihren Eltern privat vermieteten Zimmer oder Ferienwohnungen weiterzubetreiben. Sie sehen im Tourismus keine berufliche Perspektive. Es ist in den vergangenen Jahrzehnten nicht gelungen, einen Tourismus mit einem bestimmten Maß an wirtschaftlicher Nachhaltigkeit zu etablieren und das Seenland zu einer echten Destination zu entwickeln. Davon ist die Ferienregion weit entfernt.

Touristisch gesehen spielt das Seenland also nur in der zweiten oder dritten Liga?

Es ist weitgehend ein Naherholungsgebiet für den Großraum Nürnberg und das nahe Baden-Württemberg geblieben. Die Saisonalität und die hohe Zahl an Tagestouristen sind dann auch die Schwächen des Seenlandes. In Spitzenzeiten ist sehr viel los vor allen an den Seezentren – das ist für die Einheimischen oft negativ. Das braucht einen nicht zu wundern. Es ist aber für mich bei Weitem noch kein "Overtourism", sondern vielmehr ein "Overcrowding".


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Läuft dann das Fass über, wenn eine Center-Parcs-Ansiedlung mehr Gäste und auch mehr Verkehr bringt?

Es geht nicht alleine um Zahlen, sondern um die Lenkung von Besucherströmen und welche Art von Tourismus man in der Region haben will. Die Naherholer tragen sehr wenig zur Wertschöpfung vor Ort bei, sorgen aber gleichzeitig für sehr viel Betrieb.

Sprich, es gibt sehr viel Tagestourismus und gleichzeitig immer weniger Übernachtungsgäste.

In den vergangenen Jahren ist es im Seenland nicht gelungen, einen Tourismus aufzubauen, in welchem die Urlauber länger bleiben und für eine höhere Wertschöpfung sorgen. Eine höhere Wertschöpfung bringt aber auch mehr Motivation, eine berufliche Zukunft im Tourismus zu sehen und sich entsprechend auszubilden – oder in dieser Branche zu investieren. Das einstige Bekenntnis zum Tourismus, das es mit dem Bau des Seenlandes gegeben hat, wurde nie wirklich wirksam.

Was ist der Grund dafür? Fehlt es rund um Altmühl-, Brombach- und Rothsee an den Voraussetzungen?

Nein. Das Seenland hat unglaubliches Potenzial. Ich kenne es ja gut, auch aus der Arbeit mit dem Naturpark zusammen. Beide sind in Wirklichkeit eine große Region. Das Seenland hat eigentlich alles – es bietet Authentizität, Regionalität und auch Spiritualität. Mit der tollen Landschaft und den vorhandenen Ressourcen kann man was anfangen. Es ist eine herausragende Region für eine touristische Entwicklung.

Dr. Harald Pechlaner ist seit 2003 Inhaber des Lehrstuhls für Tourismus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Leiter des Zentrums für Entrepreneurship. Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten ihn in die Vereinigten Staaten, nach Australien und in seine Heimat Südtirol an die Freie Universität Bozen. Dort war er von 1993 bis 1998 der Leiter der Abteilung Fremdenverkehr der Südtiroler Landesregierung und Leiter der Südtirol Tourismus Werbung in Bozen. Er ist seit 2017 wissenschaftlicher Leiter des Kompetenzzentrums Tourismus des Bundes und ein international angesehener Fachmann im Bereich Tourismus und Unternehmen.

29.04.2021 © Foto: ku.de


Wenn diese Entwicklung denn gewollt ist . . .

Das ist die generelle Frage: Will das Seenland überhaupt eine Tourismusregion sein? Dann muss das auch die Bevölkerung wollen und mittragen. Der Tourismus muss auf viele Schultern verteilt werden und für die Menschen auch Wertschöpfung und Lebensqualität mit sich bringen – auch durch Arbeitsplätze vor Ort. Nur so kann sich eine echte nachhaltige touristische Region entwickeln.


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Da wäre eine Saisonverlängerung durch Center Parcs doch sicherlich willkommen?

Eine Saisonverlängerung alleine ist zu wenig. Ein solches Großprojekt wie Center Parcs kann eine Gelegenheit sein, eine Entwicklung in Richtung Tourismus-Destination anzustoßen. Dazu ist aber mehr nötig als ein ganzjährig nutzbares Ressort – sonst bleibt es eine Kathedrale in der Wüste. Ein Ressort alleine wird es nicht richten. Das Unternehmen müsste sich als Leitbetrieb verstehen. Und es wäre eine stärkere Verknüpfung von Verbänden, Kommunen, Landkreisen und Organisationen nötig – in einer Destinations-Holding, in der Leitlinien bestimmt und eine Nachhaltigkeitsstrategie vorgedacht werden. Ein Leitbetrieb muss Verantwortung für die Region übernehmen und die Gäste dürfen nicht nur im Park bleiben – auch das muss gelingen.

Dazu müssten aber in der Umgebung entsprechende Attraktionen vorhanden sein . . .

Die Region ist attraktiv genug – das zeigt der enorme Tagestourismus. Dieser und auch der Deutschlandtourismus wird – wenn die Beherbergungsbetriebe wieder öffnen dürfen – durch die Pandemie noch stärker durchschlagen. Da wird es an den Wochenenden noch voller werden durch die Naherholer aus den Städten. Wie gesagt, sie bringen aber zu wenig Wertschöpfung, um eine echte touristische Entwicklung anzustoßen. Generell geht es um das Ausbalancieren des touristischen Angebots. Da muss man im Seenland auf jeden Fall etwas tun – ob Center Parcs nun baut oder nicht...

INTERVIEW: RAINER HEUBECK

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