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Zecken in ER und ERH: Das sollten Sie jetzt wissen

5.6.2021, 15:30 Uhr
Vorsicht Zecken: Ein Schild warnt vor den Spinnentieren.  

Vorsicht Zecken: Ein Schild warnt vor den Spinnentieren.   © Peter Endig via www.imago-images.de, NN

So gut wie ganz Bayern ist rot: 92 von 96 Landkreisen und kreisfreien Städten des Freistaates sind aktuell (Stand: 4. Juni 2021) erklärtes FSME-Risikogebiet, auch Erlangen und Erlangen-Höchstadt gehören dazu; zu finden sind die jeweils gültigen Einstufungen unter anderem auf der Homepage (www.lgl.bayern.de) des in Erlangen angesiedelten Bayerischen Landesamtes für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, kurz LGL.

Ein Kreis wird laut Robert Koch-Institut (RKI) als FSME-Risikogebiet definiert, wenn die Anzahl der übermittelten Erkrankungen in mindestens einem der 15 Fünfjahreszeiträume im Zeitraum 2002 – 2020 im Kreis oder in der Kreisregion (bestehend aus dem betreffenden Kreis plus allen angrenzenden Kreisen) signifikant höher liegt als die bei einer Inzidenz von 1 Erkrankung pro 100 000 Einwohner erwartete Fallzahl. Diese Erläuterung klingt kompliziert - nicht nur für Laien.

Komplizierte Definition

Auch Thomas Kühlein, der Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) und Direktor des Allgemeinmedizinischen Instituts am Uni-Klinikum sowie Ärztlicher Leiter des MVZ Eckental, findet sie nicht unbedingt super verständlich. Tatsächlich, erläutert er, variiere die Inzidenz, also die Häufigkeit, zwischen 0,7 und 2 Fällen pro 100 000 Einwohner und Jahr. "Das scheint mir nicht sehr viel", ist seine Schlussfolgerung. Es bestehe somit "kein Grund allzu viel Angst zu haben".

Das Risiko, an der sogenannten Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) zu erkranken, sei gering: Etwa fünf Prozent der Zecken seien mit FSME infiziert und könnten diese übertragen, sagt Kühlein.

Und, ergänzt er: Nicht jeder Zeckenstich einer infizierten Zecke überträgt das FSME-Virus. Zudem entwickelt nicht jeder infizierte Mensch Symptome (der FSME) (rund 30 Prozent). Allerdings sind männliches Geschlecht und höheres Alter Risikofaktoren für einen schwerwiegenderen Verlauf. Nur in wenigen Fällen kommt es tatsächlich zu Hirnhautentzündungen.

Kühleins Fazit: "Je mehr man sich in der Natur aufhält und je häufiger man mal eine Zecke hat, desto eher sollte man sich impfen lassen." Das gelte insbesondere für Männer ab 60 Jahren. Aber Achtung, rät der Medizinprofessor: Wer jetzt eine FSME-Impfung oder auch eine Auffrischung haben möchte, sollte einen Abstand von 14 Tagen vor und nach einer Corona-Impfung einhalten.

Antibiotika gegen Bakterien

Die Schutzimpfung selbst wiederum helfe gut gegen FSME, aber nicht gegen Borrelien-Bakterien, die ebenfalls durch Zeckenbisse übertragen werden. Während aber gegen Bakterien Antibiotika greifen, könne man gegen Viren meistens nichts viel machen, sagt Kühlein.

Was aber, wenn man nun tatsächlich einen Zeckenbiss hat? "Man sollte sie so bald wie möglich entfernen", sagt der Experte. Wenn eine Übertragung der FSME stattfindet, geschehe das relativ schnell, in den ersten Stunden. Um Borrelien zu übertragen, müsse die Zecke mindesten 24 Stunden fest sitzen. "Am besten entfernt man die Zecken mit einer Splitterpinzette oder eigens entwickelten Zeckenzangen oder -karten", rät der Experte.

Man fasst sie direkt zwischen dem Kopf (der in der Haut sitzt) und dem Körper und hebt sie langsam an. "Kein Tier lässt sich gerne den Kopf abreißen." Man sollte einen Moment Geduld habe und ihr Zeit lassen, loszulassen. "Drehen ist sinnlos" sagt Kühlein, "Zecken sind keine Glühbirnen und haben kein Gewinde."

Auch die frühere Technik, die Zecke mit Öl ersticken zu wollen, sollte man nicht mehr anwenden. Ist keine Pinzette zur Hand, kann man auch die Fingernägel nehmen. Reißt man doch den Kopf ab, macht das nicht viel aus. Man sollte die Bissstelle anschließend desinfizieren. "Es ist in aller Regel nicht nötig deshalb am Wochenende den Notdienst aufzusuchen."

Spezielle ringförmige Rötung

Zum Arzt sollte man aber auf jeden Fall bei Hautrötungen und Fieber gehen. Eine sehr spezielle ringförmige Rötung ist ein Zeichen für eine Borrelieninfektion, die behandelt werden sollte. Die typischen Symptome der FSME-Infektion haben zwei Zeitpunkte, nach einer einwöchigen Phase mit allgemeinem Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, Fieber und gelegentlich auch Bauchschmerzen. Nach einem beschwerdefreien Intervall von ein bis drei Wochen kann das FSME-Virus jedoch bei manchen Menschen in einer zweiten Phase einen schwereren Krankheitsverlauf auslösen.

Einen sicheren Schutz gegen einen Zeckenbiss gibt es nicht. Sich an einem schönen Tag, den man in der Natur genießen will, vollständig mit Bekleidung einzuhüllen, ist für Kühlein "nicht wirklich erstrebenswert", wie er sagt. Wenn man viel draußen ist, sollte man sich, so wie er es auch getan hat, gegen FSME impfen lassen. War man im Freien, dann sollte man sich Abends absuchen, ob man eine Zecke hat und diese gleich entfernen.

So macht es auch Kühlein selbst: "Wenn ich draußen unterwegs war, gucke ich abends nach, ob irgendwo eine Zecke sitzt. Manchmal finde ich eine, entferne sie und lege mich entspannt schlafen." Einen Anstieg an Patienten, die mit Zeckenbissen in seine Praxis kommen, sieht der Allgemeinmediziner nicht.

Doch die Klagen über Zecken nehmen zu, gibt es dann auch mehr, etwa durch die zunehmende Erderwärmung? "Begünstigt durch den Klimawandel steigen die Temperaturen im Winter häufiger auf über sechs Grad, das ist die Temperaturschwelle, ab der Zecken aktiv sind und auf Wirtssuche gehen können", erläutert Rainer Hartmann, der ehrenamtliche Vorsitzende der Erlanger Kreisgruppe des Bundes Naturschutz (BN). Des Weiteren überstehen Zecken mildere Winter besser und es bilden sich deshalb höhere Populationen.

Auwald-Zecke gilt als aggressiv

Unsere häufigste Zeckenart, der gemeine Holzbock, sitzt vor allem auf Grashalmen und wird vom Menschen durch Kontakt aufgenommen, sagt der BN-Chef. "Man kann nicht von aggressivem Verhalten sprechen." Vermehrt sei in den letzten Jahren in Deutschland aber die Auwald-Zecke festgestellt worden. Diese suche im Umkreis nach Wirten und gelte als aggressiv. Ihr Vorkommen sei jedoch sehr lokal begrenzt.

Der hohe Wildbesatz in unseren Wäldern biete Zecken ein reichhaltiges Nahrungsangebot und erleichtere die Ausbreitung der Zecken, betont Hartmann. "Zu hoher Wildbesatz verhindert durch Verbiss-Schäden den Umbau unserer Wälder in Zeiten der Klimakrise".

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