Samstag, 28.11.2020

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Lukas Gloßner: Vom Rolli aufs Handbike umgesattelt

Der Rollstuhl-Basketballer aus Bergen absolvierte im Corona-Jahr 3400 Kilometer mit dem Liegerad - 15.11.2020 15:55 Uhr

Könner mit Rollstuhl und Basketball: Lukas Gloßner spielt für Ingolstadt (Erster der Landesliga), für München (1. Bundesliga) und für die U22-Nationalmannschaft.

13.11.2020 © Foto: Herbert Wirtz


  Er war in den vergangenen Monaten viel mit dem Handbike unterwegs. "Viel" ist allerdings zu vage ausgedrückt. Genauer gesagt hat der 20-Jährige aus Bergen mit dem Liegerad insgesamt 92 Fahrten unternommen und dabei in mehr als 130 Stunden 3400 Kilometer sowie 34 600 Höhenmeter zurückgelegt.

Ein enormes Pensum, das er exakt protokolliert hat und bei dem er die heimische Region neu entdecken konnte. Er hatte viel Spaß bei der Sache – und war mitunter ziemlich ausgepowert. In manchen steilen Passagen war Lukas ganz froh, dass er bei seinem Bike die eingebaute Elektro-Unterstützung zuschalten konnte, wie er mit einem Schmunzeln erzählt.

Bei all dem muss man eines wissen: Lukas Gloßner ist seit über vier Jahren querschnittsgelähmt. Infolge eines Verkehrsunfalls vom Mai 2016 ist sein Muskelapparat unterhalb der Brust außer Kraft gesetzt. Für den ehemals begeisterten Handballer und Fußballer hat sich das Leben von heute auf morgen komplett verändert. Schon während der langen Reha-Phase reifte in ihm der Entschluss, dass er weiterhin Sport treiben will. Rollstuhl-Basketball war dabei "die erste Option", wie er sagt.

Berufung ins Nationalteam

Anfang 2017 ging er bei den WestPark Wheelys Ingolstadt erstmals ins Training und fand mehr und mehr Gefallen an dem neuen Metier. Seine guten Leistungen führten dazu, dass er bereits in der zweiten Saison mit Doppellizenz für die RBB München Iguanas (Leguane) in der 1. Bundesliga spielte.

Und 2019 sollte schon der nächste Schritt folgen: Lukas wurde in die U22-Nationalmannschaft berufen und hatte seine ersten internationalen Einsätze bei einem Turnier in Japan.

Es hätte alles munter so weitergehen können, doch dann kam die Corona-Krise. Die Bundesliga-Saison musste abgebrochen werden. Lukas Gloßner und seine Münchner Mannschaft steckten gerade in den Playdowns und waren auf einem guten Weg zum Klassenerhalt. Von März bis Juni herrschte erst einmal Basketball-Pause.

Studium in Ingolstadt

Dem Bergener, der in Ingolstadt im dritten Semester "Digital Business" studiert, tat die Ruhe ganz gut. "Die Saison zuvor war schon sehr lange und auch die teils achtstündigen Busfahrten haben ganz schön geschlaucht", sagt der Rolli-Korbjäger angesichts von weiten Auswärtsfahrten bis nach Hamburg oder Hannover.

Mit dem Handbike, sprich einem Liegerad, hat Lukas Gloßner im Jahr 2020 exakt 3398 Kilometer zurückgelegt.

13.11.2020 © Foto: Privat


Sein fast tägliches Krafttraining behielt er bei. Nach und nach suchte er sich neue Felder, hielt sich zum Teil in der Halle des SV Nennslingen fit. Und es begann zugleich die Zeit, in der er für sportliche Aktivitäten oftmals vom Rollstuhl auf das Handbike umstieg.

Besonders schade war aus seiner Sicht, dass aufgrund der Pandemie auch die für 2020 geplante U22-Europameisterschaft in Lignano (Italien) abgesagt werden musste. Der Plan sieht vor, das Turnier im Juni/Juli 2021 nachzuholen – falls es die Corona-Lage zulässt.

Lukas Gloßner hofft, dass er nominiert wird. Vom Alter her ist es kein Problem. Er zählt mit seinen 20 Jahren zu den Jüngeren im Team. Es dürfen auch noch alle mitspielen, die heuer dabei gewesen wären, nächstes Jahr aber der U22-Altersklasse entwachsen sind.

Lukas und die Leguane

Für die Kaderathleten sowie in seinen Vereinen in Ingolstadt und München hatte Mitte des Jahres wieder das regelmäßige Training begonnen. Gespielt wird (vorerst) aber nicht. "In Ingolstadt liegt die Saison auf Eis", sagt Lukas Gloßner. Vielleicht geht es hier im Januar wieder los. In der kurz vor Schluss abgebrochenen Saison 2019/2020 standen die WestPark Wheelys auf Platz eins der Landesliga Bayern.

Anders ist es in der 1. Bundesliga. Sie wird dem professionellen Sport zugerechnet und dürfte seit Ende Oktober spielen. Tatsächlich fanden aber nur vereinzelte Partien statt, mehrere Teams wollen angesichts der Infektionslage lieber aussetzen und haben ihre Begegnungen verlegt. Für Lukas und die Leguane war das letzte Match Anfang März gegen Trier.

Auch auf Testspiele hat man seither aus Vorsicht verzichtet. Wann es weitergeht, ist derzeit offen. Der für den 14. November geplante Vergleich von RBB München zu Hause gegen den RSV Lahn-Dill ist abgesagt, offen ist auch das nächste Auswärtsmatch am 21. November bei den Mainhatten Skywheelers in Frankfurt.

Trotz der ungewissen Situation will sich Lukas Gloßner weiter fit halten: "Ich spiele jetzt seit drei Jahren Rollstuhl-Basketball. Es macht mir viel Spaß und ich habe ein ganz solides Level erreicht." Lachend fügt er hinzu: "Ich habe aber auch noch ein paar große Baustellen."

UWE MÜHLING

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