Dienstag, 20.10.2020

|

Tief eintauchen in die Heilkraft des Waldes

Nichts tun, verweilen, einfach nur da sein: Beim "Waldbaden" entschleunigt man, nimmt die herrliche Umgebung bewusst wahr und kommt wieder zu sich selbst - 06.09.2018 17:50 Uhr

Eigentlich soll Waldbaden ganz einfach sein: Langsames Gehen Im Wald, hin und wieder innehalten und in aller Ruhe wahrnehmen, was um einen herum ist.

© Foto: Inga Nielsen/Fotolia


Das Moos ist kühl und feucht an meinen Armen, etwas kitzelt mich am Bein. Was genau es ist, weiß ich nicht, habe ich doch die Augen geschlossen und konzentriere mich auf die sonore Stimme, die mir Geschichten von Bäumen einflößt, meine Gedanken lenkt und fokussiert, mein zappelndes Gehirn einfängt und zur Ruhe legt.

Wenn ich die Augen wieder öffne, werden 15 Minuten vergangen sein, die sich wie Sekunden angefühlt haben. Wenn ich die Augen wieder öffne, werde ich mich mitten im Wald wiederfinden, umgeben von Natur und Bäumen und Farnen und Lebewesen. Darunter zehn Menschen. Eine davon ist Elfi Dressler. Mit ihr versuche ich heute herauszufinden, was das eigentlich ist, dieses Waldbaden, von dem man neuerdings überall hört.

Man muss nichts, darf alles

"Waldbaden bedeutet eigentlich nur: Man muss nichts und darf alles", sagt Dressler. Seit über 20 Jahren arbeitet die 55-Jährige im Gesundheitssportbereich, gibt Sportkurse, berät Unternehmen in Bereichen wie Kommunikation und Teamarbeit, unterrichtet als Coach Stressmanagement und Entspannung — bis eine Krebserkrankung die gebürtige Wiesbadenerin "aufs Wesentliche zurückwirft".

Über Krankheit und Heilung kommt Elfi Dressler nicht nur zu der Erkenntnis, "Grün bedeutet draußen, Urlaub und Wohltat", sondern über Achtsamkeitskurse auch mit dem "Waldbaden" in Berührung. Sie entscheidet: "Ich muss mir die Zeit nehmen, mich aufs Gesundwerden konzentrieren."

Waldbaden oder "Shinrin Yoku", wie die Stressmanagement-Methode im japanischen Herkunftsland heißt, kam erstmals Anfang der 1980er Jahre auf. Die "Waldmedizin" gilt mittlerweile als "neue interdisziplinäre Wissenschaft", die unter die Rubriken Alternativ-, Umwelt- und Präventivmedizin fällt und bei der es letztlich nur um eines geht: Stressreduktion – und in Folge dessen um alle positiven Effekte auf den menschlichen Organismus, der ja "Teil des Kommunikationssystems Wald ist", sagt Elfi Dressler.

Elfi Dressler bietet „Waldbaden“-Kurse an.

© F: Wasmeier


Längst ist anerkannt, dass ein Wald nicht nur eine Ansammlung eigenständiger biochemischer Prozesse ist, sondern ein riesiger Organismus, bei dem Bäume miteinander kommunizieren (über Duftbotschaften, aber auch komplexe Pilzfadenstrukturen), vor Feinden warnen, Nährstoffe verteilen. Die ätherischen Öle und sogenannten "Terpene", die als Botenstoffe fungieren, stärken das Immunsystem des Menschen, wirken nachgewiesenermaßen positiv, heilsam gar. Dabei muss man nichts anderes tun als "langsam gehen und verweilen", so die ausdrückliche Empfehlung des Präsidenten der 2007 gegründeten "Japanischen Gesellschaft für Wald-Medizin", Dr. Qing Li.

Eine Sache also, die Menschen doch eigentlich seit Urzeiten ganz selbstverständlich von alleine tun? "Getan haben", sagt Elfi Dressler und berichtet von der wachsenden Anzahl älterer, aber vor allem auch junger Menschen, denen "die Verbindung zur Natur immer mehr verloren geht". Arbeit und Freizeit passierten zunehmend an Geräten, man entfremde sich von der realen Welt, verlerne sie zu er-tasten und be-greifen, permanente Überlastung und Dauerstress führen vermehrt zu Erschöpfung, Burn-out und in Folge zu einer massiven Zunahme psychischer Erkrankungen.

Es gibt also für den heutigen Menschen genug Anlass, um zurück in den Wald zu finden. Gerade die Metropolregion Nürnberg ist gesegnet mit leicht erreichbaren Waldstücken. Es ist also jederzeit möglich: in die Atmosphäre des Waldes einzutauchen, zu entschleunigen, ausnahmsweise mal kein Ziel, keine Aufgabe zu haben. Wer das alleine kann, ohne Gesprächspartner, ohne Musik im Ohr – nur zu. Doch die wenigsten können das. Deswegen gibt Elfi Dressler Hilfestellung aus der Achtsamkeitslehre, "spricht Einladungen aus, zu staunen und zu forschen und im Moment zu sein". Nacheinander sollen wir uns je einen Gegenstand, ein Geräusch, einen Blick suchen und probieren, uns darauf zu fokussieren, uns fallen zu lassen in die sinnliche Erfahrung. Das funktioniert erstaunlich gut: Beim Befühlen von Blatt und Moos, dem Lauschen eines bestimmten Vogels ist plötzlich kein Platz mehr im Kopf für die Aufgaben von später, die Sorgen von morgen, die ständige Durchtaktung des Tages hat Pause.

Auch die esoterisch anmutende "Ich bin ein Baum"- Übung ist eigentlich gar nicht so schlimm – zumal im Schutz der Gruppe, "in dem man sich Sachen trauen kann, die einem alleine vermutlich ziemlich peinlich wären". Das gilt wohl auch für die "Fuchsgang-Übung".

So leise wie möglich

Wie die für Unbeteiligte aussehen muss, mag ich mir gar nicht vorstellen. Habe aber auch gar keine Zeit dazu, denn ich muss mich konzentrieren: So leise, wie es nur geht — und deswegen ausgesprochen langsam —, gilt es, sich durch den Wald zu pirschen. Der will freilich knacken und rascheln. Umso mehr fokussiert man sich auf seine Bewegungsabläufe.

Aber muss das eigentlich im Wald sein? Durchaus, eben wegen der wohltuenden Terpene. Wobei "Nadelbäume mehr Terpene haben als Laubbäume", sagt Elfi Dressler. Der Wald ist auch deswegen eine gute Wahl, weil er "niederschwellig" ist: Ein Besuch kostet nichts, man braucht keine Ausrüstung und muss auch kein Sportstier sein, um ins Schlendern und Verweilen zu kommen. Und wenn es nicht klappt, in den Wald zu fahren? Dann tut es auch ein Park. Denn es gehe allein um die Art und Weise des Aufenthaltes, um das bewusste Nichtstun. Das Gehirn soll entspannen — das ist wie bei einem Muskel, der ja auch manchmal ausruhen muss. Entspannen sich die Augen, die sonst ja unentwegt fokussieren, "öffnet" sich der Blick für die Umgebung. Man nimmt mehr wahr, was ist. Man empfindet mehr und denkt weniger — ist einfach nur da. Und genau dadurch kommt man in Einklang mit sich selbst, sagt Elfi Dressler.

Alles, was hierbei hilft, ist beim Waldbaden erlaubt. Wer sich um einen Baum wickeln will, soll das tun. Wer das Gesicht im Moos vergraben – bitte! Mit der Folge: "Man geht in den Wald und kommt bei sich selbst an", sagt eine Teilnehmerin. "Der Wald ist der Therapeut."

 

Kontakt: www.waldbaden-nuernberg.de oder elfi.dressler@interaktiv-coaching.de

K. WASMEIER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: nordbayern.de