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Von Kindern für Kinder

Schüler aus Langwasser drehen einen Kinderversammlungs-Erklärfilm. - 06.06.2019 19:29 Uhr

Sie wissen, wie man vor der Kamera agiert: Kinder der Gretel-Bergmann-Schule produzieren einen Erklärfilm für die Kinderversammlung. © Foto: Stefan Hippel


Dienststelle. Ein sperriges Wort. Klingt so trocken und sehr bürokratisch, nach typischem Erwachsenen-Sprech eben. Aber verstehen den Begriff auch Kinder? Die Schüler der 4 d der Gretel-Bergmann-Schule in Langwasser schütteln erst mal den Kopf. Hmm? Vielleicht, wenn man das Wort in seine Einzelteile zerlegt?

"Dienst ist ja so etwas wie eine Arbeit", überlegen sie. "Und eine Stelle ist ein Ort." Also ist eine Dienststelle ein Ort, wo Leute arbeiten. Nicht unclever, diese Herangehensweise. Trotzdem: viel zu kompliziert, sind sich die Viertklässler einig. Also wird die "Dienststelle" kurzerhand aus dem Drehbuch gestrichen und kindgerechter umformuliert.

Erklärt werden soll in einer Szene, dass alle Anträge von einer Kinder-versammlung von den Dienststellen der Stadt bearbeitet und beantwortet werden. Halt! "Anträge" – wissen denn alle, was damit gemeint ist? Allgemeines Nicken. Okay, das kann so bleiben.

Cornelia Scharf vom Jugendamt macht sich eifrig Notizen. Die Geschäftsführerin der Kinderkommission koordiniert das Filmprojekt und ist zum vierten Mal zu Besuch im Klassenzimmer der 4 d. Das Feintuning am gemeinsam entwickelten Drehbuch steht heute auf dem Stundenplan. Alle schwierigen Begriffe werden nochmals kritisch unter die Lupe genommen.

Bei ihrem ersten Besuch vor über einem halben Jahr gab es noch überhaupt kein Skript. Nur die Idee zu einem Film für Kinder, der ihnen das Wie, Wo und Warum der Nürnberger Kinderversammlungen verständlich näherbringen soll. "Wir wollten nicht, dass Erwachsene den Kindern dies erklären, sondern dass es Kinder selbst tun, welche schon einmal mitgemacht haben", so Scharf.

Jede Kinderversammlung beginnt mit einer Stimmungsrakete zum Lockerwerden. Da macht jeder mit. © Foto: Manuela Prill


Nachvollziehbare Entscheidungen

Die Kinder aus der 4 d wissen, wie der Hase dort läuft. Letztes Jahr standen einige von ihnen selbst in ihrem Stadtteil auf der Kinderversammlungs-Bühne. "Wir haben uns für das Langwasserbad eine große Rutsche gewünscht", erzählt der zehnjährige Sadat. Daraus ist leider nichts geworden. Jedoch haben sie erklärt bekommen, warum man ihren Wunsch nicht erfüllen kann – weil das Bad nämlich hauptsächlich für Vereine und Schwimmunterricht gebaut wurde. Nachvollziehbar für die Schüler. "Wir haben aber Wassergeräte gekriegt, Schwimmnudeln zum Beispiel", freut sich Inessa (10).

Diese eigenen Erfahrungen sind ins Drehbuch eingeflossen. Nein, auf Kinderversammlungen kriegt man nicht alles, was man möchte. Das sollten Kinder im Vorfeld wissen, finden die jungen Filmemacher. Hinzugehen lohnt sich aber trotzdem.

"Das Wichtigste ist, dass es eine Versammlung nur für Kinder ist, wo sie ihre Meinung sagen können", erklärt Danleon (9). Als zentrales Motto für den Film haben sie sich den Slogan ausgedacht: "Sag deine Meinung, denn deine Meinung zählt!"

Inspiration für die Umsetzung hat sich die Klasse im Fernsehen bei der Kindernachrichtensendung "Logo" geholt. Es darf noch nicht alles verraten werden, nur so viel: Es wird Nachrichtensprecher geben. Außerdem kleine Trickfilmsequenzen und Interviews mit Experten.

Kinder aus dem Hort Maiacher Straße und dem Familienzentrum Marterlach präsentieren ihre Wünsche und Ideen für den Stadtteil. © Foto: Manuela Prill


Der erste Dreh ist bereits im Kasten. Bei der Kinderversammlung im April in Wöhrd holten sich die beiden Außenreporter Noah und Laura (beide 10) Oberbürgermeister Ulrich Maly vors Mikro und erfuhren, warum es ihm wichtig ist, den Kindern auf den Versammlungen zuzuhören. Auch einer der beiden Moderatoren der Kinderversammlung und Stadträtin Ilka Soldner, Vorsitzende der Kinderkommission, sind von Noah und Laura schon mit Fragen gelöchert worden. Worauf man achten muss, wenn man vor einer Kamera steht, wie man ein Mikrofon hält, wurde vorher im Klassenzimmer geübt. Immer mit dabei und mit professionellen Tipps in petto: Medienpädagoge und Kameramann Oliver Lieb vom Medienzentrum Parabol.

Politik in der Grundschule

Bis zur Filmpremiere am 20. November bleibt neben weiteren Drehs allerhand zu tun: Vier Sprechrollen sind noch zu vergeben. Der Hintergrund für das Nachrichtenstudio muss gemalt werden. Und wer möchte die Trickfilmszenen synchronisieren? Über alle Abläufe diskutieren die Schüler und stimmen anschließend demokratisch ab.

"Es ist ein schöner Prozess", beschreibt Klassenleiterin Christina Wendel die gemeinsame Arbeit am Filmprojekt. Politische Bildung schon in der Grundschule findet sie wichtig. Vor kurzem war sie mit der 4 d auf Klassenfahrt in Berlin und zu Gast im Bundestag.

"Wir sind vor dem Büro von Angela Merkel gestanden", berichtet die elfjährige Lejla stolz. Zu Gesicht bekommen haben sie die Kanzlerin zwar nicht, dafür den Nürnberger Bundestagsabgeordneten Martin Burkert besucht. Im Gepäc:k: selbst gemalte Bilder zu den Kinderrechten. Sie hoffen, dass der SPD-Politiker ihre Bilder wie versprochen an die Berliner Kinderkommission weiterleitet.

Wozu braucht es einen Film über Kinderversammlungen?

Kinderversammlungen gibt es in Nürnberg bereits seit 1996. Sie wurden von der Kinderkommission, einem Unterausschuss des Jugendhilfeausschusses, ins Leben gerufen. Sie finden alle zwei Jahre immer am Nachmittag vor der Bürgerversammlung für bestimmte Stadtteile statt. Das Wort haben Kinder zwischen sechs und 14 Jahren.

Fragen, Fragen und nochmals Fragen: Als Reporter will man die Dinge ganz genau wissen. © Foto: Stefan Hippel


Häufige Themen und Wünsche der jungen Nürnberger: schönere Spielplätze, weniger Müll, mehr Grün und mehr Sicherheit im Straßenverkehr. 2018 wurden im Rahmen einer Projektarbeit innerhalb des Jugendamtes Schüler aus ganz Nürnberg befragt: Was braucht ihr, um gut vorbereitet auf eine Kinderversammlung gehen zu können? Dabei kam heraus, dass einige nur sehr wenig darüber wissen.

Bislang bekommt jedes Kind über die Schule einen Infobrief, wenn der Termin für den Stadtteil ansteht. "Die Kinder hatten mitgeteilt, dass ihnen die Einladung allein nicht ausreicht, um sich eine Kinderversammlung vorstellen zu können", so Cornelia Scharf von der Kinderkommission. Viele wünschten sich deshalb einen Film.

Realisiert wird das Pilotprojekt nun vom Jugendamt in Kooperation mit der Gretel-Bergmann-Schule und dem Medienzentrum Parabol. Die Premiere ist für den 20. November im Casablanca-Kino in der Südstadt geplant, pünktlich zum 30. Geburtstag der UN-Kinderrechtskonvention. Allerdings nur für die beteiligten Schüler und ihre Gäste. Spätestens zum Start der neuen Kinderversammlungsreihe ab Mai 2020 wird der Film aber auf YouTube veröffentlicht. Vorab erhalten ihn bereits alle Grundschulen und Kitas zur Vorbereitung auf die Kinderversammlung. Auf eigenen Wunsch der Klasse 4 d der Gretel-Bergmann-Schule soll es auch eine Variante in Gebärdensprache geben. 

VON MANUELA PRILL

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