Montag, 28.09.2020

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Warum sind Fitnessstudios nicht systemrelevant?

Zu den großen Verlierern der Coronakrise zählen auch Fitnessstudios. Ein Betreiber wehrt sich. - 09.08.2020 14:24 Uhr

Torsten Berthold zwischen seinen Maschinen im „Sportforum“ in der Fürther Innenstadt. Zum Hygienekonzept gehört, dass jedes zweite Gerät gesperrt ist.

© Foto: Hans-Martin Issler/Zink


Torsten Berthold, 48, ist Sporttherapeut und Inhaber des "Sportforums" am Fürther Löwenplatz. Es ist kein klassisches Fitnessstudio, sondern es firmiert unter "Rücken- und Gesundheitszentrum", bei dem auch ärztliche Verordnungen zum Reha-Sport eingelöst werden können. Der Altersschnitt seiner Kundschaft liegt bei 56 Jahren, normale Fitnessstudios sprechen ein wesentlich jüngeres Publikum an.

Herr Berthold, was ist Ihnen an Ihren Kunden nach dem Lockdown aufgefallen?

Dass zehn Prozent überhaupt nicht mehr wiederkommen. Und bei denen, die wieder da sind, haben wir festgestellt, dass sie während der unfreiwilligen Pause drei Kilogramm im Durchschnitt zugenommen haben. Sie waren vor Corona in einem körperlich guten Zustand, jetzt ist er zum Teil desolat.

 

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dadurch, dass wir ärztlich verordneten Reha-Sport anbieten, kam eine 70-Jährige mit einem künstlichen Kniegelenk zu uns. Sie hat spezielle Muskelgruppen trainiert und konnte gut laufen. Jetzt hinkt sie.

 

Was ist mit den fehlenden zehn Prozent?

Es kostet uns viel Überzeugungsarbeit und Werbung, diese Leute wieder zurückzuholen. Wir haben fast alle einzeln angerufen. Die häufigste Rückmeldung dieser zehn Prozent ist die Angst. Von den restlichen 90 Prozent haben wir zu Beginn des Lockdowns fast täglich Anrufe erhalten mit der Frage, wann wir wieder öffnen und wie sie übergangsweise trainieren können. Für die haben wir Videos zum Mitmachen gedreht.

 

Wovor genau haben die Menschen Angst? Ohne Hygienekonzept dürften Sie ja gar nicht aufmachen . . .

Eben. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund für die Angst. In jedem Bau- und Supermarkt ist der Kontakt enger als bei uns. Trotzdem kündigen uns Leute, die zuvor richtige Fans von uns waren. Das ist hart.

 

Nur zehn Prozent weniger Kunden nach drei Monaten Schließung – immerhin, oder?

Es ist nach wie vor nicht einfach. Ich habe meine 15 Angestellten in Kurzarbeit geschickt. Zwei Studenten, die in meinem Betrieb eine Ausbildung machen, haben weiter ihren vollen Lohn erhalten. Das Schlimmste war aber die Ungewissheit am Anfang, dass wir nicht wussten, wie lange wir noch geschlossen haben würden. Der Schaden ist sechsstellig, das ist existenzbedrohend.

 

Sind Sie auf eine eventuelle zweite Welle vorbereitet?

Nein, wenn wir nicht als systemrelevant eingestuft werden. Und das ist aus meiner Sicht überfällig.

 

Warum ist das Kraft- und Ausdauer-Training das ganze Jahr über so wichtig für den Körper?

Wer bei uns trainiert, stärkt sein Immunsystem. Ein Muskel ist wie ein Akku: Wenn man ihn trainiert, schüttet er Myokine aus, ein Hormon, das gegen Entzündungen hilft und T-Lymphozyten fördert. Die arbeiten wie Killerzellen gegen Bakterien, Viren und Krebszellen. Bei jedem Training wird der Muskel aufgeladen, ein trainierter Körper verbraucht zudem auch im Ruhezustand mehr Kalorien.

 

Ein Problem während der Pandemie dürfte auch der Altersschnitt Ihrer Kunden sein, Senioren gehören zur Corona-Risikogruppe.

Bei uns gehört nicht jeder Ü 50-Kunde automatisch zur Risikogruppe, sondern nur diejenigen, die ein schwaches Immunsystem haben. Hier trainieren Diabetes- und Krebspatienten und bauen Risikofaktoren ab. Fitnessstudios wie unseres sind nicht das Problem, wir sind Teil der Lösung. Angst hingegen macht krank und schwächt das Immunsystem. Sie bewirkt, dass sich die Leute zurückziehen und weniger bewegen. Auch während der Pandemie aber sollten wir Kraft und Ausdauer trainieren. Ich rate, Angst in Achtsamkeit umzuwandeln.

 

Sie haben sich mit diesem Slogan auch an die Politik gewandt. Wie ist die Rückmeldung?

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Carsten Träger sagte zu mir: "Ein gut organisierter Trainingsbetrieb mit hochwertiger Trainingsbetreuung, wie ihn Torsten Berthold anbietet, muss oder sollte auch während einer Pandemie möglich sein. Dafür braucht es natürlich ein gutes Hygienekonzept, wie es hier vorbildlich umgesetzt wird." Carsten Träger vertritt die Meinung: Nicht durchgeführter ärztlich verordneter Reha-Sport ist mehr Schaden als Schutz.

 

Vielleicht wird auch Ihre Situation entspannter, wenn endlich ein Impfstoff gefunden ist.

Alle warten auf den Impfstoff. Doch dabei sollten wir nicht die Beine hochlegen und warten, bis sich Bandscheiben und Knie melden und der Arzt Physiotherapie verschreibt oder eine Operation empfiehlt. Wir sollten wegkommen von einer Reparaturmedizin, eine gute Prävention wäre besser.

INTERVIEW: MARTIN SCHANO

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