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Kraftsportler Kondraschow gilt als stärkster deutscher Athlet

Eigenes Körpergewicht bei lockerem Training stemmen - 16.07.2012 19:35 Uhr

Bankdrücken: Jewgenij Kondraschow stemmt die Hantel auf dem Rücken liegend in die Höhe.


Was auf extensiven Fernseh- und Lebensmittelkonsum hindeutet. Selbiger spielt sich erfahrungsgemäß. vorwiegend in der Horizontalen ab, wo Millionen Fans zwischen Flensburg und Friedrichshafen erneut buchstäblich der Schwerkraft erliegen werden.

Doch nicht alle befinden sich im Olympia-Fieber und werden diese Zeit liegend vor dem Bildschirm verbringen. Bei einem steht ein aktives, eher vertikales Alternativprogramm auf der Tagesordnung. „Solche Sportereignisse sind die beste Zeit fürs Training“, sagt Jewgenij Vladimirovitsch Kondraschow und lacht. Schwer fällt ihm der Verzicht nicht. Alkohol trinkt er ohnehin nicht, Erdnüsse nimmt er allenfalls gelegentlich zu sich, und bei der Fußball-EM hatte er sowieso schon abgewunken. „Das ist nicht mein Sport. Bei uns gab es keine Bälle, sondern Hanteln“, lautet die lapidare Erklärung des gebürtigen Ukrainers, der sich dem Kraftdreikampf, neudeutsch „Powerlifting“, verschrieben hat.

Es ist Mittwoch im Fitnesszentrum in der Nürnberger Ajtoschstraße. Die Langhantel liegt auf dem Gestell. Bei der ersten Übung, der Kniebeuge, stellt sich Kondraschow darunter, löst sie aus der Verankerung, geht mit ihr tief in die Hocke und richtet sich wieder auf. Beim Bankdrücken senkt er die Hantel auf dem Rücken liegend auf die Brust und drückt sie von dort in die Höhe. Den Abschluss bildet das Kreuzheben, wo er das ruhende Gewicht vom Boden hebt, was neben Oberschenkel und Gluteus Maximus die Rückenstrecker trainiert.

Seine Bestleistung: satte 362,5 Kilogramm

Kondraschow legt 140 Kilogramm auf, was seinem eigenen Körpergewicht entspricht, hebt die Last, senkt sie, hebt sie erneut und senkt sie wieder. Achtmal in Folge tut er das. Nichts Besonderes für das Kraftpaket, dessen Bestleistung bei unglaublichen 362,5 Kilogramm liegt. Ein leichtes Training. Nach Wettkämpfen wie zum Beispiel der Europameisterschaft im vergangenen Mai in der Ukraine ist eine Pause von mindestens einem Monat notwendig. An eine Maximalleistung (300 Kilogramm) ist frühestens danach zu denken. „Die größten Muskel sind im Rücken, die brauchen die meiste Zeit zur Regenerierung“, sagt Kondraschow zur Erläuterung. Unterdessen hat er auf 180 Kilogramm erhöht, die er achtmal hebt und senkt. Dann folgen 220 Kilogramm – ebenfalls achtmal. Sein Training lässt er mit einer Achter-Runde von 140 Kilogramm ausklingen. So geht das fünf- bis sechsmal in der Woche, denn halbe Sachen sind seine Sache nicht.

Starke Leistung: Jewgenij Kondraschow im Training beim Kreuzheben. Nach Wettkämpfen lässt es der Kraftsportler beim Gewicht etwas leichter angehen. © Sportfoto Zink


1996 kam er mit seinen Eltern nach Deutschland. Nach seiner Ankunft im oberfränkischen Hof begann er im Alter von 14 Jahren mit Fitness-Training: Klimmzüge, Liegestützen, Kraftübungen mit Gummibändern und jeden Tag Joggen. Als er 1998 seinen ersten Kraftdreikampf besuchte, war es um ihn geschehen. Seitdem trainiert er wie ein Besessener. In über 120 Wettkämpfen errang er 23 deutsche Meistertitel im Dreikampf und den Einzeldisziplinen und wurde Welt- und Europameister der Junioren.

2006 absolvierte er den Wettkampf seines Lebens und stellte mit 1010 Kilogramm den bis heute gültigen deutschen Rekord. auf. Laut Wikipedia ist Kondraschow damit „der stärkste deutsche Athlet aller Zeiten“.

Eine Leistung, die fast übermenschlich anmutet. Geht das mit rechten Dingen zu? Ist Doping im Spiel? „Bei einigen Konkurrenten durchaus“, vermutet Kondraschow, der seinen Tagesablauf offiziell von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) kontrollieren und dokumentieren lässt. Bliebe noch die Verletzungsgefahr. Die extreme Belastung beansprucht Skelett und Muskulatur gleichermaßen – selbst bei technisch einwandfreier Ausführung der Übungen. Bei der WM 2007 klemmte er sich einen Nerv ein, was ihn um ein Jahr zurückwarf. Doch Kondraschow kämpfte sich zurück. Der 29-Jährige hat einen langen Atem: „Bei diesem Sport kann man noch mit 50 Weltmeister werden.“

Ausdauer und Ausgeglichenheit zeichnen den Hünen aus, der in der Region längst heimisch geworden ist. „Ich bin ein Franke“, schmunzelt, der gebürtige Ukrainer, der im Hauptberuf als Techniker bei Siemens arbeitet. Auch privat hat er sein Glück gefunden. Vor sieben Jahren lernte er Veronika Mull – selbst sechsfache deutsche Meisterin im Kraftdreikampf – kennen. Seitdem leben und trainieren sie gemeinsam und tingeln von Wettkampf zu Wettkampf. Beim Bavaria Cup sicherten sich Kondraschow und Mull unlängst die Titel in ihren Klassen. Als Preis gab es eine 30 Kilo schwere Löwenstatue. Im November folgt die WM in Puerto Rico. Ziele, für die man gerne auf Chips, Schokolade und Bier verzichtet.

Wolfgang Winkel

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