Erika-Mann-Monat in Weißenburg

Eine Studie, wie die Nazis möglich wurden

Jan Stephan
Jan Stephan

Weißenburger Tagblatt

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18.6.2022, 13:05 Uhr
Prof. Dr. Irmela von der Lühe: Als Biografin von Erika Mann arbeitete sie die  Beudeutung des Weißenburger Vorfalls für die gesamte Familie Mann heraus.

© Jan Stephan, WT Prof. Dr. Irmela von der Lühe: Als Biografin von Erika Mann arbeitete sie die Beudeutung des Weißenburger Vorfalls für die gesamte Familie Mann heraus.

Sie war nach Weißenburg gekommen, um bei einer Podiumsdiskussion eine literarisch-musikalische Einführung in den Weißenburger Theaterskandal von 1932 rund um Erika Mann und das Bergwaldtheater zu geben. Die Veranstaltung diente als Aufgalopp zum Höhepunkt des Erika-Mann-Monats am Samstag und Sonntag, 25. und 26. Juni, mit den beiden Aufführungen der von ihr bearbeiteten Mozart-Oper Apollo & Hyazinth auf dem Weißenburger Martin-Luther-Platz. Just jenem Stück also, das ihr die Stadt Weißenburg samt ihrem Engagement als Schauspielerin im Bergwaldtheater 1932 abgesagt hatte. Aus Angst vor den Nationalsozialisten.

"Der Erika-Mann-Monat soll nicht nur Aufarbeitung sein, sondern auch ein bisschen Wiedergutmachung", stellte Dr. Karl-Friedrich Ossberger fest, der als Moderator die Podiumsdiskussion anleitete. Zusammen mit Mathias Meyer und Dr. Martin Weichmann hatte er den Mann-Monat mit den Kräften des Frankenbunds angeschoben. Dass Weichmann bei der Matinee auf dem Podium fehlte, war einer Krankheit geschuldet und durchaus tragisch. Immerhin wurde im Rahmen der Veranstaltung auch seine tief recherchierte Studie zu dem Theaterskandal vorgestellt, die in der Schriftenreihe des Weißenburger Frankenbunds erschienen ist.

Dr. Karl-Friedrich Ossberger: Moderierte die Diskussion und stellte fest, dass  der Erik-Mann-Monat Aufarbeitung und Wiedergutmachung zugleich sein sollte.

Dr. Karl-Friedrich Ossberger: Moderierte die Diskussion und stellte fest, dass der Erik-Mann-Monat Aufarbeitung und Wiedergutmachung zugleich sein sollte. © Jan Stephan, WT

Spannend wurde es aber auch so auf dem Podium. Denn von der Lühe arbeitete heraus, warum der Rausschmiss von Erika Mann alles andere als unbedeutend war. "Das war der argumentative Kotau eines angesehenen Theaters vor einem plumpen Erpressungsversuch der Nationalsozialisten", beschrieb sie den Vorfall.

Die gewann erheblich an Bedeutung durch den frühen Zeitpunkt. Die Nazis waren noch nicht an der Macht, aber es war allen klar, dass sie so schnell nicht mehr verschwinden würden. Damit wusste man, dass es in Zukunft darauf ankommen würde, wie Veranstalter und öffentliche Institutionen mit dem Druck der Nazi-Organisationen umgehen würden. Der Weißenburger Rausschmiss war diesbezüglich eine schwere Niederlage. Und zwar eine für die wichtigste Künstlerfamilie Deutschlands. "Man kann das als Provinzposse sehen, aber eben als eine mit hoher symbolischer und politischer Bedeutung", so von der Lühe. "Bis ins Detail kann man hier studieren, wie die nationalsozialistische Herrschaft möglich wurde." Was in Weißenburg zu beobachten war, sei nichts weniger gewesen als die Machtübergabe lokaler Akteure vor der eigentlichen Machtübernahme.

Für Erika Mann, die Weißenburg im Folgenden durch die Instanzen klagte, war die Absage offensichtlich ein schwerer Schlag. Noch Jahre nach dem Krieg, als sie sich erneut einer widerlichen und sehr persönlichen politischen Kampagne ausgesetzt sah, verglich sie die Vorgänge mit der zweiten großen Kränkung ihrer Laufbahn: dem Weißenburger Rausschmiss.

Das Studium der Geschichte soll verhindern, dass sie sich in ihren dunklen Momenten wiederholt, betonte von der Lühe in Weißenburg. Und angesichts von neuen Kriegen und ersten Einschränkungen der Meinungsfreiheit in EU-Ländern wie Polen oder Ungarn sei der Rückblick aktueller denn je. "Ich setze darauf, dass die demokratischen Institutionen dieses Mal funktionieren, in der Weimarer Republik haben sie es nicht. Das zu unterstützen, ist unser aller Aufgabe."

Dafür gab es engagierten Applaus der rund 80 Anwesenden, die längst nachdenklich geworden waren. Applaus übrigens an einem Ort, an dem Erika Mann selbst schon gesessen hat. Nicht als Schauspielerin, sondern als Sergeant der amerikanischen Armee. In dieser Funktion berichtete sie nach dem Krieg von den Nürnberger Prozessen und war auch bei einem Entnazifizierungsverfahren in Weißenburg vor Ort, das im Wildbadsaal abgehalten wurde.

Dass hier ein paar Jahrzehnte später einmal eine Veranstaltung zu ihren Ehren stattfinden würde, hätte sie damals wohl kaum zu träumen gewagt. Aber, wie von der Lühe schon feststellte, der Gedanke hätte ihr sicher gefallen – auch wenn sie vermutlich ein paar bissige und respektlose Scherze darüber gemacht hätte.

Tickets für die Aufführung der Oper Apollo & Hyazinth am 25. und 26. Juni um 19 Uhr gibt es im Vorverkauf beim Weißenburger Kulturamt (Tel. 09141/9 07 - 3 26).

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