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Wegen Maskenpflicht: Fränkische Kosmetikindustrie leidet

Frauen haben derzeit wenig Lust auf Farbe im Gesicht - 09.05.2020 18:28 Uhr

Farbpigmente und pflegende Ingredienzien sind die Stoffe, aus denen Lipliner und Kajalstifte gemacht sind. Die Heroldsberger Firma Schwan-Stabilo beliefert damit fast alle großen Kosmetikmarken der Welt. © Schwan-Stabilo


Es gibt Dinge, die sind nicht wirklich kompatibel. Lippenstift und Mundschutz etwa ist solch eine Paarung, die sich als wenig sinnvoll erweist, will man letzteres länger nutzen. Schließlich ist die Ressource Atemschutzmaske– wie sich in den vergangenen Wochen gezeigt hat – leicht erschöpfbar und zum Teil teuer zu erwerben. Das bleibt auch für die Firmengruppe Schwan-Stabilo nicht ohne Folgen.


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"Das Geschäft war in den vergangenen Wochen wie abgeschnitten", sagt Sebastian Schwanhäußer, Chef der Industrie-Holding. "Nicht einmal abends gibt es einen Grund, sich zu schminken, weil man ja auch nicht ausgehen kann."

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Dabei sind eigentlich gerade Lippenstifte echte Krisenprodukte: Wenn sonst nichts geht, lässt sich mit einem schönen Rot das Leben immer vergleichsweise günstig etwas zum Leuchten bringen.

Dekorative Kosmetik wird vor dem kauf gerne ausprobiert: : ob die Farbe zu einem oder zum neuen Kleid passt, ob Konsistenz und Geruch ansprechen. Im Internet – wo schätzungsweise zehn bis 20 Prozent erwirtschaftet werden –, wird meist nur nachgekauft, was sich bereits bewährt hat.

Läger sind voll

Geht im Handel nichts, bleiben auch die Marken auf ihren Produkten sitzen und ordern nichts nach. "Die Kette ist ins Stocken geraten", sagt Schwanhäußer. Und so sind mittlerweile auch am Ausgangspunkt Schwan Cosmetics, wo für weltweit nahezu alle Marken von Chanel über L‘Oreal bis hin zu Yves Saint Laurent produziert wird, die Läger voll – nicht nur am Firmensitz. Manch Auftrag für die kommenden Monate wurde zudem bereits storniert.

Szenenwechsel: Raus in die Natur – dahin zieht es jetzt alle. Allerdings erlaubten die Restriktionen lange nur die Natur um die Ecke. Und dafür tat es auch die alte Hardshell-Jacke. Es sind vor allem die hohen Berge, die Lust auf eine neue Ausstattung machen. Für die meisten bis vor kurzem unerreichbar – die Alpen ebenso wie neues Equipment. Auch das bekommen die Heroldsberger zu spüren, schließlich ist Outdoor ein weiteres, sehr stabiles Standbein, auf dem der Unternehmenserfolg ruht.

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"Wir waren gerade mitten in der Auslieferung der Sommerware, als im März alles zum Stehen gekommen ist", erzählt der Schwan-Chef. Damit wurden auch die zum Konzern gehörenden Marken Deuter, Ortovox, Maier Sports und Gonso, die sich in den vergangenen Jahren prächtig entwickelten, abrupt ausgebremst. Die Öffnung der Läden vergangene Woche brachte die große Kauflust noch nicht zurück. "Die Menschen, die jetzt in die Geschäfte kommen, kaufen meist ganz gezielt Dinge, die sie vielleicht schon im Internet recherchiert haben."

 

 

Nicht einmal der traditionellste und zweitgrößte Bereich Schreibgeräte wird das Geschäftsjahr, das sich auf der Zielgerade befindet und das sich gut angelassen hatte, noch herausreißen können. "Auch bei Stiften gab es erst einmal eine große Pause. Selbst der Online-Riese Amazon hat sich bei seinen Angeboten auf das Essenzielle konzentriert – also das, was die Menschen anfangs am meisten nachfragten." Und auch hier erwies sich das Home-Office, in dem sich viele Beschäftigte einrichteten, nicht als Absatz-Turbo – im Gegenteil. Noch nicht einmal das Osterfest konnte hilfreich wirken, hatten doch die Großeltern kaum Gelegenheit, Füller ins Nest zu legen.

Zumindest kehrte mit zunehmender Langeweile der Kinder Farbe ins Geschäft von Schwan Stabilo zurück. "Malsachen und Beschäftigung zu Hause war in den vergangenen Wochen in unserem Online-Shop, aber auch in den Drogeriemärkten gefragt", so Schwanhäußer. Ob Eltern und Schulen auf den Start in ein halbwegs normales neues Schuljahr setzen, wird der Mittelständler in seinen Auftragsbüchern ablesen können. Denn von jetzt an bis Ende Juli ist die große Saison, in der Füller, Buntstifte und Spitzer geordert werden. Hier ist Schwanhäußer optimistisch: "Es sieht gut aus – zwar wird es weniger sein als im Vorjahr, aber dennoch besser als erwartet. Und die große Nachfrage kann auch immer noch kommen."

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Dennoch rechnet der Chef des Traditionsunternehmens nicht damit, dass bis 30. Juni noch Zuwachs zu erzielen ist. "Wir gehen für 2019/2020 von einem Rückgang aus." Im Vorjahr hatte der Konzern 662,5 Millionen Euro umgesetzt. Während bei den Outdoorsparten bereits Kurzarbeit angesagt ist, wird für die Schreibgeräte- und die Kosmetiksparte noch mit dem Betriebsrat darüber verhandelt. "Wir müssen dringend auf unsere Kosten schauen. Außerdem produzieren wir sonst nur auf Halde" – Ware, die später mit zum Teil großen Nachlässen abverkauft werden muss, um die Läger wieder leer für Neues zu bekommen.

Nichtsdestotrotz wird weiter geforscht und entwickelt, auch und gerade im Kosmetikbereich, der dem lange erfolgsverwöhnten Unternehmen zuletzt zusetzte. Die Schwierigkeiten führen an den Kosmetik-Standorten Heroldsberg und Weißenburg aktuell zum sozialverträglichen Abbau von rund 200 Stellen.

Mehr Sicherheit auch bei Kajalstiften gewünscht?

"Hier sind wir mit unserer Palette an Innovationen wieder auf einem gutem Weg." Schwanhäußer, der den Bereich im vergangenen Jahr unter seine Fittiche genommen hat, lässt sich dazu nur so viel entlocken: "Der Trend geht in Richtung natürliche Produkte mit möglichst wenig Inhaltsstoffen. Allerdings könnte die Corona-Krise auch beim Make-up das Thema Sicherheit verstärkt in den Fokus rücken – dann eben wieder durch einen stärkeren Einsatz von Konservierungsmitteln, die Bakterien und Viren von den Produkten fernhalten. Es wird auf jeden Fall spannend."

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Die Corona-Krise selbst sei ein "Stresstest für Unternehmen". Seinen Konzern sieht er dafür gut gerüstet: "Wir haben eine solide Kapitalbasis, ein ausgewogenes Portfolio und eine internationale Abdeckung – das verleiht uns Stabilität. Cash ist King und deshalb ist es unser wichtigstes Ziel, liquide zu bleiben." Dem werde alles untergeordnet – auch Investitionen, die in den vergangenen Jahren im großen Umfang getätigt wurden.

Und auch Möglichkeiten zur Übernahme von Firmen, die etwa aufgrund der Krise auf den Markt kommen könnten, will Schwanhäußer ungenutzt vorbeiziehen lassen: "Solche Schritte sollte man nur aus einer Position der Stärke heraus gehen."


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Anja Kummerow

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