Geschichten aus dem Zug

Laubenweg 60: Zwischen Pitch, Projekten und Portfolio

Michael Fischer, Sportredakteur
Michael Fischer

Nürnberger Nachrichten

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4.10.2021, 17:45 Uhr
Eine Bahnfahrt, die ist lustig, eine Bahnfahrt, die ist schön. Oder auch nicht. Wie man es eben nimmt. Zumindest ist sie nie langweilig.

Eine Bahnfahrt, die ist lustig, eine Bahnfahrt, die ist schön. Oder auch nicht. Wie man es eben nimmt. Zumindest ist sie nie langweilig. © Christophe Gateau, dpa

Der gute, alte Goethe hat ja viele kluge Sätze gesagt und geschrieben. Zum Beispiel den, dass der Mensch nicht reise „um anzukommen, sondern um zu reisen“. Das ist zwar nicht ganz richtig, schließlich reist man als Sportreporter auch nach Köln, um dem Kleeblatt beim Fußballspielen in der Bundesliga zuzuschauen.

Die beste und angenehmste Art des Reisens ist ja immer noch der Zug – wenn gerade nicht die Klimaanlage ausfällt, man nicht umgeleitet wird oder der Anschlusszug „leider nicht mehr erreicht“ wird. Oder: Wenn da nicht die anderen Menschen wären, denen man auf so einer Reise begegnet.

Abstandsregeln werden bei der Deutschen Bahn jedenfalls vernachlässigt. Wer durch Deutschland reist, fühlt sich auf seinem Platz nicht einsam und darf dem Menschen auf dem Sitz nebenan wahlweise beim Essen, Schlafen oder Filmeschauen sehr nah sein.

Manchmal ist man sogar mittendrin in ganz spannenden Telefonaten. Die gesamte deutsche Wirtschaft, vor allem der hippe Teil davon, reist offenbar gerne mit dem Zug – und bespricht dann im vollgestopften Abteil die nächsten gaaaanz wichtigen Projekte, erklärt dem Kollegen am anderen Ende der Leitung, was noch unbedingt ins Portfolio müsse – und erwähnt dabei in jedem dritten Satz das Lieblingswort aller, die etwas auf sich halten: den „Pitch“.

Als Sportredakteur denkt man da natürlich an den Wurf des Pitchers beim Baseball, aber den meinen all die jungen Business-Menschen damit nicht. Sie könnten auch einfach von einer „Präsentation“ ihrer Ideen und Projekte und Portfolios sprechen, aber das klänge ja nicht nach der großen Welt, nicht so hip und cool. Ach. Wir halten es lieber mit dem guten, alten Goethe: „Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.“

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