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Keine Kohle: Bornemann erklärt Nürnbergs Nicht-Transfers

"Drei, vier Millionen sind das neue Ablösefrei": Der Sportvorstand spricht - 02.02.2019 13:33 Uhr

"Ich werde nicht gegen meine Überzeugung handeln": Andreas Bornemann will beim Club nachhaltig und stabil arbeiten. Ärgernisse bringt das natürlich dennoch mit. © Sportfoto Zink / DaMa


Herr Bornemann, eine recycelte Einstiegsfrage, die Ihrem Vorgänger schon einmal gestellt wurde: Steigt der Club jetzt ab?

Bornemann: Ernsthafte Frage?

Ja.

Bornemann: Was heißt jetzt? Jetzt werden wir nicht absteigen können.

Social-Media-Desinteresse und die zwei Ks 

Wenn man sich die Debatten im Internet durchliest oder wenn man mit Fans dieses Vereins spricht, dann gewinnt man aber den Eindruck, die meisten wären enttäuscht und hätten diesen Abstiegskampf schon verloren gegeben. Spätestens nach dieser Transferperiode.

 

Bornemann: Ich beschäftige mich generell nicht damit, was in den sozialen Medien geschrieben wird. Ich habe nicht das Gefühl, dass mir das in meiner Entscheidungsfindung hilft. Und: Enttäuscht kann ich ja nur sein, wenn sich gewisse Erwartungen nicht erfüllt haben. Ich wüsste allerdings nicht, dass wir etwas beigetragen hätten, in Bezug auf Wintertransfers eine solche Erwartungshaltung aufzubauen, die ein anderes Ergebnis erwarten hätte lassen. Es ist nachvollziehbar, dass gesagt wird, dass man alles versuchen muss, um die Klasse zu halten. Für viele gibt es da offenbar nur zwei Möglichkeiten: Entweder ich schmeiße den Trainer raus oder ich schaue, dass ich im Winter drei, vier Verstärkungen an Land ziehe.

 

Sie haben den Trainer nicht entlassen und einen Spieler verpflichtet.

Bornemann: Im Fußball gibt es die zwei Ks. Das eine ist das Konzept, das andere die Kohle. Wenn du beides hast, hast du große Chancen auf nachhaltigen, sportlichen Erfolg. Wenn du eines nicht hast - in unserem Fall ist das die Kohle -, dann musst du es über ein Konzept versuchen. Das heißt, dass ich mit Nachhaltigkeit, Kontinuität und Verlässlichkeit die Arbeit hier verrichte.

Haben Sie denn noch Hoffnung, dass Ihr Konzept für die erste Liga taugt? Oder beinhaltet dieses Konzept auch einen möglichen Abstieg?

Bornemann: Wir wollen und werden bis zum letzten Spieltag mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, in dieser Liga zu bestehen. Wir werden nicht kapitulieren. Aber: Profifußball ist eben der Wettkampf der Metropolen und der Etats. Dabei muss man dann die Möglichkeiten der anderen Teilnehmer realistisch einschätzen können. Vor drei Jahren stand der FCN knapp vor dem Aus, war zuletzt vier Jahre nicht in der ersten Liga vertreten - in einer Zeit, in der dort die Umsatzerlöse explodiert sind. Von diesen Zuflüssen waren wir abgeschnitten. Können wir als FCN also unter diesen Voraussetzungen von uns behaupten, dass wir fester Bestandteil der ersten Liga sein müssen?

Tradition macht nicht erstklassig 

Ich kenne viele, die diese Frage mit "Ja" beantworten würden.

Bornemann: Ja, und begründet wird das dann mit der Tradition. Nur finde ich in der DFL-Satzung nirgendwo einen Passus, in dem das steht.

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Also gehört der Club gar nicht mehr in die erste Liga?

Bornemann: Die Zielsetzung ist es, den Club da zu etablieren. Aber das geht nicht, indem man sagt: Ich bin jetzt da, ich werde für alle Zeiten da sein. Das wird ein langer Weg sein. Ich glaube, dass wir einen guten Teil des Weges zurückgelegt haben. Aber eine langfristige Etablierung in der Bundesliga, ist nicht mehr nur alleine aus dem sportlichen Bereich möglich.

Der Club braucht einen Investor?

 Bornemann: Zumindest Unterstützung, die es ermöglicht, in diesem Wettbewerb konkurrenzfähig zu sein. Ohne finanziellen Anschub von außen haben sich zuletzt ja nur Mainz und Freiburg in der Bundesliga etabliert. Denen ist das aber in einem anderen Umfeld gelungen. Damals waren Vereine wie Karlsruhe, Cottbus oder Bochum die Wettbewerber, die nicht finanziell und infrastrukturell Jahre voraus waren. Augsburg, Hoffenheim oder Leipzig fanden zu dieser Zeit noch nicht auf diesem Niveau statt. Wir müssen die Rahmenbedingungen akzeptieren und versuchen, daraus das Beste zu machen. Das heißt aber auch, dass wir dem eingeschlagenen Weg vertrauen und diesen konsequent weiterverfolgen müssen.

Trotz Ihres Vertrauens haben Sie jetzt für angeblich drei Millionen Euro neue Spieler gesucht im Winter.

Bornemann: Selbst wenn die Summe stimmen sollte . . .

Stimmt sie denn?

Bornemann: Wir haben uns schon einen finanziellen Spielraum gelassen, um im Winter auf mögliche Ausfälle durch Verletzungen reagieren zu können. Im Moment ist es aber so, dass wir nahezu das komplette Personal zur Verfügung haben. Es ging also nicht darum, eine Lücke zu schließen, sondern darum, Spieler zu verpflichten, die deutlich besser sind als diejenigen, die da sind. Wenn man dann diese vermeintlichen drei Millionen in Relation dazu setzt, was andere Vereine in der ersten Liga für vermeintliche Verstärkungen ausgeben...

Also sind es keine drei Millionen.

Bornemann: Selbst wenn es fünf Millionen wären...

"Drei, vier Millionen ist das neue Ablösefrei" 

Wäre es zu wenig?

Bornemann: Das ist eine gute Frage. Ich habe das Gefühl, drei, vier Millionen sind das neue Ablösefrei. Das wird nicht mehr als ablöserelevant betrachtet. Stuttgart verpflichtet einen 18-Jährigen aus der Türkei für zwölf Millionen Euro. Also ist doch klar, dass es bei einem Spieler, der einen gewissen Leistungsnachweis auf Bundesliga- oder vergleichbarem Niveau erbracht hat, völlig illusorisch ist, das mit unseren Möglichkeiten zu regeln.

Müssten Sie als ein um Ihren Ruf bedachter Sportvorstand angesichts dieser Ausgangslage nicht irgendwann sagen: Ja, das geht eben nicht beim 1. FCN. Ich habe keine Lust mehr, dass mir die Bild-Zeitung eine Sechs für meine Transferbilanz gibt.

Bornemann: Ach, wenn das dazu gehört, dann lebe ich damit. Das kann ich aushalten. Ich werde nicht, um so etwas zu verhindern, gegen meine Überzeugung handeln.

Gegen Ihre Überzeugung handeln heißt: Ins Risiko gehen und einfach mal zehn Millionen Euro ausgeben?

Bornemann: Dieser Verein hat doch diese Entwicklung schon einmal mitgemacht, als man ins Risiko gegangen ist. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie 2015 unsere Situation war. Das hatte auch damit zu tun, dass man einen vermeintlichen Betriebsunfall Abstieg mit Risiko zu korrigieren versuchte. Dabei hat man dann bloß vergessen, zu überlegen, was passiert, wenn das nicht funktioniert.

"Da bin ich der falsche Ansprechpartner" 

Glauben Sie, dass Sie mit der Strategie durchkommen? Dass also alle so cool bleiben, dass Sie auch am Ende der Saison noch Sportvorstand sind?

Bornemann: Da bin ich der falsche Ansprechpartner, aber ich finde die Frage auch etwas seltsam.

So seltsam ist die nicht, wenn man die Historie dieses Vereins kennt.

Bornemann: Ja, okay. Dann sage ich, dass ich davon ausgehe, aber trotzdem nicht der richtige Ansprechpartner bin. Ich versuche das nachhaltig und stabil zu machen. Du musst entweder eine Idee haben oder es dir leisten können, auf alle Schwingungen zu reagieren. Dieser Verein kann sich das nicht leisten und konnte es auch in der Vergangenheit nicht. Trotzdem hat er es sich das ein oder andere Mal geleistet - mit dem bekannten Ergebnis. 

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Interview: Fadi Keblawi

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