BLLV plädiert für Änderungen

Zwischen Prüfungen und Klassenzimmer: Lehramtsanwärter an der Belastungsgrenze

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Anne Kleinmann

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8.11.2021, 06:00 Uhr
Zwei Jahre dauert der sogenannte Vorbereitungsdienst für angehende Lehrer.

© Felix Kästle/picture alliance/dpa, NNZ Zwei Jahre dauert der sogenannte Vorbereitungsdienst für angehende Lehrer.

Vor zwei Jahren hätte sie andere, die diesen Schritt gehen, noch verständnislos angeschaut. "Ich hätte mir gedacht: Das macht man doch nicht, so kurz vor Schluss abzubrechen. Heute weiß ich es besser."

Johanna Wegener (Name geändert) ist Grundschullehramtsanwärterin im zweiten Jahr - beziehungsweise war es. Vor wenigen Wochen entschied sie, abzubrechen und ihre Kündigung einzureichen. "Schon im letzten Jahr hatte ich immer wieder Zusammenbrüche, weil ich nicht mehr konnte. Ich hatte praktisch nie Feierabend, war morgens ab sieben Uhr in der Schule und habe danach noch oft bis spät in den Abend hinein versucht, alle meine Aufgaben zu erledigen - auch am Wochenende." Der permanente Prüfungsdruck habe sie zusätzlich belastet, erzählt Wegener weiter. "Jetzt hab ich die Notbremse gezogen."

Keine belastbaren Zahlen über Abgänger

Wie hoch die Zahl derer ist, die ihre Ausbildung zum Lehrer oder zur Lehrerin abbrechen, ist unklar. Belastbare Zahlen kann das Kultusministerium "wegen Elternzeiten, Fortsetzungen und Unterbrechungen des Vorbereitungsdienstes" nicht liefern. Auch der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) hat keine konkreten Zahlen: "Das ist je nach Studienort und Fach ganz unterschiedlich. Fakt ist aber: Wir dürfen eigentlich keinen der jungen Menschen verlieren, denn wir haben jetzt schon einen eklatanten Lehrermangel", sagt Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV.

Tatsächlich steigt die Zahl der Grundschüler kontinuierlich. 450.000 sind es in diesem Schuljahr, etwa 8.000 mehr als im zurückliegenden. Wer sie unterrichten will, muss erst fünf Jahre studieren, dann zwei Jahre in den sogenannten Vorbereitungsdienst. Dass trotz langer Ausbildung und sicherem Job einige noch im zweiten Vorbereitungsjahr abbrechen, führt Fleischmann auf das System zurück: "Ich erinnere mich selbst noch daran, wie herausfordernd meine Zeit im Referendariat war. Das sind zwei Jahre, die vollgepackt sind mit hohen Ansprüchen an die jungen Lehreranwärter." Gleichzeitig herrsche durch die regelmäßigen Prüfungen ein enormer Leistungsdruck. "Also das ist ein wahres Konglomerat an Herausforderungen, die man da meistern soll."

Der BLLV plädiert deshalb dafür, die Lehrerausbildung künftig anders zu gestalten: "Das Studium bereitet die jungen Anwärter nur bedingt auf die reale Situation an Schulen vor, das muss sich ändern", betont Fleischmann. Zum einen müssten die Studierenden schon während des Studium auf den Perspektivwechsel von der Schüler- hin zur Lehrerrolle vorbereiten werden. "Diese Unterstützung bei der Persönlichkeitsentwicklung ist unheimlich wichtig." Zudem wolle der BLLV die praxisorientierten Elemente im Studium erhöhen und den Prüfungsumfang anpassen, führt Fleischmann aus.

Das bayerische Kultusministerium verweist auf die Frage nach einer Lösung für den hohen Druck und die Aufgabenfülle bei Lehramtsanwärtern und -anwärterinnen lediglich auf die Seminarlehrkräften, die den "notwendigerweise hohen Qualitätsanspruch" des Vorbereitungsdienstes ausgestalten würden. Dass die Pandemie die Ausbildung im letzten Jahr noch erschwert hat, gibt zwar auch das Ministerium zu. Gleichzeitig heißt es aber, man habe "zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um die besondere Situation abzufedern".

Pandemiebedingter Frontalunterricht

Johanna Wegener sieht es anders: "Wir müssen im ersten Jahr einige Unterrichtsstunden erfahrener Lehrkräfte besuchen. Und die Qualität dieser Stunden hat Pandemiebedingt einfach gelitten." Statt einem Unterricht, in dem die Kinder individuell gefördert werden, habe nur digitaler Frontalunterricht stattfinden können. "Dann habe ich im zweiten Jahr auch noch eine Klassenleitung bekommen, wollte da einen guten Job machen, musste Konflikte zwischen Kindern klären, mit Eltern sprechen und gleichzeitig meine Prüfungen machen. Das wurde einfach zu viel."

Ob sie irgendwann ihre letzten neun Monate der Ausbildung abschließen wird, darauf will sie sich nicht festlegen. "Ich mag es mit den Kindern zu arbeiten, aber jetzt muss ich mich erst mal sammeln."

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