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Dienstag, 02.06.2020

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Schluss beim NHTC: Olympiasieger Chris Wesley hört auf

Der langjährige Hockey-Nationalspieler beendet seine Karriere - 26.04.2020 12:17 Uhr

Leichtfüßig: Vom Stürmer zum Spielgestalter und zuletzt Abwehrspieler wandelte sich Wesleys Rolle im Team des NHTC. © Foto: Sportfoto Zink


Wesley ist ein Bauchmensch, er entschied auf dem Platz immer ganz situativ, das machte ihn für die gegnerischen Abwehrspieler so schwer ausrechenbar und sorgte mitunter dafür, dass der ein oder andere seiner Trainer schon mal in die Taktiktafel biss, weil Wesley eben seinen ganz eigenen Plan verfolgte. Dieser Typ, der er auf und abseits des Platzes immer war und den er beileibe nicht nur verkörperte, ließ sich lange Zeit mit seiner Entscheidung – dabei hatte sich das Ende der sportlichen Karriere in den letzten Monaten mehr und mehr abgezeichnet. Jetzt kommt im August das zweite Kind, er packt mit an, weil das neu erstandene Haus in Schwaig gerade renoviert wird. Und seine Frau Andrea kann den elf Monate alten Ludwig kaum noch bändigen. Für Wesley ist es nun fraglos der Beginn einer neuen Phase seines Lebens.

Leichtfüßig: Vom Stürmer zum Spielgestalter und zuletzt Abwehrspieler wandelte sich Wesleys Rolle im Team des NHTC. © Foto: Sportfoto Zink


"Vor fünf Jahren hätte ich sowas noch nicht hören wollen", gibt er zu, und das schelmische Lächeln meint man durch das Telefon erkennen zu können. "Aber jetzt", sagt er und klingt dabei ungewohnt ernst, "jetzt ist die Zeit reif dafür." 33 wird er im Juni, viel hat er in seinem Sport erlebt. Hat beinahe 200 Mal das Trikot des Nationalteams getragen, hat seit 2007 mit dem NHTC in der Bundesliga gespielt und dabei viele Freundschaften geknüpft. "Wess", wie sie ihn in Hockey-Deutschland nur nennen, musste man mögen. Frech, immer unangepasst, einer, den man gerne zum Bier einlädt.

Dieser Bonvivant kann jetzt zurückblicken auf ein sportlich erfülltes Leben, auch wenn "einige Menschen meinen, dass ich mein Talent verschleudert hab". Er selbst denkt nicht so. Quälen mochte er sich lange nicht, Technik und Spielwitz schienen eine ausreichende Lösung zu sein. Das reichte Wesley. Bis sein Sandkastenkumpel und langjähriger Mitstreiter Max Müller 2008 mit Gold von den Spielen aus Peking zurückkehrte. Erst im Anschluss daran setzte so etwas wie ein moderater Prozess des Umdenkens ein. "Ich hätte weiter im Kopf sein müssen, das war ich aber einfach nicht. Und hätte, wäre, wenn." Wesley muss diesen Satz gar nicht beenden.

"Das war die geilste Mannschaft"

Den Spaß, den er oft in den Mittelpunkt des Seins stellte, wusste er in der Nationalmannschaft erst 2012 mit ehrgeizigen Ambitionen zu vereinen. Am letzten Sonntag lief das Endspiel von London mal wieder im Fernsehen. Müller sagte Bescheid, und er tauchte nochmals ein in das, was er heute als den größten Moment seines Hockeylebens sieht. "Das war die geilste Mannschaft, in der ich je gespielt habe. Nicht, weil wir die 16 besten Freude waren, sondern, weil alle das gleiche wollten und alle ihr Ego hintenan gestellt haben."

Es werden Erinnerungen wie diese sein, die in den nächsten Monaten und Jahren die Oberhand gewinnen werden. Sich quälen in der Vorbereitung für einen irgendwann beginnenden zweiten Teil der Feldsaison – das wollte er jetzt nicht mehr. Er arbeitet bei einem Bauträger als Projekt-Controller, überwacht Budgets und hantiert mit seinem Steckenpferd Zahlen. Der Krummstock ist nun Geschichte für Wesley.

Florian Pöhlmann

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