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Engagiert, häuslich und ganz unsentimental

Sylke Otto hat nach erfolgreicher Rodelkarriere ihren Weg gefunden - 05.09.2011 19:02 Uhr

Sylke Otto beschreibt sich als häuslich. Das Brotbacken hat ihre Begeisterung geweckt. © Wolfgang Zink


„Nein, nein, ich habe keine Backmaschine“, betont sie. „Den Sauerteig mache ich selbst, mit allem drum und dran. Das macht total Spaß – besonders, wenn’s dann klappt und man sein eigenes Brot in der Hand hält.“ Wenn die 42-jährige ehemalige Weltklasse-Rodlerin im heimischen Zirndorf den Backofen anheizt oder das Mittagessen vorbereitet, dann immer gleich für fünf Personen: für sich und ihren Partner Ronald Grund, für Tochter Sina sowie deren Oma Monika und Opa Leo; Nesthäkchen Nele ist erst fünf Monate und wird gestillt.

Die fränkisch-sächsische Großfamilie – Otto ist gebürtige Chemnitzerin – lebt in zwei Wohnungen unter einem Dach. „Es hat Vor- und Nachteile. Man muss wirklich alles planen und absprechen“, sagt Otto dazu in ihrer ehrlichen Art. „Aber ich bin auch sehr dankbar, dass meine Schwiegereltern sich so um die Kinder kümmern und wir uns mit dem Kochen abwechseln.“ Nur so konnte die Doppelolympiasiegerin, sechsmalige Welt- und fünffache Europameisterin nach ihrer zweiten Schwangerschaft beruflich wieder durchstarten.

Eine Herzensangelegenheit ist ihr das „St. Paul Haus der Athleten“ in Nürnberg, für das sie die Werbetrommel rührt und unermüdlich Sponsoren sucht. Jugendliche sollen dort im Internat unter optimalen Voraussetzungen Leistungssport betreiben können, persönliche Betreuung inklusive. Otto, die selbst ihre Karriere in einem DDR-Sportinternat begann, hält diese Art der Förderung für ideal. „Leider fehlen uns noch jede Menge Sponsoren, damit das Ganze für die jungen Sportler und ihre Eltern bezahlbar wird.“

„Ich würde alles wieder so machen“

An ihre eigene Karriere denkt Otto gern zurück. „Ich würde alles wieder so machen.“ Trotzdem vermisst die erfolgreichste Rennrodlerin aller Zeiten nichts, selbst wenn sie manchmal mit ehemaligen Konkurrentinnen wie Silke Kraushaar-Pielach oder ihrem Mechaniker telefoniert. „Das war ein wunderschöner Abschnitt in meinem Leben – jetzt ist etwas anderes dran“, sagt sie ganz unsentimental.

Auch ihre Töchter will Otto für Sport begeistern. Sina liebt Turnen, Tanzen und Radfahren. „Sie müssen keinen Leistungssport machen. Aber wie wichtig Bewegung ist, auch um im Kopf fit zu sein, das zeigen wissenschaftliche Studien.“ Und in einem wohl bedachten Nebensatz fügt sie an: „Das haben leider unsere Politiker nicht ganz erkannt.“

Sie sagt „unsere Politiker“ und meint die in Berlin. Die Parteipolitik auf Bundesebene ist ihr zu sehr von „Machtkämpfen dominiert, das stört mich“. Dafür engagiert sich Otto gern für die Belange ihrer Mitbürger in Zirndorf. Seit 2008 sitzt sie im Stadtrat, ohne Parteibuch. „Hier auf kommunaler Ebene, wo ich selber lebe, kann ich mich konkret einbringen.“

Die Töchter Sina (vier Jahre) und Nele (fünf Monate) sind der ganze Stolz von Mama Sylke, die ihre Kinder liebevoll erzieht, aber auch durchgreifen kann.


Mit ihrer Meinung hält Otto selten hinter dem Berg. Auch was die Erziehung ihrer Kinder betrifft: „Ich kann es überhaupt nicht leiden, wenn Kinder keinen Respekt haben vor erwachsenen Leuten, vor dem Alter“, sagt sie. „Da krieg’ ich ’ne Hochfrisur.“ Tochter Sina (4) weiß, wovon die Mama spricht. Obwohl sie gerade viel lieber draußen wäre, muss sie nun eine Weile in ihrem Zimmer verbringen. „Weil du den Opa geärgert hast“, erklärt Sylke Otto bestimmt. Die

Vierjährige akzeptiert die pädagogische Maßnahme und gibt sich plötzlich ganz zahm. Mit viel Liebe und konsequenten Entscheidungen sollen ihre Kinder aufwachsen, sagt Otto: „Ich bin selbst Scheidungskind und möchte, dass meine Töchter ein harmonisches Familienleben haben.“

Weiterer Nachwuchs ist nicht geplant („Das ist ja auch eine Altersfrage“), dafür aber eine Hochzeit, jedoch ohne konkretes Datum. „Wir finden immer wieder eine Ausrede, um die Planungen nicht angehen zu müssen“, gesteht Otto. Neun Jahre liegt der Antrag von Ronald Grund nun schon zurück, er stellte die Frage aller Fragen 2002 nach ihrem ersten Olympiasieg. „Danach kam immer irgendwas dazwischen.“ Aufgeschoben ist aber nicht aufgehoben, betont die 42-jährige Romantikerin. Überhaupt beschreibt sie sich als „sehr häuslich. Das liegt am Sternzeichen: Krebs.“

Konservativ und traditionsbewusst ist Otto beim Thema Essen. „Fertiggerichte gibt’s bei mir nicht, ich koche nur mit frischen Zutaten.“ Ausgewogen soll die Ernährung sein, aber: „Man darf auch mal sündigen.“ Kürzlich hat sie etwas Besonderes wieder entdeckt. „Echte DDR-Brötchen – überlecker! Da ist nicht so viel Luft drin, da haste noch was im Mund“, schwärmt sie. Klar, dass sie das Rezept sofort ausprobiert und ihre Familie überzeugt hat: „Solche Brötchen sind gerade bei uns der totale Renner.“ 

Melanie Scheuering E-Mail

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