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Scherenschnitt: Seelenstudien in Schwarz und Weiß

Die gelernte Zahnarzthelferin Karin Dütz schneidet nicht nur Porträts, sondern ganze Gemälde - 11.05.2012 08:02 Uhr

Ursprünglich als Sparmaßnahme gedacht, ist der Scherenschnitt heute ein Klassiker. Das Silhouettenschneiden hat seinen Namen von dem französischen Minister Etienne de Silhouette, der 1757 Farbe sparen wollte und sein Haus mit Scherenschnittporträts zierte.


Sie fängt bei der Brust an. Arbeitet sich mit kleinen, schnellen Schnitten über das Brustbein zum Hals, dreht das mattschwarze Papier, schneidet das Kinn. Ein kurzer Blick auf das stumme Gegenüber, und aus schnödem Din-A4-Format wachsen Unterlippe, Nase, Wimpern, Stirn und Hinterkopf. Mit einem feinen Grafikmesser fährt Karin Dütz Haarsträhnen und Jackenrand nach. Keine acht Minuten braucht die Handwerkerin für das Scherenschnitt-Porträt. Lachgrübchen, Denkerfalten, Narben, melancholischer Blick — nichts davon bilden ihre Gemälde ab. Und dennoch haben sie mehr Seele als manches farbenprächtige Öl- oder Kreidegemälde, wie eine Stammkundin sagt.

Mehr als nur Silhouetten

Fast wie Szenen aus Max und Moritz oder teilweise Bilder von Karl Valentin muten Katrin Dützs Bilder an. © Michael Matejka


Karin Dütz, braunes Haar, getönte Brille und eine kleine silberne Schere an der Halskette, lächelt über solche Komplimente, auch wenn sie sie schon oft gehört hat. Es freut sie, die Menschen zu beobachten, wenn sie vor dem Schaufenster ihres kleinen Ladens in dem geduckten Fachwerkhaus in der Albrecht-Dürer-Straße Halt machen. Mit ihnen zu plaudern, wenn sie teils nach kurzem Zögern die Türe öffnen, das Glöckchen erklingt, und der Blick der Besucher aus Japan, Russland, den USA oder von um die Ecke sich in den Dutzenden historischer Scheren hinter Dützs Arbeitsplatz verhängt.

Fund am Dachboden

Viele sind erstaunt, erzählt die Künstlerin, was mit Schere und Papier alles möglich ist. Denn die meisten glauben, sie verkaufe ausschließlich Silhouetten und staunen dann, wenn sie die Schar weißpfotiger Kätzchen, dünnbeiniger Fotografen und gestrenger Lehrerinnen sehen, die Dütz erst vorgezeichnet und dann geschnitten hat. Teils gestaltet sie ganze Märchenlandschaften mit Hexe, Häuschen, Kind & Co., teils unterlegt sie die Schnitte mit buntem Velourpapier.

Blickfang: Wer die Albrecht-Dürer-Straße entlangschlendert, stößt, sofern er zwischendrin gen Himmel blickt, auf das schmiedeeiserne Studio-Schild.




„Es war diese Vielfalt, die mich erst zu diesem Hobby und schließlich zu diesem Beruf geführt hat“, erzählt Dütz. Ursprünglich war sie Zahnarzthelferin, die in ihrer Freizeit gerne malte.

In Farbe, mit Grübchen, Augen, Haut und Haar. Irgendwann, beim Ausmisten ihres Dachbodens, sei ihr dann ein Scherenschnitt in die Hände gefallen. Sie griff die Technik auf, indem sie erst für das Schaufenster im Klaviergeschäft ihres Mannes einen Musiker schnitt. Zu dem einen gesellte sich fast ein ganzes Orchester hinzu, schnell brachte es Dütz zu ihrer eigenen Ausstellung. Das war der Anfang.

Heute, 30 Jahre später, sitzt sie in ihrem eigenen Laden. Und ist zufrieden. Auch, wenn man mit ihrem Handwerk nicht reich werden könne. Früher, als sie noch etwas umtriebiger war, habe sie sich auf

der Nürnberger Spielwarenmesse oder der Hobby&Freizeit präsentiert, Einladungen zum Show-Schneiden vor Publikum etwa von einer Einkaufshauskette aus Japan angenommen.

Patienten auf den Leib gerückt

Heute betreibt sie einen solchen Aufwand nicht mehr, auf Laufkundschaft allein setzt sie aber trotzdem nicht. Sie schneidet Karten für Geburtstagseinladungen, Firmenjubiläen oder sonstigen feierlichen Anlässen. Sie lässt sich buchen, schneidet auf Hochzeiten die Silhouetten der Gäste, gibt Tages- und Wochenendkurse. „Ich bin froh, schließlich habe ich das Privileg zu tun, was mir Freude bereitet“, sagt Dütz.

Und nicht nur ihr. Das Glöckchen klingelt, herein kommen zwei Russinnen, die nach einem Besuch im Albrecht-Dürer-Hause den Laden entdeckt haben. „Jui“, jauchzt die eine zu ihrer Freundin, „schau dir den Zahnarzt an, der dem armen Patienten auf den Leib rückt.“ Weil die beiden Zahnarzthelferinnen sind, packen sie gleich drei Bilder ein, zwei Katzenschnitte gibts obendrauf. Und eine Visitenkarte, für die Lieben daheim.

Dütz findet’s prima. Denn wer weiß? Schon des Öfteren hat sie einige Wochen später aus Spanien oder den USA eine Mail mit einem Foto bekommen, mit der Bitte, den Enkel oder die Tochter zu schneiden. Diesmal könnte es Russland sein.

 

VON NICOLE NETTER

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