Arbeitsplatz nach Maß

13.11.2016, 18:13 Uhr

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Das englische Verb „to craft“ steht für „etwas von Hand fertigen“ beziehungsweise „gestalten“ oder „basteln“, und so fordert Colin Roth die Teilnehmer seiner Seminare dazu auf, ihren Job als ihr eigenes „Handwerk“ oder eine „Baustelle“ anzusehen. Die Menschen sollen ihre Arbeit so gestalten, dass sie mehr Engagement verspüren und kreativer sowie innovativer an ihre Aufgaben herangehen, erklärt der Wirtschaftspsychologe der Friedrich-Alexander-Uni (FAU).

Roth leitet auch ein Beratungsunternehmen, das eine Schnittstelle von Forschung und Praxis bilden soll. „Unsere Produkte haben ihren wissenschaftlichen Staub abgeschüttelt“, betont der Geschäftsführende Gesellschafter der BlackBox/Open GmbH, die auch das Nürnberger Traditionshotel Victoria bei der Umsetzung neuer Management-Ideen beraten hat. Unter anderem wurden die Mitarbeiter aller Abteilungen stärker in die Verantwortung geholt, damit sie sich noch mehr mit ihrem Arbeitsplatz identifizieren. Aus diesem Prozess des Job Crafting entstand auch ein Ideen-Wettbewerb zur Gestaltung der 120-Jahr-Feier des Hotels.

Beraten Firmen in Sachen Job Crafting: Wirtschaftswissenschaftlerin Sabrina Ulrich . . .

Beraten Firmen in Sachen Job Crafting: Wirtschaftswissenschaftlerin Sabrina Ulrich . . .

Wenn Colin Roth und sein Team potenzielle Job Crafter auf das Training einstimmen, ist der Begriff „Proaktivität“ ein wichtiges Stichwort. Gemeint sind damit Eigeninitiative und vorausplanendes Handeln als Alternative zu abwartendem und rein reaktivem Verhalten. Ein Beispiel: Die Firmenleitung weitet die Kernarbeitszeit in einigen Abteilungen aus, die Spätschicht muss nun eine Stunde länger präsent sein, obwohl die Tagesarbeit dann schon abgeschlossen ist.

. . . und ihr Kollege Colin Roth von der Universität Erlangen-Nürnberg.

. . . und ihr Kollege Colin Roth von der Universität Erlangen-Nürnberg. © Fotos: Ammer

„In diesem Fall würde ich mir leichtere Arbeiten wie Mails beantworten oder Unterlagen ordnen für den Abend aufsparen und diesen Leerlauf ganz  bewusst dafür nutzen“,  rät der promovierte Wirtschaftspsychologe.

„Die Mitarbeiter müssen sich Arbeitsweisen überlegen, die funktionieren und die deren Arbeit verbessern, anstatt über Dinge nachzudenken, die ihnen im Weg stehen oder ihnen das Leben schwer machen“, ergänzt Wirtschaftswissenschaftlerin Sabrina Ulrich, die zusammen mit Roth entsprechende Veranstaltungen organisiert. Dabei sollen nicht nur Produktivität und Kreativität der Teilnehmer gesteigert werden, es geht beim Job Crafting auch darum, das Wohlbefinden am Arbeitsplatz zu erhöhen und unnötige Belastungen zu reduzieren.

Bisher ist unser Arbeitsalltag davon geprägt, dass Führungskräfte eine Reihe von Aufgaben an ihre Mitarbeiter vergeben, die diese innerhalb eines bestimmten Zeitraums und auf eine bestimmte Art und Weise in Zusammenarbeit mit ihren Kollegen erledigen sollen. Die Folge: Manche Mitarbeiter sind unmotiviert, jammern über bestimmte Aufgaben oder das in ihren Augen zu hohe Arbeitspensum, machen immer wieder die gleichen Fehler oder lehnen Veränderungen kategorisch ab.

Job Crafter wiederum schlagen neue Wege vor, eine Aufgabe anzugehen, und wenn ihre Ideen auf positive Resonanz beim Vorgesetzten stoßen, nehmen Mitarbeiter laut den Untersuchungen der Wirtschaftspsychologen ihre Arbeit bewusster wahr und sind auch widerstandsfähiger gegen Stress.

Ein weiterer wichtiger Baustein des Job Crafting ist der Einklang von Arbeits- und Privatleben. Wenn Colin Roth und Sabrina Ulrich Firmenteams trainieren, gehen sie auch auf die speziellen Bedürfnisse des Einzelnen – zum Beispiel einer alleinerziehenden Mutter – ein. Und nicht zuletzt soll jeder Teilnehmer die individuelle Balance zwischen Langeweile und Engagement, zwischen Apathie und Burnout finden.

„Die meisten Menschen haben laut Sabrina Ulrich viele kleine Frühwarnsysteme, wenn die Arbeitsbelastung dauerhaft ein ungesundes Maß annimmt. „Bei Menschen, die ausbrennen, fehlen diese Filter.“ Motivation am Arbeitsplatz kann zudem angeregt werden, indem Mitarbeiter an der Festlegung von Aufgaben sowie an der Festlegung von Leistungskriterien beteiligt werden. Colin Roth verweist hier auf ein weiteres Verfahren mit dem sein Team arbeitet, das „Productivity Measurement and Enhancement System“, kurz ProMES, mit dem man Veränderungen bei der Produktivität, bei der Zufriedenheit und beim Betriebsklima mithilfe wissenschaftlicher Daten auch zahlenmäßig belegen kann.

Anfang 2017 will die FAU Erlangen-Nürnberg in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Eindhoven und BlackBox/Open eine Feldstudie durchführen, in der ProMES und Job Crafting kombiniert werden. Die Wissenschaftler suchen dafür noch Unternehmen, die sich für den Einsatz der Methoden interessieren und in ihren Arbeitsteams einführen möchten. Das Projekt erstreckt sich über einen Zeitraum von 100 Tagen.

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