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Samstag, 24.08.2019

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Wo die Wolpertinger und die Zamperl wohnen

19.07.2019 18:06 Uhr

Mit der Legende vom geheimnisvollen Wolpertinger wurden in Bayern schon viele auswärtige Besucher auf den Arm genommen — auch Romanheld Jochen aus Wuppertal.Mit der Legende vom geheimnisvollen Wolpertinger wurden in Bayern schon viele auswärtige Besucher auf den Arm genommen — auch Romanheld Jochen aus Wuppertal. © dpa/Stephan Jansen


Bisweilen ist Jochen ein wenig ratlos. Warum sagt Magdalena, seine bezaubernde neue Freundin, der und nicht das Radio und der und nicht die Butter? Was will sie damit ausdrücken, wenn sie seinen Heiratsantrag mit dem gestammelten Satz: „Von dir hätte ich gedacht, dass du das nie und nimmer nicht machst“ quittiert? Und warum reagiert seine Schwiegermutter in spe so ungehalten, wenn er nach ihrem Ruf „Ich wär so weit“ noch ein wenig im Badezimmer herumtrödelt?
Immer wieder gerät „der Preiß“ aus Wuppertal in kuriose und manchmal auch ein wenig peinliche Situationen, wenn er mit den Eigenheiten seiner neuen Wahlheimat konfrontiert wird. Nicht nur die sprachlichen Besonderheiten wie der baierische Konjunktiv und die doppelte Verneinung machen ihm zu schaffen, sondern auch Zeitangaben wie dreiviertel zwei oder Viertel über eins, die zudem variieren können – je nachdem, in welcher Ecke des Freistaates man sich gerade befindet.
„Fettnäpfchenführer Bayern“ lautet der Titel eines neuen Buches, das eine Art Knigge für „Zuagroasde und Neigschmeckte“ ist und das mit einer belletristischen Rahmenhandlung all diese Fettnäpfchen recht amüsant und kurzweilig beschreibt. Die Mischung aus Liebesroman und Reiseführer dürfte vom Leben der Autorin Nadine Luck beeinflusst sein, die wie ihr literarisches Alter Ego aus Niederbayern stammt, zeitweise in München gewohnt hat und nun mit ihrem aus Nordrhein-Westfalen stammenden Mann in Bamberg lebt.

Mit Dackel auf dem Buch-Cover. © conbook


Oberbayern, Niederbayern und Oberfranken werden deshalb wohl etwas stärker thematisiert als etwa Schwaben und die Oberpfalz, doch bei ihrer Tour durch den Freistaat machen Magdalena und Jochen in allen sieben bayerischen Regierungsbezirken Station.
Nadine Luck stellt dabei immer wieder die Unterschiede zwischen den einzelnen Regionen heraus, etwa bei den verschiedenen Gruß- und Abschiedsformeln. Dass man ein „Tschüss“ in den meisten Gegenden tunlichst vermeiden sollte, muss der gebürtige Wuppertaler ebenso erst lernen wie den Umstand, dass viele Bayern – und die Franken ganz besonders – ziemlich ungehalten werden können, wenn ihre Heimat von „Preißn“ auf Hofbräuhaus, Lederhosen und Gamsbart reduziert wird.
In Zwischenkapiteln mit dem Titel „Obacht, neidabbd!“ erklärt die Autorin dann genauer, warum Weißwürste eigentlich nicht das Zwölfuhrläuten hören dürfen und warum die Zamperl, wie unter anderem bayerische Dackel genannt werden, vor allem in der Landeshauptstadt heilige Kühe sind. Jochen macht auf seiner Tour durch den Freistaat Bekanntschaft mit Wolpertingern, Biertisch-Grantlern und vermeintlichen Koksern, die aber lediglich eine Portion Schmai die Nase hochziehen.

In weiteren Einschüben werden die historischen, politischen und kulturellen Hintergründe bayerischer Eigenheiten erläutert, wobei die Autorin auch Diskussionswürdiges wie Söders Kreuzerlass oder die Pkw-Maut beleuchtet. Das alles wird immer mit einem Augenzwinkern erzählt, und Jochen lernt unter anderem eines: Dass Bayern vor allem vielfältig ist und so manches Klischee Lügen straft.

 

Nadine Luck: Fettnäpfchenführer Bayern, Conbook Verlag 2019, 256 Seiten, 12,95 Euro. 

André Ammer

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