Samstag, 28.11.2020

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Mit Glocken und Schellen seit 150 Jahren gut im Geschäft

«Huck klingt und China scheppert«: Nürnberger Familienunternehmen hat keine Angst vor Billigkonkurrenz - Kunden in aller Welt - 18.03.2008

In fünfter Generation führt der 38 Jahre alte Jürgen Huck (rechts) gemeinsam mit seinem Vater Johann Huck (Mitte) und seinem Onkel Rudolf Huck das seit 1858 bestehende Traditionsunternehmen.

16.02.2011 © Ilona Hörath


Während im Büro ständig das Telefon klingelt, erschüttern dumpfe Schläge das ganze Haus. «Das ist unsere Stufenpresse«, sagt Johann Huck trocken. Acht Stunden am Tag wummert sie monoton. Vom Büro im ersten Stock bittet der 69-Jährige hinunter in die heiligen Hallen der Firma Huck: in die Produktionsräume, wo Schellen, Rollen und Glocken en masse hergestellt werden.

Dort, wo einst das Hucksche Barockhaus stand, erinnert nur noch wenig an die Pracht vergangener Tage. «22.Februar 1945. 22 Sprengbomben und eine Landmine, es war der letzte große Angriff auf Nürnberg«. Mehr Worte verliert der Senior darüber nicht mehr. Zweckbauten aus den sechziger Jahren stehen heute auf dem Gelände an der Hinteren Marktstraße in Schweinau. Hinter den Mauern riecht es streng nach Öl, ein Geruch, den man so schnell nicht aus der Nase bekommt.

Ab ins Messingbad

Die wuchtige grüne, 16 Tonnen schwere Stufenpresse im Erdgeschoß ist das Herz der Fabrikation. Zumindest symbolisch. 100 Jahre hat der grüne Riese auf dem Buckel, und wie am ersten Tag spuckt er mit stoischer Gelassenheit graue Glockenschalen aus. In der Stufenpresse werden sie tiefgezogen; ein Druck von 100 Tonnen sorgt dafür, dass jede einzelne ihre immergleiche Form bekommt.

Gleich daneben, kurz bevor es in die Abteilung für Galvanik und zum Messingbad geht und wo die Glöckchen poliert werden, steht eine andere Presse: sie stammt aus dem Jahr 1941 und schafft 1900 Glocken pro Stunde. Aus einer Tonne Metall lassen sich so, je nach Größe, zwischen 25000 und 100000 Glöckchen herstellen.

Etwa 100 Tonnen Blech verarbeitet die Firma jährlich. «Wir sind die Einzigen auf der Welt, die Schellen aus Edelstahl herstellen«, erklärt Johann Huck. Damit das so bleibt, «lassen wir niemanden in unsere Produktion reingucken«, ergänzt sein Bruder Rudolf Huck. In den anderen Produktionshallen stehen hingegen zahlreiche kleine und oft selbst konstruierte Maschinen.

In fünfter Generation führt der 38 Jahre alte Jürgen Huck gemeinsam mit seinem Onkel Rudolf und seinem Vater Johann nun die Geschäfte des seit 1858 bestehenden Traditionsunternehmens. Der Gürtlermeister Johann Adam Huck gründete nach seinen Wanderjahren und vom Zunftzwang befreit den Betrieb; kaufte vier Jahre später das heutige Firmengelände dazu. «Damals wurden die Glocken noch geschlagen«, erklärt Johann Huck. Und sein Bruder Rudolf ergänzt: «Nürnberg war im Mittelalter die Stadt der Schellenmacher.« Davon zeugen Epitaphien auf dem Rochusfriedhof und dem Friedhof St. Johann.

Handarbeit gehört dazu

Heute läuft der Betrieb vollautomatisch. «Die Herausforderung ist es, große Mengen in sehr kurzer Zeit zu liefern«, so Rudolf Huck. Da schiebt die Familie mit ihren 16 Mitarbeitern schon mal Nachtschichten ein, wenn es sein muss. «Wenn schnell eine Sonderanfertigung gebraucht wird, dann kommt Handarbeit zum Einsatz«, sagt Johann Huck. Wie zum Beispiel Messing-Schellen für Karnevalskappen oder vernickelte Glöckchen für die Kostüme von Theatergruppen. Seit den 80er Jahren produziert Huck auch bunte Farbglocken. Die roten, gelben, grünen und blauen Glöckchen bimmeln vorwiegend an hochwertigem Kinderspielzeug aller Art oder an Lernspielzeug und Rhythmikinstrumenten.

Die Schellen und Glocken finden sich an Hundehalsbändern, in Vogelkäfigen, an Schlitten oder schmücken süße Osterlämmer. «In Cajón-Drums sind bis zu zwölf Schellen drin«, ergänzt Jürgen Huck.

In Millionenauflage produzierte man etwa die Glöckchen, die einst an Jingler-Jeans angenäht waren. Früher packte sogar eine Nudelfirma ihren Pastapäckchen drei Glocken dazu. «Die Firma Steiff beliefern wir seit 1906«, sagt der Junior stolz, der in seinem linken Ohrläppchen eine kleine leuchtend rote Glocke trägt.

Und im vergangenen Jahr baute der Schokohersteller Lindt aus 6000 Huckschen Schellen gar einen sechs Meter hohen «Lindt-Hasen« und stellte diesen im Berliner KaDeWe aus. Reihte man alle Glöckchen und Schellen, die Huck jemals produziert hat, aneinander, würde diese Kette zweimal um den Erdball reichen.

Münzketten für Bauchtänzerinnen

Neben Kuh-, Tisch- oder Weihnachtsglocken bietet die Firma aber auch Münzketten aus Messing an, mit denen sie zum Beispiel Bauchtänzerinnen schmücken. Ein weiterer Bereich ist die Fertigung von hochpräzisen Spezial-Schmiernippeln für Hightech-Unternehmen.

Die Schweinauer beliefern Kunden in 60 Ländern. «Die Globalisierung ist nichts Neues für uns«, sagt der 67-Jährige Rudolf Huck lakonisch. So habe man allein 17 Kunden, die der Firma schon mehr als 50 Jahre die Treue halten. Wichtig sei es, dass die Ösen und Befestigungen stabil sind und der Klöppel frei schwingen kann. Und dass die Schellen und Glocken lebensmittelecht sind und gerade für Kunden in Fernost hoher Luftfeuchtigkeit stand halten.

Gegen die Billigkonkurrenz haben die Hucks ein wirksames Rezept: «Wir leben die Glocken«, erklärt Jürgen Huck. Anders skizziert Johann die Firmenphilosophie: «Huck klingt und China scheppert.«

Ilona Hörath

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