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Sich selbst retten und flüchten ist das Ziel

Verteidigung auf Gebärdensprache - 11.01.2017 19:56 Uhr

Mit Peter Althof übten gehörlose Frauen in seinem Kampfstudio die Selbstverteidigung. Judit Nothdurft entwickelte das Konzept dazu. © Foto: Roland Fengler


„Ich will, dass die Schritte im Kopf bleiben!“, schreit Althof und wiederholt die Übung am Boxsack zum fünften Mal: Kehlkopf, Gesicht, Kick und Flucht! Neben ihm steht eine Dolmetscherin, die seine Erklärungen in Gebärdensprache übersetzt.

Wie fest soll ich zuschlagen? Wie befreie ich mich? Und wo liegen bestimmte Schmerzpunkte? Ziel des Kurses ist nicht, den Angreifer K.o. zu schlagen, sondern sich selbst zu retten und zu flüchten. Die Frauen sollen das Gefühl bekommen, sich wehren zu können und dabei lernen, nicht in die Opferrolle zu verfallen.

Althof betont bei jeder Übung, man solle mit den Fingern entweder in die Augen oder den Kehlkopf stechen, um dann nach einem kräftigen Tritt oder Faustschlag die Flucht zu ergreifen.

Die Handgriffe werden am Boxsack in Teams geübt, so dass sich die Frauen gegenseitig unterstützen können. „Stellt euch vor, das ist euer Angreifer, der will was von euch“, motiviert Althof die Betroffenen, Aggressionen zu zeigen und dem potenziellen Gegenüber Angst zu machen.

Dabei kommt es vor allem auf die Stimme an. Die Teilnehmerinnen sollen bei jeder Übung laut schreien, um im Notfall auf sich aufmerksam zu machen. Für einige der Gehörlosen stellt das eine Herausforderung dar, doch schon ein lauter Schrei kann den Angreifer erschrecken und die Flucht ermöglichen. „Der Überraschungseffekt bewirkt sehr viel“, sagt der Trainer.

Auch Alltagsgegenstände können der eigenen Verteidigung dienen. Eine Zeitung wird schnell zum Schlagstock, der Brillenbügel oder Hausschlüssel zur Waffe, um dem Gegenüber ins Auge zu stechen. Beim Einsatz von Tränengas, Deo oder Haarspray rät Peter Althof aber zur Vorsicht. Bei falscher Windrichtung besteht die Gefahr, sich selbst außer Gefecht zu setzen. Deshalb sollte man beim Sprühen immer die eigenen Augen schützen und schnell fliehen.

Der Kurs besteht aus fünf Trainingseinheiten und einem abschließenden Vortrag, bei dem die Hauptpolizeikommissarin Frau Heike Krämer über Themen wie Gewalt und Stalking spricht. In der letzten Trainingsstunde legt jede der Teilnehmerinnen eine kleine Prüfung ab und erhält ein Zertifikat über die erfolgreiche Teilnahme. Der Trainer spielt eine Gefahrensituation vor, indem er die Teilnehmerin angreift. Diese muss zeigen, was sie gelernt hat, um sich aus dieser Lage zu befreien.

Der Kurs kommt gut an. „Ich hatte gar keine Ahnung, wie ich mich wehren kann. Jetzt gehe ich mit offeneren Augen durchs Leben“, sagt eine Teilnehmerin. Die meisten hatten vor allem auf dem Heimweg Angst, wenn es dunkel ist. Durch den Kurs gehen sie jetzt selbstsicherer nach Hause.

Judit Nothdurft entwickelte vor zwei Jahren das Konzept für diesen Verteidigungskurs. Mit Fördermitteln der Glücksspirale realisierte sie ihr Vorhaben im Winter 2014 zum ersten Mal in Nürnberg in Peter Althofs Kampfstudio. Dieses Jahr kann das Ganze mit Unterstützung der Aktion Mensch und der Evangelischen Gehörlosenseelsorge erneut stattfinden. Die Initiatorin hofft, den Kurs bei ausreichender Förderung auch weiterhin anbieten zu können. Unter den Teilnehmerinnen herrscht Einigkeit. Sie möchten auf jeden Fall weitermachen und die bisher erlernten Techniken erweitern und auffrischen.

Weitere Informationen gibt es unter www.jnc-business.de

Mina Novalic

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