Fallschirmspringen: Kampf gegen Luftwiderstand und Vorurteile

20.8.2012, 10:53 Uhr
Bei den deutschen Meisterschaften im Fallschirmspringen kämpfen 220 Athleten um Ruhm und Ehre. Ihnen geht es um Spaß und sportliche Herausforderungen. Doch sie wollen auch zeigen, dass ihr Sport zu Unrecht mit Vorurteilen behaftet ist.

Bei den deutschen Meisterschaften im Fallschirmspringen kämpfen 220 Athleten um Ruhm und Ehre. Ihnen geht es um Spaß und sportliche Herausforderungen. Doch sie wollen auch zeigen, dass ihr Sport zu Unrecht mit Vorurteilen behaftet ist. © dpa

Auf den ersten Blick sieht man dem Gelände seine militärische Vergangenheit an: Leicht verstreut liegen die Gebäude des Flugplatzes „Hungriger Wolf“ bei Itzehoe - Kontrollstation, Feuerwehrhalle, Flugzeughangar. Ringsum erheben sich dichte Baumreihen. Früher landeten hier Bundeswehrmaschinen, jetzt schweben bunte Fallschirme sanft vom Himmel.

Tagelang war der Flugplatz Veranstaltungsort der deutschen Meisterschaften im Fallschirmspringen. „Wir wollen immer noch von dem Image weg, dass Springer alle wahnsinnig sind“, sagt Yorck Vettereck vom ausrichtenden Verein Yuu-Skydive. „Fallschirmspringen hat als Sport in Deutschland längst nicht den Stellenwert wie in England oder Frankreich.“

Puls wie beim 100-Meter-Lauf

Dabei sei es längst ein streng reglementierter und vor allem sicherer Sport, sagt Vettereck, der hauptberuflich eine Inneneinrichtungsfirma betreibt. In acht Disziplinen – vom Zielspringen bis zur Freifallformation - können sich die 220 Teilnehmer untereinander messen. Den Siegern winken keine Preisgelder, dafür Ruhm und Ehre. Und die Qualifikation für die Europameisterschaften 2013. Damit alles einen geregelten Gang nimmt, wurden sogar Dopingkontrollen eingeführt: „Fallschirmspringer haben einen Puls wie 100-Meter-Läufer, der Körper tobt“, sagt Vettereck, der selbst als Trainer arbeitet. Medizinische Hilfsmittel zur Konzentrationssteigerung könnten da einen großen Einfluss haben.

Für die meisten Teilnehmer stehen bei den Sprüngen aus 3200 Metern Höhe jedoch Spaß und sportliche Herausforderung im Mittelpunkt. „Der Wettkampf hier ist nicht so verbissen“, sagt Andre Maurice, der mit seinem Team Yuunited-4 in der Freifallformation antrat. Dabei mussten die Teammitglieder innerhalb von 35 Sekunden vorgegebene Figuren „turnen“. Im freien Fall auf rund 1500 Meter Höhe beschleunigen sie dabei auf bis zu 200 Stundenkilometer. Erst dann werden die Fallschirme geöffnet. Ein Kameramann fliegt über der Gruppe und hält jede Bewegung fest. Das Videomaterial werten Kampfrichter dann am Boden aus und vergeben Punkte für gelungene Choreographien.

Fallschirmlehrer im Krankenhaus getroffen

Zum Fallschirmspringen kam Maurice zufällig: „Ich bin eigentlich Handballer und lag mit einer Knieverletzung im Krankenhaus“, erzählt der 33-Jährige. Im Bett neben ihm lag ein Fallschirmlehrer. Aus dem Krankenhaus entlassen, absolvierte er die Ausbildung. „Beim ersten Sprung wollte ich wieder zurück ins Flugzeug klettern.“ Er landete aber sicher und wollte unbedingt weiterspringen.

Bei den deutschen Meisterschaften finden sich Fallschirmspringer kurz nach dem Absprung zu einer Vierer-Formation zusammen. Ein Kameramann über den Springern filmt, Punktrichter am Boden vergeben nach dem Video ihre Wertung.

Bei den deutschen Meisterschaften finden sich Fallschirmspringer kurz nach dem Absprung zu einer Vierer-Formation zusammen. Ein Kameramann über den Springern filmt, Punktrichter am Boden vergeben nach dem Video ihre Wertung. © dpa

Auch wenn es Überwindung kostet, die Gefahren des Sports scheinen überschaubar: 10 000 aktive Fallschirmspringer gibt es bundesweit nach Angaben des Deutschen Fallschirmsport-Verbands (DFV). Im Schnitt absolvieren sie 280 000 Sprünge im Jahr, hinzu kommen 32 000 Tandemsprünge. Dabei kommt es laut DLV zu rund 70 meldepflichtigen Verletzungen wie Knochenbrüchen. Im Vorjahr aber endeten fünf Sprünge tödlich.

"Abolutes Suchtpotenzial"

„Die meisten Unfälle passieren wegen zu hohem Risiko, vor allem bei der Landung“, betont DFV-Geschäftsführer Helmut Bastuck. Früher habe sich ein Schirm mal nicht geöffnet, sagt er. Nun sind die Springer mehrfach gesichert, haben stets einen Ersatzschirm dabei, den sie nicht selbst packen dürfen.

Auch nach hunderten oder gar tausenden Sprüngen steht jedem Teilnehmer bei der Landung auf dem Flugplatz „Hungriger Wolf“ die Begeisterung ins Gesicht geschrieben: „Das ist das beste, was man machen kann, wenn man seine Kleider noch an hat“, sagt Ralph Wilhelm nach seiner Landung. „Einfach geil.“ Der 45-Jährige springt bei dem Turnier als Kameramann. „Das hat absolutes Suchtpotenzial“, meint er breit grinsend. „Und das sagt jemand, der keinen Alkohol trinkt.“

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