Als Kristl & Co. Weihnachten vorverlegten

28.10.2011, 19:40 Uhr
1989: Der 1. FCN schlug im ausverkauften Frankenstadion den Meister FC Bayern mit 4:0 Toren. Nach dem Sieg feiern die Fans die Club-Profis Ulf Metschies, Joachim Philipkowski und Andreas Köpke.

1989: Der 1. FCN schlug im ausverkauften Frankenstadion den Meister FC Bayern mit 4:0 Toren. Nach dem Sieg feiern die Fans die Club-Profis Ulf Metschies, Joachim Philipkowski und Andreas Köpke. © NN / Herbert Voll

Das bayerische Derby ist ein Festtag im Fußball-Kalender. Die Fieberkurve der Anhänger steigt schon Wochen vor dem Klassiker zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem FC Bayern München rapide an. Ihren ersten Ausschlag findet sie bei Vorverkaufsstart in langen Warteschlagen.

Aus Nürnberger Sicht ist die letzte Erinnerung an das Kräftemessen mit dem FC Bayern angenehm: In der Rückrunde der vergangenen Saison besiegelte Christian Eigler im Frankenstadion nach Bayern-Torwart Thomas Krafts völlig missratenem Abschlag per spektakulärem Heber den 1:1-Endstand. Das bedeutete gleichzeitig das vorzeitige Arbeitsende von Bayern-Trainer Louis van Gaal.

Damals wie auch am Samstag werden aus Fan-Perspektive auf dem Rasen auch Stellvertreter-Duelle geführt: Franken gegen Bayern, Klein gegen Groß. Geltungsbedürfnis trifft Arroganz, der Underdog eine Fußball-Macht. Der letzte Kontrast war lange Zeit jedoch nicht so scharf.

Erst 1987 überholte der Verein von der Säbener Straße den 1. FC Nürnberg als Rekordmeister. Fahrt nahm dieses Überholmanöver mit dem Aufstieg der Bayern ins Oberhaus (1965) auf. Gebremst, nicht aufgehalten wurde es vom bislang letzten Nürnberger Titel-Gewinn 1968. Es dauert allerdings noch bis zum Jahr 2050, ehe der Club den Titel "Rekord-Rekordmeister" an den FCB abgeben muss, rechnet kicker-Redakteur Harald Kaiser vor. Gemeint ist damit ist die Zeitstrecke als amtierenden Rekordmeister.

Gomez macht früh die Kräfteverhältnisse klar

In der Hinrunde 2010/11 war der Club vor dem schwächelnden Erzrivalen in der Bundesliga-Tabelle postiert. Mit Rückenwind und rund 6000 Fans machte er sich auf nach Fröttmaning. Das ambitionierte Ziel: Der erste Sieg bei den Bayern nach 18 Jahren! Letztmals für gute Laune hatte ein solcher Ausflug im März 1992 gesorgt.  Sergio Zarate behielt kurz vor der Pause vom Elfmeterpunkt gegen Raimond Aumann die Oberhand.  Zaubermaus Zarate brachte den Club mit 2:1 in Front, um kurz vor Abpfiff den 3:1-Auswärtserfolg durch seinen zweiten Treffer sicherzustellen.

2007: Ich ergebe mich, ihr dürft mich feiern: Robert Vittek (r) freut sich mit den Spielkameraden.

2007: Ich ergebe mich, ihr dürft mich feiern: Robert Vittek (r) freut sich mit den Spielkameraden. © dpa

Im November 2010 starteten nicht die Nürnberger, sondern die Bayern mit Elan in die Partie. Ex-Cluberer Andreas Ottl und seine Mitspieler ließen die fränkischen Kreativkräfte nicht zur Entfaltung kommen. Selbst zeigten sie druckvolle Angriffsaktionen: Gomez verwertete mühelos die Hereingabe von Pranjic zum 1:0. Auch fortan präsentierten sich die Van-Gaal-Schützlinge zielstrebig, der Club zu verhalten. Dies änderte sich in Durchgang zwei. Der Club legte seine Zurückhaltung ab,  tauchte durch Julian Schieber zweimal gefährlich vor dem gegnerischen Kasten auf. FCB-Kapitän Lahm bremste die Nürnberger per verwandeltem Foulelfmeter in ihren Offensivbemühungen aus. Wenig später hätte ein Pinola-Distanzschuss die Franken fast herangebracht.

Schon zuvor war  Nürnbergs Lieblings-Argentinier unrühmlich in Erscheinung getreten: Von den TV-Kameras eingefangen und vom DFB später geahndet, verwandelte sich der Heißsporn gegenüber Schweinsteiger zum Lama - er spuckte als Antwort auf  Schweinsteigers Ellbogeneinsatz.

Vor den Augen von Uli Hoeneß spendierten die Bayern dem Hecking-Team nicht "Drei im Weckla", sondern Nummer "Drei aufs Deckerla": Raphael Schäfer war ohne Abwehrchance, als Gomez einköpfte (75.). Wenig tröstlich für den FCN-Keeper, dass Gomez kurz vor Abpfiff einen Elfmeter verschoss und so seinen dritten Treffer verpasste.

Auch ansonsten gestalteten sich die Gastauftritte in München  meist unerquicklich – ob mit oder ohne Phantomtor. Eine Ausnahme bildete die Saison 1967/68, als der Club am vorletzten Spieltag an der Grünwalder Straße seine bislang letzte Meisterschaft unter Dach und Fach brachte. Wenig verwunderlich, dass zwei Torschützen vom Dienst im Mai 1968 für den 2:0-Coup verantwortlich zeichneten: Franz Brungs bezwang Sepp Maier in Minute 29 ein erstes, FCN-Rekordtorschütze Heinz Strehl zehn Minuten später ein zweites Mal.

Vittek & Friends in Torlaune: Hitzfelds Comeback floppt 

Am einem besonderen 2. 2. hätte Ottmar Hitzfeld im Nachgang mindestens zwei Schnäpse vertragen können. Was der frisch installierte Bayern-Coach 2007 bei seinem Comeback auf der Münchner Trainerbank sah, schlug ihm auf den Magen. Der Club belohnte sich für seine flotte Spielweise selbst: Nach herrlicher Vorarbeit von Markus Schroth umkurvte Ivan Saenko Oliver Kahn mit dem Ball am Fuß, um ihn direkt vor der Nordkurve in den verwaisten Kasten einzuschieben.

Der legendäre 7:3-Heimtriumph des FCN gegen die Bayern Anfang Dezember 1967! Am 16. Spieltag der Saison 67/68 schossen die Clubberer den FCB fulminant aus dem eigenen Stadion. Nürnbergs Goalgetter Franz Brungs hat eben den ersten seiner fünf Treffer gegen chancenlose Bayern markiert.

Der legendäre 7:3-Heimtriumph des FCN gegen die Bayern Anfang Dezember 1967! Am 16. Spieltag der Saison 67/68 schossen die Clubberer den FCB fulminant aus dem eigenen Stadion. Nürnbergs Goalgetter Franz Brungs hat eben den ersten seiner fünf Treffer gegen chancenlose Bayern markiert. © Friedl Ulrich

Ein weiterer Angriffs-Schachzug setzte die Bayern in Minute 71 matt: Greskos Maßflanke verwertete Markus Schroth per Kopf zum vorentscheidenden 2:0. Robert Vittek setzte den Schlusspunkt: Der Slowake narrte mit exquisiter Ballbehandlung die Münchner Hintermannschaft, um die Kugel per präzisem Aufsetzer im linken Eck unterzubringen.

Im Mai 1999 war Ottmar Hitzfeld als Bayern-Coach ebenfalls im Frankenstadion zu Gast. Die Bayern traten - bereits als Meister feststehend  – äußerst reduziert auf. Dies spielte  dem erfrischend engagierten FCN in die Karten. Dass er sein frappierendes Chancenplus in Durchgang eins bei einer Vielzahl erstklassiger Möglichkeiten nicht in die Führung ummünzte, lag allein am erstklassigen Kahn-Vertreter Sven Scheuer.

So dauerte es bis zur 72. Minute, bis FCN-Kapitän Sasa Ciric den Bann brach. Martin Driller legte zehn Minuten später das 2:0 nach. Nach dem Abpfiff schickte Trainer Friedel Rausch Kusshändchen ins Publikum. Club-Präsident Michael A. Roth sprach davon, dass der Klassenerhalt zu "98 Prozent" perfekt sei. Schien er an diesem Samstagnachmittag auch... 

Ebenfalls mit einem 2:0-Endresultat hatte der Club seinen Erzrivalen auch Anfang im November 1993 Richtung Heimat geschickt. André Golke besorgte die Führung der Hausherren. Kurz nach dem Seitenwechsel gab Hans-Jörg Criens mit der Hacke dem Leder den richtigen Dreh, FCB-Keeper Aumann das Nachsehen und den Fans Grund zur Ekstase.

Entenmann muss nach 2:0 Derby-Sieg gehen 

Club-Coach Willi Entenmann genoss den Sieg nicht. Zermürbt von einer Dauerfehde mit Präsident Gerhard Voack trat der schon bei der Ehrenrunde seiner Elf seltsam teilnahmslose Schwabe mit Tränen in den Augen vor die Presse. Seine ungemein kuriose Entlassung stand kurz bevor.

Beim 4:0-Heimtriumph auf dem schneebedeckten Rasen feierten die Nürnberger den höchsten Sieg über den Erzrivalen seit 22 Jahren. Glanzvoller hätte der Rückrundenstart für den Club in der Saison 1989/90 nicht sein können. Wer nahm auf der Bayern-Bank Platz? Jupp Heynckes. Dieser musste miterleben, wie Nürnbergs Kapitän Thomas Brunner einen Foulelfmeter sicher verwandelte. Maßgeblich für die Höhe des Ergebnisses war fortan, dass die Schützlinge von "Tiger" Hermann Gerland einen Sahne-, die Gäste einen Tag zum Vergessen erwischten.

1989, schneebeckter Rasen: "Oh, wie ist das schön" 

Bayern-Keeper Raimond Aumann ermöglichte durch sein halbherziges Herauslaufen Türr, auf 2:0, Dusend durch einen “Tunnel“ auf 3:0 aufzustocken. Die Produktion des in der Frankenmetropole beliebten Aufklebers: "4:0 – ich war dabei". veranlasste Thomas Kristl, der mit seinem Treffer die "Oh, wie ist das schön-Gesänge" der Club-Fans in die Endlosschleife führte.

Eine andere Derby-Sternstunde hatten die Club-Fans in der bislang letzten Meistersaison ihres Lieblingsvereins erleben dürfen. Am 2. Dezember 1967 watschte der Club die Bayern furios mit 7:3 aus dem Städtischen Stadion. Rekord-Torschütze Heinz Strehl, Franz Brungs und Schorsch Volkert trafen in der ersten Hälfte. In Durchgang zwei setzte der FCN die Demontage von Beckenbauer & Co. fort.  Goldköpfchen Brungs netzte noch vier weitere Male ein. Am Ende fand ein grandioser 7:3-Sieg Eingang in die Annalen der Fußball-Geschichte.