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Blindes Verständnis: Linkskurve auf zehn Uhr

Anton Luber aus Nürnberg ist ein sehr guter Langstreckenläufer — und blind - 16.12.2010 22:54 Uhr

So weit die Füße tragen: Anton Luber (links) ist blind, lässt sich von seinem Schicksal aber nicht entmutigen. Vielmehr begreift er seine Behinderung auch als Chance, es sich und anderen zu zeigen. Peter Müller-Wechsler ist ein häufiger Begleiter, von denen er ein paar braucht „bei seiner momentanen Begeisterung“. © Laaß


Kalt ist es an diesem Sonntagmorgen in Ansbach, unangenehm kalt. Minus vier Grad. Einige in der Laufgruppe machen trotzdem Witze, es wird viel gelacht. Auch Anton Luber ist gut drauf, er wirkt entspannt, steht aber etwas abseits. Ein freundlicher, ruhiger Mensch. In den Vordergrund sollen sich andere drängen. Dabei ist eigentlich er der Star.

Leichtfüßig und mit kleinen Schritten joggt Luber wenig später mit seinen Freunden davon, an seiner Seite wie so oft Peter Müller-Wechsler. Die beiden verbindet mehr als ein dünnes Seil, Anton Luber ist beim Sport zwingend auf Unterstützung angewiesen. „Linkskurve auf zehn Uhr“, sagt Müller-Wechsler zum Beispiel, navigiert wird über ein imaginäres Ziffernblatt. Manchmal reicht auch ein kleiner Schubser oder etwas Druck gegen Lubers Unterarm. Jeden Richtungswechsel muss Müller-Wechsler ankündigen, jeden auf der Strecke herumliegenden Zweig.

„Sensationell war die Leistung des für die BSG N-Ergie Nürnberg laufenden Anton Luber.“ (Bericht vom Sechs-Stunden-Lauf in Weissenstadt, September 2010).

Lubers dunkle Mütze trägt die Aufschrift „Anton“ und „Mauerwegtour 2010“. 176 Kilometer hat er neulich in Berlin gepackt, an drei Tagen, knapp 20 Stunden war er mit seinem Partner dafür unterwegs. Die Abstände zwischen seinen Starts werden stetig kürzer, Langdistanz gefällt ihm besonders. Qualen durchlebt er unterwegs allerdings erstaunlich selten. Stattdessen versucht er, die Läufe einfach zu genießen. Die frische Luft, die Atmosphäre, seinen Körper.

So weit die Füße tragen: Anton Luber ist blind, lässt sich von seinem Schicksal aber nicht entmutigen. Vielmehr begreift er seine Behinderung auch als Chance, es sich und anderen zu zeigen. Peter Müller-Wechsler ist ein häufiger Begleiter, von denen er ein paar braucht „bei seiner momentanen Begeisterung“. © Matejka, Laaß


Vor zirka vier Jahren, erzählt Luber, habe er eher zufällig seine Leidenschaft entdeckt. Zuvor war er mit Müller-Wechsler regelmäßig Rad gefahren, im Tandem-Club Franken. Womit Luber, der bei einem Nürnberger Energieversorger beschäftigt ist, seinen Drang nach Ausgleich und Bewegung irgendwann aber nicht mehr befriedigen konnte.

Zwei- bis dreimal pro Woche versucht Luber intensiv zu trainieren. Mit wechselnden Partnern. Für Müller-Wechsler, der zwar in Nürnberg arbeitet, aber in Ansbach wohnt, wäre der Aufwand zu groß. Manchmal, erzählt Luber, zweifacher Familienvater, begleite ihn auch sein Sohn auf dem Fahrrad. Und wenn sich mal partout kein Helfer auftreiben lässt, bleibt ihm ja noch das private Laufband. So weit die Füße tragen.

„Blinder rennt klasse Zeit.“ (Bericht vom Trollinger-Marathon, Mai 2010).

Luber, vor 45 Jahren in Nabburg geboren, kann sich sein Leben ohne sportliche Grenzerfahrungen nicht mehr vorstellen. Seit frühester Jugend ist er blind, eine schwere Augenkrankheit raubte ihm das Licht, aber nicht seine Zuversicht; dass er mit seiner Sport-Begeisterung (auch Leichtathletik, Torball und Ski-Langlauf mag er) andere Behinderte ermutigen dürfte, nicht aufzugeben, sei ihm schon klar, sagt Luber – aber nicht entscheidend. „Ich laufe einfach nur, weil es mir unheimlich viel Spaß macht.“

Über 20-mal hat er die Marathon-Strecke oder längere Distanzen bewältigt, für die weltberühmten 42,195 Kilometer braucht er normalerweise keine vier Stunde
mehr. Im Juli legte er im thüringischen Fröttstädt bei der deutschen Meisterschaft im Cross- und Landschaftslauf stolze 75 Kilometer zurück – meist querfeldein und bei über 35 Grad. Anstrengend, schon. Trotzdem scheint es ihn unheimlich zu reizen, regelmäßig seine körperlichen und mentalen Grenzen auszuloten.

Luber ist gut – manchmal sogar zu gut für seine Nebenmänner.

Von denen er schon ein paar braucht „bei seiner momentanen Begeisterung“, wie Müller-Wechsler sagt. Manchmal ändert sich auch die Rollenverteilung; neulich, in Schwä-bisch Gmünd, erzählt Müller-Wechsler, „ging es mir richtig dreckig, da hat mich dann der Anton ab Kilometer 25 gezogen“. Man hilft sich je nach Tagesform einfach gegenseitig. Ein perfektes, fein abgestimmtes Miteinander. „Wichtig ist, dass man viel redet“, sagt Müller-Wechsler, der Luber seit über 20 Jahren kennt. Und schätzt.

„Ein Marathoni lief sich am Samstag ganz besonders in die Herzen der Zuschauer: Der blinde Spitzensportler Anton Luber.“ (Bericht vom 20. Schwäbisch Gmünder Alb-Marathon, Oktober 2010).

Die beiden haben zusammenschon viel erlebt. Auch an diesem nasskalten Sonntag, obwohl es „nur“ ein Trainingslauf ist auf dem neuen Trekking- und Mountainbike-Rundweg rund um Ansbach. 61 Kilometer mit ein paar knackigen Anstiegen. Sechs der über 30 Teilnehmer halten durch. Darunter auch Anton Luber und Peter Müller-Wechsler. Auf einem Foto im Ziel sehen die meisten ziemlich geschafft aus. Nur einer lächelt.

  

WOLFGANG LAASS

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