DGB sieht hohe Dunkelziffer

Fälle auch in der Region: Wie ausländische Arbeiter ausgebeutet werden

13.7.2021, 05:55 Uhr
Auch in Nürnberg werden Arbeiter aus osteuropäischen Ländern unterstützt, gerechte Löhne und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Allerdings ist die Dunkelziffer der Fälle und Menschen hoch, die sich keine Unterstützung holen und sich aus Angst vor Konsequenzen weiter ausbeuten lassen. Das Bild zeigt rumänische Erntehelfer beim Pflücken von Einlegegurken in Brandenburg.
 

Auch in Nürnberg werden Arbeiter aus osteuropäischen Ländern unterstützt, gerechte Löhne und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Allerdings ist die Dunkelziffer der Fälle und Menschen hoch, die sich keine Unterstützung holen und sich aus Angst vor Konsequenzen weiter ausbeuten lassen. Das Bild zeigt rumänische Erntehelfer beim Pflücken von Einlegegurken in Brandenburg.   © Patrick Pleul, NN

Die Gründe für die Kontaktaufnahme ausländischer Arbeiter mit dem Beratungsnetzwerk "Faire Mobilität" sind äußerst verschieden: Da wird nach der Kündigung der letzte Lohn nicht gezahlt, ein anderer bekommt während seiner Erkrankung keine Lohnfortzahlung oder wird gekündigt. "Die Fälle sind teilweise auch absurd und reichen bis zum Menschenhandel", erläutert DGB-Regionalleiter Oskar Brabanski, der täglich mit Betroffenen zu tun hat und zusammen mit seinem Kollegen vor allem Polen und Rumänen berät. "Eine Leiharbeitsfirma hat einem Mitarbeiter gekündigt, weil er zu viele Raucherpausen gemacht hat. Dabei war dieser Nichtraucher", nennt er als Beispiel.

Beratungsnetzwerk "Faire Mobilität" hilft

Im vergangenen Jahr habe das Beratungsnetzwerk, das vom Bundesarbeitsministerium und dem Deutschen Gewerkschaftsbund finanziert wird, fast 1000 Betroffene beraten, so Brabanski. Seit August 2019 werden auch in Nürnberg Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern aus osteuropäischen Ländern unterstützt, gerechte Löhne und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Allerdings ist die von Brabanski genannte Zahl bloß die Spitze des Eisbergs. Denn die Dunkelziffer der Fälle und Menschen, die sich keine Unterstützung holen und sich aus Angst vor Konsequenzen weiter ausbeuten lasse, sei deutlich höher. Doch bereits jetzt kommen die zwei Mitarbeiter in Nürnberg und die zwei weiteren in München in Bayern an ihre Grenzen, lässt Brabanski durchblicken.

Alleine die Zahlen sprechen für sich: "Im vergangenen Jahr arbeiteten in Bayern sozialversicherungspflichtig mehr als 100.000 Rumänen, 83.000 Türken, dicht gefolgt von Kroaten, Polen, Ungarn und Bulgaren", führt der Chef des DGB für Mittelfranken, Stephan Doll, aus.

Die Grafik vom Bundesarbeitsministerium zeigt die Branchen der Ratsuchenden im Jahr 2020 am Standort Nürnberg.

Die Grafik vom Bundesarbeitsministerium zeigt die Branchen der Ratsuchenden im Jahr 2020 am Standort Nürnberg. © Quelle: Bundesarbeitsministerium

Die Unternehmen und Betriebe - viele davon aus den Bereichen Transport, Lager, Logistik, aus der Gebäudereinigungsbranche, dem Baugewerbe, der Gastronomie und Hotellerie sowie der Landwirtschaft - nutzten die mangelnden Deutschkenntnisse und die Gutgläubigkeit ihrer ausländischen Mitarbeiter aus, um durch unbezahlte Überstunden den Mindestlohn zu drücken oder haben andere Tricksereien auf Lager, weiß Brabanski, der schon einigen helfen konnte.

"Gewinn auf Kosten der anderen"

Das Problem, so der Berater: Kaum einer der Betroffenen wehre sich. "Und wenn nur einer von fünf etwas gegen das ausbeuterische Handeln unternimmt, macht die Firma trotzdem Gewinn auf Kosten der anderen, die sich nicht trauen." Bei einer Kündigung sei meist auch die Unterbringung betroffen, da viele Migranten in einer doppelten Abhängigkeit zu ihrem Arbeitgeber stünden, der die oft überhöhte Miete direkt vom Lohn einbehalte. "Da werden in der Regel 230 bis 300 Euro pro Bett im Monat verlangt", verdeutlicht Brabanski.

Dieses "menschenverachtende Verhalten mancher Firmen und Betriebe" verurteilt DGB-Chef Doll aufs Schärfste - ebenso wie die Aussage, dass die "Bedingungen in den Herkunftsländern doch noch schlechter" seien. "Wir als Gewerkschaften sind zu internationaler Solidarität verpflichtet. Allerdings bringen die besten Gesetze nichts, wenn sie nicht kontrolliert werden", sagt er und fordert nicht nur mit Blick auf die Bundestagswahl einen Ausbau der Kontrollen, eine Sozialversicherungspflicht ab dem ersten Euro, gleichen Lohn für gleiche Arbeit - unabhängig von der Herkunft sowie die Erhöhung des Mindestlohns auf mindestens 12 Euro.

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