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Mit Schläger und Kreissäge: Ritter auf Rollen

Nürnberg Knights: Vom Eishockey zum Inlineskater-Hockey - 25.04.2013 15:27 Uhr

„Was für Vereinssportler selbstverständlich ist, müssen wir unseren Jungs erst erklären“: Die Knights (schwarz) bei der Premiere gegen die Pink Skunks. © Böhner


Das Schlussdrittel hat gerade begonnen, da lassen zwei Jungs urplötzlich ihre Fäuste sprechen. Auf den Betonstufen der kleinen Stehplatztribüne haben sie sich in die Haare bekommen, jetzt setzt es Hiebe. Der rundliche Bub wälzt sich schon über den Schmächtigen, doch zum Knockout kommt es nicht, weil zwei Zuschauer schlichten. Die Zehnjährigen suchen das Weite. Es bleiben die einzigen Ausschreitungen unter den rund 15 Zuschauern am Rollhockeyplatz an der Michael-Vogel-Straße in Erlangen.

Hier ist das Leben rau. Einige Kabinenfenster sind eingeschlagen, auf der anderen Straßenseite stehen Wohncontainer einer Notunterkunft. Müllsäcke stapeln sich auf dem Gehweg. Unten, auf dem Betonspielfeld, knarzt und scheppert immer wieder das Holz, wenn sich die Spieler im Zweikampf gegen die Banden werfen.

Einmal, wenige Minuten vor dem Abpfiff, knallt es sogar laut: Ein Erlanger ist mit dem Kopf in die Bande gecheckt worden. Die Schiedsrichter schicken den Übeltäter für fünf Minuten auf einen klapprigen alten Küchenstuhl, der als Strafbank dient. Der Gefoulte nimmt den Helm ab, schimpft und reibt sich die Beule.

„Das war völlig unnötig“, ruft Thomas Groh in Richtung Küchenstuhl und schüttelt mit dem Kopf. 3:4 steht es aus Sicht seiner Mannschaft, die jetzt die letzten Minuten des Spiels in Unterzahl absolvieren muss.

Ball und Körpereinsatz

Der 30-Jährige steckt in einer Jacke, die etwas zu dünn ist für die Jahreszeit. Den dunkelbraunen Schopf hat er in einer grauen Wintermütze versteckt. Seit Sommer vorvergangenen Jahres ist Thomas Groh wieder Trainer der Nürnberg Knights, einer Hobby-Eishockeymannschaft, die erstmals seit sieben Jahren auch in einer Sommerversion der Wintersportart im Verbandsspielbetrieb startet.

Inlineskater-Hockey nenne sich die und sei, erklärt Groh, etwas völlig anderes als Inline-Hockey: „Das, was wir spielen, ist mit Körpereinsatz und Hartplastikball.“ Inline-Hockey hingegen sei mit Noppenpuck, aber ohne Körpereinsatz. Für ihn selbst, verrät Groh, wäre mit Puck und Körpereinsatz eigentlich das Richtige. Weil es das aber noch nicht gibt, spielt er im Sommer jetzt eben Inlineskater-Hockey — wenn er nicht gerade mit den Folgen einer Halswirbelblockade kämpft. Auch Sven Köllner fehlt heute, der einst mit Eishockey-Nationalspieler Florian Busch in der Jugend der Eisbären Berlin gespielt hat. Im Notfall, sagt Groh, hätten sie sich ihre Inlineskates schon geschnürt. Aber die Mannschaft sei auch so stark genug für die Landesliga. Das ist die unterste Spielklasse.

Schon einmal, bis 2004, haben die Knights, die dem 1. FCN Roll- und Eissportverein angehören, organisiert Inlineskater-Hockey gespielt. Doch irgendwann ging das in die Hose, sie haben sich wieder abgemeldet. „Die ganze Arbeit war auf wenigen Schultern verteilt, das konnte nicht gutgehen“, erinnert sich Groh. Spieler kamen und gingen wann sie wollten, Leistungsträger durften ohne Training mitspielen, zu wenige haben sich um die Organisation und den Verein geschert.

Das alles wollen sie beim zweiten Anlauf besser machen. Dass es klappen könnte, zeigt ihm, dass ein großer Teil der Mannschaft gemeinsam ihren Rollhockeyplatz am Valznerweiher mit Kreissäge, Akkubohrer und Schrauben notdürftig repariert hat. Auch wissen Groh und sein Trainerkollege Philipp Gebhardt vor jedem Spiel, wer kommen wird und wer nicht. „Was für Vereinssportler selbstverständlich ist, müssen wir unseren Jungs erst erklären.“

"Gas geben, Druck machen"

Neu ist für manche auch der Ablauf in der Drittelpause. „Jetzt ist Ruhe!“, ruft Gebhardt irgendwann in die Runde und erklärt dann erst einmal, wie sie das in Zukunft so handhaben wollen mit den Anweisungen in der Kabine. Dann sagt er was von „Gas geben“ und „Druck machen“. Johannes Obergfell klebt sich währenddessen mit Klebestreifen ein „C“, das ihn als Kapitän ausweist, aufs Trikot. Dann ergreift auch er noch mal das Wort. Jeder hört zu. Auch diese Lektion ist gelernt.

„Der Joe darf als Einziger neben uns Trainern was sagen“, erklärt Thomas Groh später auf der Tribüne. Obergfell hat einst Bundesliga gespielt, das Studium hat ihn nach Nürnberg verschlagen. Über Freunde ist der Doktorand jetzt zu den Knights gekommen. Doch auch sein Treffer, seine Übersicht und seine Technik helfen am Ende nichts: Nach nervösem Beginn und einer starken Phase, in der die Knights ein 0:1 in ein 2:1 umwandeln, geht das dritte Drittel mit 1:3 und damit das Spiel verloren: 4:3 gewinnen die Pink Skunks, die schon vor dem Spiel das erste Bier getrunken haben.

Das tut vor allem Thomas Groh jetzt weh, auch wenn er es sich nicht gern anmerken lässt. „Tja“, sagt der studierte Sport-Manager, und zuckt mit den Schultern. Vorher noch hatte er vom Aufstieg, vom talentierten Nachwuchs, von Überlegungen, sogar eine zweite Mannschaft anzumelden, gesprochen. Jetzt sagt er sehr lange erst einmal überhaupt nichts. „Das Saisonziel“, flüstert er dann fast, „das müssen wir wohl noch mal überdenken.“
  

CHRISTOPH BENESCH

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