Jahns Jünger

6.3.2012, 00:00 Uhr
Die einen schwingen und knallen, der andere erinnert an einen Spaziergang mit Handtasche: Volontär Stefan Bergauer (rechts vorne) hatte immerhin Spaß.

Die einen schwingen und knallen, der andere erinnert an einen Spaziergang mit Handtasche: Volontär Stefan Bergauer (rechts vorne) hatte immerhin Spaß. © Günter Distler

Es ist kalt. Es ist dunkel. Es ist still. Kein Auto, kein Lärm. Nur mein Keuchen und das regelmäßige Knallen der Gewichte sind zu hören. Ich bin beim Luna-Walking. Das hört sich esoterisch-beschwingt an, ist aber alles andere als ein romantischer Spaziergang im Mondschein. Das Tempo ist hoch, sehr hoch. Die Gewichte ziehen an meinen Armen. Der Vollmond lässt sich trotz sternklaren Himmels im Wald nicht blicken. Dementsprechend ist es stockfinster, der Weg lässt sich im Schein unserer Stirnlampen nur erahnen.

„Luna Walking ist etwas zum Genießen“, sagt Christine Marzano. Einmal im Monat führt die Fitness-Trainerin eine Gruppe durch die verschlungenen Waldwege rund um den Valznerweiher. Bei jedem Wetter, auch wenn es stürmt oder schneit. „Da halten uns manche vielleicht für verrückt“, sagt Marzano. „Aber warten Sie ab, wie gut Sie sich hinterher fühlen — besser als alle, die heute mit einer Tüte Chips auf dem Sofa sitzen.“

Ich mag mein Sofa. Für die Sitzkuhle an genau der richtigen Stelle musste ich lange und hart arbeiten. Und ja, ein paar Tüten Chips haben mir diese Arbeit erleichtert. Ich glaube, Marzano schätzt so eine Sitzkuhle zu wenig, ansonsten hat sie recht. Auch wenn ich schon nach ein paar Hundert Metern komplett die Orientierung verloren habe und die Gewichte mit jedem Arm-Schwung schwerer werden, ist allein die Nachtwanderung im Wald die Anstrengung wert.

Marzano korrigiert immer wieder meine Schulterstellung und meinen Bewegungsablauf. „Das muss immer schön knallen“, sagt sie und meint die XCO-Gewichte, mit denen ich die Herausforderung des Luna-Walkings gesteigert habe. Nach Kräften schleudere ich sie vor und zurück, bringe aber statt eines Knalls nur ein leises Rasseln zustande. „Pass auf, der schwingt die XCOs wie eine Handtasche“, sagt eine Teilnehmerin zu Marzano. Die anderen, zum Großteil ebenfalls mit XCO-Gewichten ausgerüstet, haben den Dreh raus: Immer schön aus der Schulter.

XCOs sind um die Jahrtausendwende aus den Niederlanden nach Deutschland gekommen. Sie sind etwas dicker als die Pappröhren in der Küchenrolle und knappe 500 Gramm schwer. Das ist an sich nicht viel, gefüllt sind die Dinger allerdings mit einem Zaubergranulat, Schiefersteinchen, die sich mit dem Schwung fließend verlagern. So werden die Gewichte je nach Einsatz bis zu sechs Kilogramm schwer. Die Idee: Weil man gegen die Gewichtsverlagerung arbeitet, spannt man immer mehrere Muskelgruppen gleichzeitig an und trainiert so das Bindegewebe des gesamten Oberkörpers. Daher auch der Name, XCO steht für Excellent Collagen, hervorragendes Strukturprotein des Bindegewebes.

Zur Belohnung: Muskelkater

Ob das Training tatsächlich meine Eiweiße verändert, kann ich jetzt noch nicht sagen. Aber zusammen mit der Wegstrecke und dem Lauf-Tempo ergeben die XCOs einen 1a Muskelkater. Die Gruppe erzählt von einer 19-Jährigen, die das Ganze erst lächerlich fand und dann tagelang aus einer Schnabeltasse trinken musste.

So schlimm ergeht es mir glücklicherweise nicht. Trotz Marzanos anstrengender „Pausen“ mit Bauchmuskeltraining und Boxübungen fühle ich mich sogar richtig gut, als wir nach eineinhalb Stunden unseren Luna-Walk abschließen — trotz Kälte und Dunkelheit.

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