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Paoli: "Unerträgliche Blockadehaltung der Universität"

NZ-Interview mit der Anti-Dopingexpertin, die bald nach Nürnberg kommt - 10.10.2015 16:09 Uhr

Letizia Paoli, eine renommierte Kriminologin, leitet die "Freiburger Evaluierungskommission".

© Foto: imago


NZ: Frau Paoli, Sie sind Kriminologin – wie kamen Sie dazu, sich mit dem Thema Doping zu befassen?

Letizia Paoli: Aus Neugierde. Sport ist ein von der Kriminologie grundsätzlich vernachlässigtes Thema. Ich arbeite seit Jahrzehnten über illegale Drogenmärkte in Italien, Deutschland, Belgien, Russland und weltweit. Aber es gab keine Forschung zu den halb illegalen Märkten im Bereich des Dopings. Das ist absolutes Neuland. Zusammen mit meinem italienischen Kollegen Sandro Donati legten wir 2014 im Auftrag der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada eine große Studie vor zum wohl weltweit strengsten Antidopinggesetz und italienischen Dopingmarkt. Wer ist dort aktiv?
Was wird verkauft? Wie groß ist der Markt? Welche Rolle spielen die Sportverbände? Wie kann man Gegenstrategien entwickeln? Hilft ein Antidopinggesetz?

NZ: Sie haben über die Mafia promoviert - da drängt sich die Frage geradezu auf, ob Sie Parallelen zwischen der Mafia und Sportverbänden und/oder damit befassten Institutionen sehen. Manchmal hat man als Laie fast den Eindruck, dass dies so ist.

Paoli: Nur im übertragenen Sinn. Denn es geht nicht um die klassische italienische Mafia, die kalabresische ’Ndrangetha und sizilianische Cosa Nostra, sondern um Korruption und organisierte Kriminalität. 2012 legte Ihr Kollege von der Süddeutschen Zeitung, Thomas Kistner, sein Standardwerk "FIFA – MAFIA" vor. Diese Sichtweise findet nun ihre Bestätigung durch die amerikanische US-Justizministerin Lynch, die das ursprünglich für die Bekämpfung der US-Mafia und organisierten Kriminalität geschaffene Bundesgesetz "Rico Act" auf die Fifa anwendet. Das sagt alles.

NZ: Die Freiburger Evaluierungskommission besteht seit 2007, Sie sind seit 2009 Vorsitzende - wie sind Sie zu dieser Aufgabe gekommen?

Paoli: Beinahe wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind. Ich hatte das Kommissionsmitglied Professor Werner Franke im Sommer 2009 angeschrieben und um ein Treffen gebeten. Es ging um meinen Plan für ein Forschungsprojekt zum Thema Dopingmarkt. Das Treffen kam nicht zustande, aber im November nach dem Rücktritt meines Vorgängers erhielt ich aus der Kommissionssitzung die Anfrage zur Übernahme des Vorsitzes.

NZ: Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Paoli: Man sagte mir, die Arbeit sei getan und in spätestens sechs Monaten könne abgeschlossen werden. Nur deshalb sagte ich zu. Mich reizte mit Blick auf die Dopingmarktforschung gewissermaßen als Crash-Kurs der Einblick in die Welt des Sports und Dopings. Es kam dann anders, denn die Arbeit war eben nicht getan. Ganz im Gegenteil.

NZ: Die Kommissionsmitglieder machen diese Aufgabe "nebenbei"; dennoch sind sechs Jahre ein lange Zeit - warum dauert es so lange, bis Sie ein Ergebnis präsentieren können.

Paoli: Aus vielen Gründen: Mein Vorgänger hat die Arbeiten nach einem halben Jahr Anfang 2008 bis zu seinem Ausscheiden Ende 2009 eingestellt. Unter meinem Vorsitz konnte sie wegen Blockaden durch den Universitätsrektor, der eine Konzentrierung auf das Dopingthema explizit ablehnte, erst September 2010 wieder aufgenommen werden. Mitte 2012 konnten wir nachweisen, dass eine Juristin und Abteilungsleiterin des Rektorats tausende Seiten Akten fast fünf Jahre bei sich zu Hause versteckt hat. 2013 konnten wir die Manipulation unseres Arbeitsauftrags 2007 durch den damaligen Rektor nachweisen. Jetzt erst konnte zur gesamten Dopinggeschichte gearbeitet werden. Ende 2014 fand die Staatsanwaltschaft Freiburg tausende Seiten vorher angeblich nicht auffindbarer Ermittlungsakten. 2015 kam heraus, dass ein hoher Ministerialbeamter meinen Kollegen Prof. Treutlein 2013 nach dessen Auffassung über die Existenz von Akten wohl angelogen hat. 2014 baten wir den Universitätsrektor um Aktenkopien, die wir nun nach einem Jahr endlich erhielten. Ich könnte die Liste fast beliebig ergänzen.

NZ: Es sind alles sehr profilierte Experten, auch mit eigenen Köpfen und Egos, die in der Kommission zusammenarbeiten (müssen). Es war ja auch immer wieder von internem Streit zu lesen/hören - wie hält man so ein Team als Vorsitzende zusammen?

Paoli: Das ist so nicht richtig, denn einen internen, dann auch öffentlich gewordenen Streit gab es erst seit Herbst 2014. Der Kollege wurde dann ja auch aus der Kommission abgewählt. Die eigentliche Spannungslinie lag aber all die Jahre vorher nicht innerhalb der Kommission, sondern außerhalb zwischen ihr und dem Universitätsrektor als ihrem Auftraggeber.

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NZ: Es war auch zu lesen, dass Sie selbst mit Rücktritt gedroht haben. Wenn der Druck durch die Politik und die Uni-Leitung zu groß wurde, Sie und die Kommission offensichtlich blockiert, in Ihrer Arbeit behindert wurden - wie hält man das aus? Und warum haben Sie dennoch weitergemacht?

Paoli: Sie haben Recht, es war nicht einfach, die Kommission in ganz kritischen Momenten über die Runden zu bringen. Im Herbst 2012 kam das erste Ultimatum des Rektors zum vorzeitigen Abschluss, nachdem aufgedeckt worden war, dass eine Abteilungsleiterin des Rektorats Akten versteckt hatte. Im Herbst 2014 folgten der zweite Abbruchversuch und die ultimative Forderung nach der Übergabe aller unserer Unterlagen an eine ominöse neue Forschungsstelle Sportmedizin. Nun zum Herbst 2015 war der dritte Abbruch vorgesehen. Warum habe ich weitergemacht? Die Aufklärung der Freiburger Dopingvergangenheit ist eine historische Aufgabe. Freiburg war zweifellos das westdeutsche Dopingzentrum. Die Wahrheit dazu ist den vielen tausenden Angehörigen der Universität geschuldet, von der Putzfrau bis zum Ordinarius, die alle glaubwürdige Aufklärung und die ganze Wahrheit wollen.

NZ: Waren Sie überrascht, wie eng das Geflecht aus Sport und Politik war oder zum Teil noch ist?

Paoli: Nein. Und an diesem Punkt stellt sich die entscheidende Frage nach der Letztverantwortung. Wie konnte es zum Freiburger Dopingsystem kommen?

NZ: Ist es richtig, dass die Auftraggeber anfangs darauf drangen, die Person Klümper bei Ihren Nachforschungen außen vor zu lassen?

Paoli: In der Tat. Den offiziellen vom Universitätsklinikum, der Medizinischen Fakultät und dem Universitätsrektorat beschlossenen Arbeitsauftrag einer Aufarbeitung der gesamten Freiburger Doping-Historie seit den 1950er Jahren inklusive Prof. Klümper hat das Rektorat der Kommission nie mitgeteilt. 2013 hat die Kommission nachgewiesen, dass 2007 der damalige Rektor persönlich den Arbeitsauftrag manipulierte. Die gesamte Dopinggeschichte und gerade Klümper waren ausgeschlossen worden. Darauf forderte unser schwedischer Kollege Prof. Bengt Saltin, einer der weltweit angesehensten Anti-Dopingexperten, wegen der mittlerweile unerträglichen Blockadehaltung den Abbruch der Arbeiten. Sein ernüchterndes Urteil: Zusammen mit der Universität werden wir nie die ganze Wahrheit öffentlich machen können.

NZ: Wirbel gab es Anfang 2015, als der VfB Stuttgart und SC Freiburg in den Fokus rückten – hatten Sie erwartet, dass Fußball und Doping die Öffentlichkeit so elektrisieren?

Paoli: Ganz klar ja. Und wir alle bedauern es ausdrücklich, dass ein Ex-Kollege mit seiner eigenmächtigen Veröffentlichung die Kommission für seine Profilierung missbrauchte. Das hat der Sache sehr geschadet.

NZ: Trügt der Eindruck, dass gerade die Fußball-Verantwortlichen - von den Vereinen bis zum DFB - bei diesem Thema ebenfalls mehr mauern, als an echter Aufklärung interessiert sind?

Paoli: Ich bin dazu keine Expertin. Aber einschlägige Publikationen wie jüngst Herrn Kistners "Die geheime Dopinggeschichte des Fußballs" drängen solche Eindrücke geradezu auf.

NZ: Ist inzwischen absehbar, wann mit dem Abschlussbericht der Kommission zu rechnen ist?

Paoli: Der Abschlussbericht kommt 2016. Da er nach der Übergabe an
den Auftraggeber dort noch einen internen Prozess durchläuft, lässt sich das genaue Datum seiner Veröffentlichung noch nicht nennen.

NZ: Eine persönliche Frage zum Ende: Hat Ihnen all das, was Sie in den letzten Jahren erfahren haben, den Spaß am Sport verderben können?

Paoli: Nein. Allein schon deshalb, weil ich keinen Bezug zum Leistungs- und vor allem Profisport habe. Mich persönlich interessiert das nicht. Zudem gehe ich wegen meines Berufs und Herkunft aus Italien gar nicht davon aus, dass dort zwar in Wirtschaft, Banken und Politik teils systematische Korruption herrscht, aber ausgerechnet im Milliarden Euro schweren Sportbereich nur die Ehrlichen agieren. Dennoch ist Sport eine große und großartige Kulturleistung unserer Gesellschaften. Man kann nur dankbar sein, was all die vielen ehrlichen Menschen in Gruppen, Schulen, Vereinen und Verbänden leisten. Umso wichtiger ist es, unter den Sportlern insbesondere die Kinder und Jugendlichen vor Versuchungen, Gefahren und Exzessen zu schützen.

NZ: Was erwarten Sie sich von dem Symposium in Nürnberg?

Paoli: Eine sehr spannende Sache. Information auf höchstem Niveau durch viele der führenden Experten.

Fragen: Philipp Roser

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