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Straßenschild soll an Kurt Eisner erinnern

Vorstoß des Kulturforums von ver.di und Angehörigen des ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten - 10.01.2018 19:31 Uhr

Kurt Eisner (Mitte, mit seiner Frau und Minister Hans Unterleitner, r.) kurz vor seiner Ermordung: Der Ministerpräsident wollte am 21. Februar 1919 seinen Rücktritt erklären, wurde jedoch auf der Straße erschossen.

© Stadtmuseum München


Noch bis zum Wochenende läuft eine große Ausstellung über den sozialistischen Politiker und Journalisten im Münchner Stadtmuseum. Die Schau mit dem Titel "Revolutionär und Ministerpräsident – Kurt Eisner (1867–1919)" relativiert das vorherrschende Bild eines reinen Utopisten. Vielmehr werden auch sein Pragmatismus und seine Arbeit an einer fortschrittlichen Politik thematisiert.

Der streitbare, philosophisch gebildete Eisner ist Diskussionen nie aus dem Weg gegangen. Er konnte sicher formulieren, mit seinen Positionen eckte er in der Sozialdemokratischen Partei an, der er 1898 beigetreten war. Als Redakteur des sozialdemokratischen Vorwärtshatteer seiner Partei eine "Politik des demonstrativen Nichtstuns" vorgeworfen.

"Offensivere Streitkultur"

Ab 1907 bis 1910 arbeitete er als Chefredakteur der Fränkischen Tagespost in Nürnberg. Den engagierten Denker trieb es letztlich jedoch dazu, Politik aktiv zu gestalten. 1917 trat er daher der neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) bei.

Eisners Name ist eng mit der Absetzung des Wittelsbacher Königshauses und der Proklamation der Bayerischen Republik im November 1918 verknüpft. Als erster Ministerpräsident eines Volksstaates Bayern regierte er nur kurz — bis zur Wahl: Seine USPD ging mit nicht einmal drei Prozent unter.

Eisner befand sich am 21. Februar 1919 auf dem Weg zum Landtag, um seinen Rücktritt anzubieten: Unterwegs ermordete Anton Graf von Arco auf Valley ihn mit Schüssen in den Rücken und in den Kopf. Am Ort des Attentats, in der Münchner Kardinal-Faulhaber-Straße, erinnert eine stählerne Bodenplatte an das Verbrechen.

Die Künstlerin Erika Maria Lankes hatte 1989 die Silhouette des am Boden liegendes Opfers gestaltet — anlässlich des 70. Jahrestags der Ermordung. Graf von Arco auf Valley wurde zum Tod verurteilt, doch schon am nächsten Tag begnadigt. Nach wenigen Jahren Festungshaft — übrigens in Landsberg am Lech, wo ab 1923 auch Adolf Hitler einsaß — wurde der Adelige 1924 auf Bewährung entlassen.

Sonja Ripa, einer Nürnberger Urenkelin von Kurt Eisner, ist es ein großes Anliegen, an ihren berühmten Verwandten zu erinnern: "In unserer Familie wurde viel über ihn gesprochen. Er war seiner Zeit weit voraus. Seine Haltung als absoluter Kriegsgegner wurde in der Münchner Ausstellung gut herausgearbeitet. Er war ein Idealist, aber eben auch ein Realist."

Ripa wünscht sich, dass man nicht nur in der Landeshauptstadt des vor 99 Jahren erschossenen Ministerpräsidenten gedenkt, sondern auch in Nürnberg. Hier habe er schließlich in der sozialdemokratischen Fränkischen Tagespost viele politische Impulse gegeben.

Sie unterstützt den Vorstoß des ver.di-Kulturforums, das in einem Brief an Oberbürgermeister Ulrich Maly eine Straßen- oder Platzbenennung angeregt hat. "Bei der Betrachtung der bayerischen Geschichte
steht Kurt Eisner bedauerlicherweise immer noch weit hinten", meint ver.di-Bezirksgeschäftsführer Jürgen Göppner, "aufgrund seiner historischen Rolle und des lokalen Bezugs wäre ein Straßenname gerechtfertigt."

In dem Schreiben an Nürnbergs OB erklärt die Gewerkschaft: "Wir empfinden es als problematisch, dass in bayerischen Städten wie im Bundesland Bayern des Erbes der unblutigen bayerischen Revolution von 1918 und der gut 100 friedlichen Tage der Regierung Eisner nur sehr spärlich und dann zum Teil auch noch sehr einseitig gedacht wird."

Denn in dieser kurzen Zeit hatte es schließlich fundamentale Umwälzungen gegeben: In Bayern wurde die Adelsherrschaft beendet und eine demokratische Struktur geschaffen. Außerdem sei die Trennung von Kirche und Staat, das Ende der Zensur für Presse und Kunst sowie das allgemeine Wahlrecht eingeführt worden, meint ver.di: Mit einer Straßenbenennung nach dem ermordeten Politiker würde die Stadt einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten. OB Maly hat eine Prüfung des Anliegens zugesagt und den Brief an die zuständigen Behörden — Amt für Geoinformation und Stadtarchiv — weitergeleitet.

HARTMUT VOIGT

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