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Wenn der Pfarrer in der Zeitung „predigt“

50 Jahre Christliche Publizistik an der Uni Erlangen — Studenten bereiten religiöse Themen für die Medien auf - 12.07.2016 10:00 Uhr

Welche Bedeutung haben Bibeltexte heute noch? In der Abteilung für Christliche Publizistik lernen Studierende, wie sie das den Menschen nicht nur im Gottesdienst, sondern auch über die Medien näherbringen. © dpa


Die Karriere begann im wahrsten Sinne des Wortes als Kellerkind: Der jungen Abteilung namens „Christliche Publizistik“ gestand die Theologische Fakultät in Erlangen nur einen kleinen, wenngleich gemütlichen Seminarraum im Keller zu, garniert mit zwei winzigen Büroräumen für Leitung, Sekretariat und die Mitarbeitenden.

Dem Gründer der Abteilung, Bernhard Klaus, war es ein Anliegen, dass die angehenden Geistlichen nicht nur lernten, auf der Kanzel das Wort Gottes zu verkünden. Vielmehr sollten sie Medien wie Rundfunk oder Tagespresse nutzen, um den Bibeltext den Menschen näher zu bringen.

Die Bezeichnung „Christliche Publizistik“ wählte Klaus bewusst. Er wollte damit signalisieren: Hier werden nicht nur evangelische Pfarrer(innen) medienkompetent gemacht, sondern Lehrende und Studierende diskutieren auch Fragen in der Schnittmenge von Religion und Medien. Bis heute reicht das Spektrum der Doktorarbeiten von historischen Studien zu Anpassung und Widerstand christlicher Medien im Nationalsozialismus über die Analyse religiöser Motive in der Popmusik und im populären Film bis zu ethischen Untersuchungen zur Verantwortung der Medien im digitalen Zeitalter.

Ein eigener Verlag publiziert die Arbeiten bis heute in der Reihe „Studien zur Christlichen Publizistik“. Gegründet wurde er durch den Honorarprofessor und früheren Chefredakteur des Ingolstädter Donaukurier, Friedrich Kraft, zusammen mit Gerhard Meier-Reutti. Dieser trat 1991 die Nachfolger von Bernhard Klaus an.

Mit einem speziellen Aufbaustudium lockte Meier-Reutti in den 1990er Jahren Absolventen der Theologie aus ganz Deutschland nach Erlangen. Ihm war besonders der Praxisbezug ein Anliegen. Die Studierenden schrieben Reportagen für den Evangelischen Pressedienst oder die Nürnberger Nachrichten, absolvierten Praktika beim Bayerischen Rundfunk oder verfassten Kurzandachten für den Privatfunk. Später wurden sie Redakteure, Agenturjournalisten oder Pressesprecher.

Und das Studium wurde internationaler: Kommilitonen aus Osteuropa lernten, die neuen Medienfreiheiten für ihre Kirche zu reflektieren. Heute arbeiten sie für einen orthodoxen Radiosender in Rumänien oder für die lutherische Kirchenzeitung in Budapest.

Im Gegenzug führten Exkursionen in die Heimatländer der ausländischen Studierenden, wobei der Praxisbezug nicht zu kurz kam. So freute sich die Hermannstädter Zeitung in Siebenbürgen über eine Reihe von Beiträgen der Erlanger Gäste, wie sie die Situation der Siebenbürger Sachsen wahrnahmen.

Dass jeder Dialog auch seine Grenzen hat, spürten die Studierenden zum Beispiel im südrumänischen Craiova. So reagierten die angehenden Priester dort geradezu entsetzt, als sie vom Selbstverständnis der evangelischen Publizistik in Deutschland hörten: Darf das sein, die eigene Kirche in der Öffentlichkeit kritisch zu hinterfragen? Muss es nicht vielmehr darum gehen, die Kirche gegen den modernen Zeitgeist zu verteidigen, wenngleich mit den modernen Medien? Spannend waren die Gespräche allemal, und wunderbar war die Gastfreundschaft in den orthodoxen Klöstern.

Ein Blick zurück ins Jahr 2002: Der Autor dieses Beitrags, heute Kommunikationschef der Evangelischen Landeskirche in Baden, ist Assistent in der Abteilung für Christliche Publizistik und leitet gerade ein Seminar (hinten Mitte). © Ralf Rödel


Unter der Leitung von Johanna Haberer, ehemalige Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, neigte sich die Zeit als Kellerkind endgültig dem Ende zu. Neue Räumlichkeiten und neue Studiengänge wurden geschaffen.

Wagten sich anfangs nur einzelne fachfremde Studierende auf das Feld der Christlichen Publizistik, so sind die Nicht-Theologen heute in der deutlichen Mehrheit. Im Master-Studiengang „Medien – Ethik – Religion“ lernen angehende Medienschaffende, religiöse und benachbarte Themen ethisch fundiert zu behandeln.

Mehr als 100 Absolventen haben mittlerweile ihren beruflichen Platz in der Medienbranche und -politik gefunden. Dabei profitieren auch die anderen Disziplinen im Fachbereich Theologie von der Christlichen Publizistik, wenn etwa angehende Journalisten den ersten Gottesdienst der angehenden Pfarrer(innen) in Form einer Kulturkritik wahrnehmen.

Erhellende Einblicke

Die Konfrontation von Fremd- und Selbstwahrnehmung hat dabei nicht selten zu erhellenden Einblicken auf beiden Seiten geführt. Verstärkt reagiert das Lehrangebot auf aktuelle Themen: So steht zum Beispiel die Wahrnehmung des Islam zwischen den Polen Panikmache und Parteinahme auf dem Lehrplan.

Im Nachgang des „Kachelmann-Prozesses“ bot Sabine Rückert, seinerzeit Gerichtsreporterin und heute Mitglied in der Chefredaktion der Zeit, ein Seminar zur Justizberichterstattung an. Und bei einer Exkursion in die USA nahmen die Studierenden die Rolle der Religion im US-amerikanischen Wahlkampf unter die Lupe.

 

DANIEL MEIER

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