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Vortrag zum Reliquienkult im Heidenheimer Kloster

Vorhäute und Fingernägel: Die bunte Welt der Reliquienverehrung im Mittelalter - 31.05.2019 16:17 Uhr

Die körperlichen Überreste der Heiligen galten im Mittelalter als eine direkte Verbindung ins Jenseits. So entwickelte sich ein bunter Kult. © Foto: dbu/wikipedia


Im Heidenheimer Kloster findet am Mittwoch, 5. Juni, ein Vortrag zum Reliquienkult im Mittelalter statt. Mit Dr. Ralf Lützelschwab kommt einer der Experten der europäischen Reliquienverehrung nach Heidenheim, um dort ab 19.30 Uhr zu referieren.

Das Thema ist ebenso spannend wie bunt, offenbart es doch einen tiefen Blick in die innere Verfasstheit des mittelalterlichen Menschen. Und der war dann eben doch ganz anders gestrickt, als wir das heute sind. So gab es etwa eine sehr handgreifliche Beziehung zu den Heiligen und ihren Hinterlassenschaften auf Erden.

Fürsprecher im Himmel

Man begriff die Heiligen als eine Art Fürsprecher im Himmel. Und über die Körperteile, die sie im Diesseits gelassen hatten, konnte man eine direkte Verbindung zu diesen Fürsprechern aufbauen. Also entwickelten sich ausufernde und kostspielige Kulte um allerlei Heiligen-Reste. Was damals alles verehrt wurde, ist einigermaßen kurios. Die Vorhaut Jesu Christi, die Muttermilch Marias, der Kot des Palmesels. Dazu Hautfetzen, Knochenreste, Zähne, Zehennägel oder Hirnschalen von Heiligen.

Heute kann man sich leicht darüber lustig machen, damals waren Reliquien aber eine mächtige Waffe. Sie legitimierten ganze Königshäuser, sorgten für die wirtschaftliche Grundlage von Klöstern, brachten Tausende und Hunderttausende Menschen dazu, sich auf Reisen zu begeben, um so Vergebung oder Heilung zu erlangen.

Der Mensch des Mittelalters betrachtete die Reliquien-Verehrung allerdings recht pragmatisch als eine Art Geschäft. Man verwahrte die heiligen Hautfetzen am vornehmsten Platz der Kirche, bewahrte sie in goldenen Schreinen auf, brachte ihnen Opfergaben dar, beehrte sie mit Gebeten und Prozessionen. Dafür mussten sie aber auch liefern. War man mit der Leistung des Heiligen nicht einverstanden, konnten die Gläubigen jener Zeit durchaus sauer werden und schon mal die Reliquie aus dem Altar holen, auf den nackten Steinboden legen und sie reihum beschimpfen.

Nicht ganz ungefährlich

Der Reliquienkult war auch für Lebende nicht ganz ungefährlich. Menschen, die bereits zu Lebzeiten vom Volks als Heilige verehrt wurden, mussten gegen Ende ihres Lebens aufpassen. Denn sie waren tot erheblich mehr wert als lebendig, also konnte es schon sein, dass versucht wurde, das Ableben einer großen Figur zu beschleunigen, um an einen heiligen Körper zu kommen.

Der Mittelalterhistoriker Dr. Ralf Lützelschwab von der Freien Universität Berlin erläutert in Heidenheim die Hintergründe des Reliquienkults und seine Auswirkungen. Im Fokus stehen die Mönchsgemeinschaften, die mitunter große Reliquiensammlungen zusammentrugen. Am Beispiel einiger europäischer Benediktinerklöster wird gezeigt, welche enorme legitimatorische Bedeutung Reliquien in Krisenzeiten haben konnten, gleichzeitig aber auch, welche Schwierigkeiten aus dem Besitz "falscher" Reliquien erwachsen konnten. 

JAN STEPHAN

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