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Vorfreude und Kopfschütteln zum Start der Handball-WM

Umfrage unter den Vereinen in Stadt und Landkreis Fürth zeigt: Es ist kein normales Turnier - 13.01.2021 09:19 Uhr

Medizinisches Personal wartet in Schutzanzügen auf dem Rollfeld auf die deutsche Handball-Nationalmannschaft, die vor dem Start der WM in Ägypten auf dem Flughafen von Kairo gelandet ist. Am Fuße der Gangway wird bei Bundestrainer Alfred Gislason die Temperatur gemessen.

12.01.2021 © Foto: Sascha Klahn/dpa


Stell dir vor, es ist Handball-WM, und es tritt nicht die bestmögliche Formation an. Genauso stellt es sich für die deutsche Nationalmannschaft dar, die ohne die Topspieler des Champions-League-Siegers THW Kiel nach Ägypten geflogen ist.


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Patrick Wiencek, Hendrik Pekeler und der Oberasbacher Steffen Weinhold begründeten ihre Absage mit der Sorge um ihre Familien; da auch Finn Lemke aus Melsungen nicht dabei sein wollte, fehlt Bundestrainer Alfred Gislason eine Menge Erfahrung in der Abwehr. Das ist aber nicht das einzige, was die Vorfreude unter den hiesigen Handballexperten trübt.

Florian Kopatsch, Trainer der Männer des MTV Stadeln in der Landesliga, ist überwiegend euphorisch: "Man freut sich natürlich drauf, da wir ja alle Handballer mit Herzblut sind und wir freuen uns darüber, dass unser Sport irgendwie stattfinden kann in diesen Zeiten", ist seine erste Reaktion.

Gleichwohl tut er sich schwer, den Zuschauerausschluss bei der WM und die Absagen der drei Kieler zu kommentieren. "Ich bin kein Virologe, wir kennen die Maßnahmen bei der Champions League und das Set-Up in Ägypten nicht." Der gesunde Menschenverstand schreibe es derzeit vor, so wenige Kontakte wie möglich zu haben, "da ist es nur logisch, keine Zuschauer zuzulassen". Torhüter Andreas Wolff, der die Kieler hart kritisiert hat, "hat da wohl mehr Einblick", seine Kritik finde er "mutig".

Verschobene Prioritäten

Überhaupt nicht in WM-Stimmung ist Sarah Pröpster, Spielerin bei den Bayernliga-Frauen der HG Zirndorf. "Ich habe meine Prioritäten etwas verschoben", erzählt sie, "da man selbst den Sport nicht ausüben kann." Sie hadert mit sich: "Ich glaube, dass ich es nicht ganz lassen kann, weil es einen trotzdem interessiert, eine WM ist ein Highlight. Generell aber halte ich das Turnier für sehr kritisch, ich hätte es abgesagt."

Während man hierzulande immer weitere Einschränkungen in Kauf nehmen müsse, um die Pandemie zu bekämpfen, sei ein derart großes Turnier einfach "nicht angebracht". Klar sorgten Sportübertragungen im Fernsehen für Ablenkung – derart positiv sähen es auch einige Nationalspieler. Dass nun ausgerechnet die Champions-League-Teilnehmer abgesagt haben, kann sie sich nur damit begründen, "dass sie vertraglich gebunden sind an ihren Verein".

Genervt vom Hin und Her

Mit "gemischten Gefühlen" geht Claudia von Frankenberg, Trainerin der BOL-Männer der HG Zirndorf, als Fan in dieses Turnier. "Handball ist so ein bisschen zur Nebensache geworden, wenn man die hohen Fallzahlen der Pandemie sieht", bekennt sie. Auch für ihre Spieler war es schwierig. Schon vor dem Lockdown haben sich zwei aus ihrem Kader verabschiedet, da sie nicht riskieren wollten, krank oder in Quarantäne auf der Arbeit zu fehlen. "Unser Spiel ist immer noch just for fun", sagt von Frankenberg verständnisvoll. Für diejenigen, die dabei geblieben sind, war "das Hin und Her" in Bezug auf den Spielplan schwierig. Und jetzt steht die WM vor der Tür, auf die sich in normalen Zeiten jeder Handballer gefreut hätte.

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"Einerseits ist es schön, Handball im Fernsehen zu sehen, weil ja sonst nichts los ist." Doch die Partien vor Publikum auszutragen, "hätte ich unmöglich gefunden". Und sie stellt die ethische Frage: "Muss man in solchen Zeiten eine WM durchführen, während andere um ihre Existenz kämpfen?" Sie stehe noch unter dem Eindruck der im Januar verkündeten Insolvenzen aufgrund der Pandemie. Dabei sieht sie die Parallelen zum Profifußball, in dem es auch um Arbeitsplätze geht.

Daher hält sie die Absagen der vier Nationalspieler für "voll in Ordnung. Die Entscheidung jedes einzelnen ist zu respektieren". Unterm Strich und nach einigem Nachdenken findet sie dann doch: "Es ist schön, dass es die WM überhaupt gibt."

"Jeder trägt Verantwortung"

Carsten Peine wiederum hat große Lust auf das Turnier. Die Einstellung des Trainers der Bayernliga-Frauen des MTV Stadeln ist: "Im Moment gibt es genügend andere Themen, da ist die WM eine willkommene Ablenkung."

Aber natürlich schwinge "die Skepsis mit, ob das sinnvoll ist vor dem Hintergrund der ganzen Einschränkungen". Das zeige sich auch im Fernbleiben der vier Nationalspieler, für die er volles Verständnis habe. "Jeder im Handball trägt die Verantwortung für seine Entscheidungen, siehe Roßtal", erinnert er an den Rückzug des TSV mit allen Mannschaften aus dem Spielbetrieb. Im Herbst hatte sich (wie berichtet) der Verein dagegen entschieden, an der Runde teilzunehmen, um die Spieler und Verantwortlichen nicht zu gefährden, in gesundheitlicher und rechtlicher Hinsicht.


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Dass die drei Stars vom THW Kiel fernbleiben, bietet für die Nachrücker auch Chancen – die Gegner kennen sie schlichtweg nicht so gut wie die Etablierten, Deutschland werde so unberechenbarer.

Doch der Innenblock mit Pekeler, wertvollster Spieler in der Champions League, und Wiencek sei schwer zu ersetzen. Sie seien im Verein hervorragend abgestimmt untereinander und "von der Figur her ganz schöne Kaliber". Eine Prognose für den Turnierverlauf der Deutschen verkneife er sich daher lieber. Doch er sieht es pragmatisch: "Ich würde mir schon wünschen, dass sie weit kommen, weil das Fernsehen darauf getriggert ist, wie weit die deutsche Mannschaft kommt."

Schwierige Frage zum Regime

Keine Frage, Attila Kardos ist nicht nur Handball-Trainer bei den Bayernliga-Frauen des HC Erlangen, sondern auch leidenschaftlicher Fan. Für die WM hat sich der Ex-Coach von Ligakonkurrent HG Zirndorf extra ein Abo des Internetanbieters "sportdeutschland.tv" geholt, wo jede Partie des Turniers übertragen wird.

Alle 108 Partien des auf 32 Teams aufgeblähten Turniers in Ägypten wird der 53-Jährige wohl nicht schauen, aber viele. "Die interessanten Spiele", sagt er, wobei dazu so einige zählen. "Die Südamerikaner sind meistens nicht so schlecht. Die Afrikaner haben uns auch schon mal Probleme bereitet, wenn man bedenkt, dass viele nur auf Sandplätzen trainieren können." Auch auf die deutschen Gruppengegner Kapverden (Freitag, 18 Uhr) und Uruguay (Sonntag, 18 Uhr) ist er gespannt. Am Dienstag endet die Vorrunde mit dem Spiel gegen nicht zu unterschätzenden Ungarn.

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Trotzdem hat auch Kardos zwiespältige Gefühle angesichts der Pandemie. "Bei allen Beschränkungen, die man im normalen Leben hinnehmen muss, kann man berechtigterweise fragen, warum die da Sport treiben dürfen. Auf der anderen Seite bin ich aber froh, dass es im Sport irgendwie weitergeht. Das lenkt ja auch ab und bereitet Freude, wenn man sich das anschauen kann." Erleichtert ist der Trainer, dass keine Zuschauer zugelassen wurden.

Schwierig findet Kardos die Frage, ob Ägypten unter dem autoritären Herrscher Abdel Fattah al-Sisi mit Blick auf die Menschenrechtslage ein geeigneter Gastgeber ist. "Es lässt sich wohl nicht verhindern, dass man diverse Sport-Veranstaltungen an Orten hat, bei denen man eigentlich sagt, da gehören sie nicht hin", sagt Kardos.

Der deutschen Mannschaft traut er das Viertelfinale zu, alles weitere sei dann von den Gegnern abhängig. "Was uns die letzten Jahre fehlt, sind die absoluten Spitzenleute wie Mikkel Hansen oder Nikola Karabatic. Wir müssen über das Team kommen." Die WM sieht er durchaus mit den Augen eines Bayernliga-Trainers. "Manche Sachen versucht man sich schon abzuschauen – manche aber auch gerade nicht."

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