300 Zuhörer in der Karmeliterkirche

Die Champions-League des Poetry-Slam in Weißenburg zu Gast

8.10.2021, 17:01 Uhr
Die größte klassische Indoor-Kulturveranstltung seit langem in Weißenburg: Rund 300 Zuschauer wollten das Halbfinale der Deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft in Weißenburg sehen.

Die größte klassische Indoor-Kulturveranstltung seit langem in Weißenburg: Rund 300 Zuschauer wollten das Halbfinale der Deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft in Weißenburg sehen. © Jan Stephan

„Wer ist heute das erste Mal bei einem Poetrys Slam?“, wollte Moderator Jens Hoffmann in der mit gut 300 Zuhörern bestens besuchten Karmeliterkirche zu Beginn wissen. Als ein paar Hände zaghaft nach oben gingen, gratulierte der Weißenburger grinsend. „Herzlichen Glückwunsch, ihr habt 20 Jahre Subkultur verpasst.“ Poetry Slam, das wurde den Neulingen im Publikum schnell klar, ist immer auch eine Nacht der steilen Sprüche.

Die Nacht des großen Staunens

Paunlina Behrend: Sie sicherte sich als eine von drei Poeten in Weißenburg das Ticket für das Finale in der Nürnberger Meistersingerhalle. 

Paunlina Behrend: Sie sicherte sich als eine von drei Poeten in Weißenburg das Ticket für das Finale in der Nürnberger Meistersingerhalle.  © Jan Stephan

In Weißenburg war das Halbfinale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaft aber viel mehr „Die Nacht des großen Staunens“. So hatte Sarah Altenaichinger in ihrem Text von einem Konzerterlebnis erzählt. Aber diese Formel passte bestens auch auf den Abend in der Karmeliterkirche, der mit der Züricher Slamsiegerin seinen Anfang nahm. Die zwölf Poeten zeigten in gut zwei intensiven Stunden alles, was das Genre Poetry Slam kann.

Alle Teilnehmer hatten anderswo Slams gewonnen, um sich für die deutschsprachigen Meisterschaften zu qualifizieren. Eine Art Champions League des deutschsprachigen Poetry Slams, die da in Weißenburg gelandet war. Es wurde skurril (Miriam Schöb und ihre Blaubeer-Betrachtung). Es wurde verstörend (Shafia Khawaja und ihr zudringlicher Opa). Es wurde intensiv (Paulina Behrendt und ihre Hassrede auf die Scham).

Im Großen und Ganzen großartig

Es wurde auf intelligente Art komisch (Samuel Richter und seine Waldorfschul-Erfahrungen). Es wurde auf etwas weniger intelligente Art witzig (Clemens Naumann und das wohl größte Bier-Wort-Spiel der Welt). Es wurde episch (Skog Ogvanns Ballade auf zwei tragisch scheiternde Verliebte). Es wurde kämpferisch (Max Golenz‘ Wutrede eines Deutschlehrers auf die Übermacht des Englischen). Kurzum: Im Großen und Ganzen – und genau betrachtet auch im Kleinen und Geteilten – es wurde ziemlich großartig.

Ein bisschen einen Schaden braucht man

„Um sich vor so vielen Menschen auf die Bühne zu stellen, braucht man einen kleinen Schaden. Er muss nicht groß, aber er muss vorhanden sein“, erklärte Samuel Richter dem Publikum. Und ein bisschen was ist da wohl dran. Denn am Ende entscheidet eine Publikumsjury über Sieg oder Niederlage beziehungsweise über Finaleinzug und Ausscheiden. Und diese Jury will begeistert, berührt oder glänzend unterhalten werden.

Max Golenz: Der Deutschlehrer ärgerte sich in einer wütenden Protestrede gegen die um sich greifenden Anglizismen. 

Max Golenz: Der Deutschlehrer ärgerte sich in einer wütenden Protestrede gegen die um sich greifenden Anglizismen.  © Jan Stephan

Und das ist der Job eines einsamen Dichters auf einer sehr großen Bühne. Am Ende geht es um Wirkung, die hergestellt werden muss. Mit dem ein oder anderen Mittel. Allzu lyrische, leise Formate tun sich im Slam-Kessel schwer, wie etwa Sarah Altenaichinger erfahren musste. Anders als die handwerklich gut gemachte, aber doch irgendwie Willi-Astor-mäßige Aneinander-Reihung von Biermarken, mit der es Clemens Naumann ins Finale schaffte.

Paulina Behrendt und der stärkste Text des Abends

Dass es auch anders geht, bewiesen die Jury und Paulina Behrendt. Die amtierende U-20-Siegerin präsentierte den mit Abstand stärksten Text des Abends. Eine intensive, sprachlich dichte und packende Abrechnung mit dem Frauenbild, das die Gesellschaft jungen Mädchen immer noch ins Wesen drückt. Kein Wort am falschen Fleck, keine Geste überzogen, kein Inhalt am Thema vorbei. Ein Text, der auch deshalb so stark war, weil er sich einfachen Erklärungen entzog, dafür den Mechanismus zutage treten ließ, der dafür sorgt, dass sich die Dinge wiederholen.

Mia Ackermann: Sie präsentierte einen intelligenten und unterhaltsam aus Sprichwörtern zusammengebastelten Text. 

Mia Ackermann: Sie präsentierte einen intelligenten und unterhaltsam aus Sprichwörtern zusammengebastelten Text.  © Jan Stephan

Behrendt erhielt für diesen Text früh am Abend Top-Wertungen von der Jury, sicherte sich in Weißenburg das zweite von drei Finaltickets und bewies, dass nicht nur Witz, sondern auch Eindringlichkeit funktioniert. Florian Wintels, der dritte Finalteilnehmer des Weißenburger Halbfinales, war in puncto Witz mehr bei Naumann, in puncto Eindringlichkeit in der Nähe von Behrend, aber in Sachen Vortragsdynamik allein auf weiter Flur.

Das Finale am Samstag live auf Youtube

Er riss Publikum und Jury mit einer grandiosen Vorstellung gleichermaßen mit. Martin Geier, der als zweiter Vorsitzender des veranstaltenden Kulturschockvereins Nürnberg, für das Weißenburger Halbfinale verantwortlich war, zeigte sich sehr zufrieden mit dem Abend. Und das dürfte auch für das Publikum gegolten haben. Mit der einzigen Ausnahme, dass eine Pause und ein paar Getränke der Veranstaltung vermutlich gut getan hätte. Aber erst mal Platz genommen merkte man das im Flow des Abends gar nicht mehr groß.

Am heutigen Samstag findet um 17 Uhr (Teamfinale) und um 20.30 Uhr das Finale der deutschsprachigen Poetry-Slam-Meisterschaften in der Nürnberger Meistersingerhalle statt. Beide Veranstaltungen werden kostenlos auf Youtube übertragen.

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