Wein, Platten, Lebensgeschichten: Ein Abteil für alle Fälle

19.4.2012, 00:00 Uhr
Schätze in Reih und Glied: Stefan Greth hat in seinem Abteil Hunderte Vinylscheiben und CDs gelagert.

Schätze in Reih und Glied: Stefan Greth hat in seinem Abteil Hunderte Vinylscheiben und CDs gelagert.

Nur wenn der am Eingang eingegebene Zugangscode stimmt öffnet sich das eiserne Tor. Die Einfahrt in den geräumigen Innenhof des Gebäudes ist frei – und damit der Zugang zu Hunderten von Türen, hinter denen Wertvolles schlummert: die Lebensgeschichten von derzeit 450 Menschen.

„Ich hätte nie gedacht, dass da so viel reinpasst“: Stephanie Maranek hat auf acht Quadratmetern den Inhalt ihrer Wohnung verstaut.

„Ich hätte nie gedacht, dass da so viel reinpasst“: Stephanie Maranek hat auf acht Quadratmetern den Inhalt ihrer Wohnung verstaut. © Tanja Toplak

So unterschiedlich wie die Personen selbst, sind die Dinge, die sie für lange oder kurze Zeit im MyPlace-Selfstorage in der Äußeren Bayreuther Straße in Schoppershof einlagern: Möbel, Kleidung, Reifen, Sportgeräte, Akten — jede der blauen Türen entlang der vielen Flure birgt ein anderes Geheimnis. „Viele Kunden erzählen ihre Geschichte und die der Sachen, die sie hier unterbringen“, sagt Claudia Wedel. „Wir können ein Buch darüber schreiben.“ Damit meint sie sich und ihre Kollegin Karin Wotschach.

Modell aus den USA

Susanne Jacob lagert in Nürnberg ihre Weine — perfekt temperiert, wie sie sagt.

Susanne Jacob lagert in Nürnberg ihre Weine — perfekt temperiert, wie sie sagt.

Seit die MyPlace-Filiale in Schoppershof im Jahr 2009 ihre Pforten öffnete, arbeiten die beiden Frauen dort als Managerinnen. Sie betreuen Mieter, arbeiten mit Lieferanten zusammen, übernehmen die Verwaltung und kümmern sich um die Instandsetzung des großen Gebäudes. Zu zweit. „Noch kommen wir zurecht“, so Wedel. Doch sie haben gut zu tun.

Platz ist in Großstädten ein begehrtes Gut, nicht nur bei Firmen, sondern auch bei Privatleuten. Heirat, Trennung, Auslandssemester, Umzug — all das bringt vor allem eines mit sich: Platzmangel.

„Als meine Frau und ich heirateten wurde zwei Haushalten einer. Vieles passte nicht ins neue Heim“, erinnert sich Unternehmensgründer Martin Gerhardus. Überflüssige Sachen hatte er bei einem Freund zwischengelagert. Weil der Raum feucht war, bekam er sie verschimmelt zurück.

Aus anfänglichem Unmut wurde eine Geschäftsidee: Platz vermieten — zeitlich flexibel, nach persönlichem Bedarf. Als Inspiration für sein Konzept reiste der ehemalige Geschäftsführer eines Papierunternehmens in die USA, um sich das dort gängige Modell von privaten Lagerhäusern anzusehen. 13 Jahre nach der Gründung ist die Wiener Marke MyPlace (deutsch: Mein Platz) unter dem Firmennamen Selfstorage — Dein Lagerraum LV GmbH laut Gerhardus Marktführer in Deutschland, Österreich und der Schweiz, mit einem Marktanteil von 45 Prozent und rund 16000 Kunden. Das Geschäft mit dem Platz lohnt sich auch für andere Wirtschaftszweige: Kooperationspartner sind Versicherungen, Umzugsunternehmen, Müllentsorger. 23 MyPlace-Filialen gibt es mittlerweile in Deutschland, alle in größeren Städten. Zusammen umfassen sie laut Unternehmensangaben etwa 268000 Quadratmeter. Zwei Häuser gibt es allein in Nürnberg. Erst kürzlich wurden sie erweitert. 100 neue Abteile verschiedener Größen sind in Schoppershof, 166 weitere im Gebäude in Röthenbach bei Schweinau entstanden.

Von 120 auf acht Quadratmeter

„Ich hätte nie geglaubt, dass das hier alles reinpasst.“ Stephanie Maranek sieht selbst noch ein wenig ungläubig in ihr acht Quadratmeter großes Abteil. Beinahe den gesamten Inhalt ihrer 120 Quadratmeter großen Wohnung hat sie hier untergebracht. Wenn auch kein Platz mehr ist, um den kleinen Raum zu betreten. Bis unter die Decke stapeln sich Matratzen und Stühle. Spontan gab die 23-Jährige Ende März ihre Wohnung auf. Unterschlupf fand sie bei einer Freundin, ihr Hausrat bei MyPlace. „Man muss schon ein Stapelkünstler sein“, schmunzelt sie.

Stefan Greth liegt nichts ferner, als sein heißgeliebtes Abteil mit seinen „Schätzen“ bald wieder zu räumen. Im Gegenteil: der Archivar denkt sogar ans Aufstocken, um auch noch die letzten verbleibenden Zentimeter bis zur Decke auszunutzen. Hinter der Tür, die er mit zwei Schlössern sichert, verbirgt sich gewissermaßen eine Videothek samt Schallplattenladen. Mehr als 2000 DVDs, alte Filme wie neue, hat er dort akribisch genau in die Regale geschlichtet und durchnummeriert, um sich die Suche zu erleichtern.

Daneben lagern Hunderte Vinylscheiben und CDs. Zu Hause erfasst er jedes einzelne Teil in einer Computerdatei. „Ich bin Perfektionist. Ich mache etwas richtig, oder gar nicht“, erklärt er. Vor gut einem Jahr mietete Greth ein Abteil bei MyPlace. Mit 2,5 Quadratmetern fing er an, doch trotz aller Schlichtkünste wurde der Platz knapp und Greth mietete 16. Auch die sind schon gut gefüllt.

Archivar mit Plattensammlung

„Vielleicht baue ich einen ausziehbaren Schrank rein“, überlegt er. Sein Job als Archivar und Logistiker kommt ihm bei seinem Hobby zugute. Trotzdem: Die 150 lebensgroßen Puppen, die er im Laufe der Jahre seiner Frau schenkte, werden darin wohl keinen Platz mehr finden.

Einige Abteile weiter frönt auch Susanne Jacob ihrem Hobby. Sie hat daraus allerdings ein Gewerbe gemacht. Sie lagert auf 35 Quadratmetern etwa 6000 Flaschen italienischen Wein, den sie innerhalb weniger Wochen an ihre Kunden verkauft.

Zweimal im Jahr kommt sie für zwei Wochen nach Nürnberg, ihren Geburtsort, den sie vor 13 Jahren Richtung England verließ. Seitdem lebt sie dort, ihren Weinhandel, den sie schon während des Studiums aufbaute, wollte sie aber nicht aufgeben. Daher mietet sich seit Jahren immer wieder bei MyPlace ein Abteil als Lager- und Verkaufsraum. „Hier ist es kühl und trocken, also ideal für den Wein“, sagt Jacob, und schneidet flink mit einem Messer die Paletten auf. Auch MyPlace-Mitarbeiterin Karin Wotschach dürfte den Wein schon einmal kosten. Sie schätzt die gelegentlichen Aufmerksamkeiten ihrer Stammkunden, dankt es ihnen mit Freundlichkeit — und hört mit Geduld den Leuten zu, die ihr beim Einlagern ihre Geschichte erzählen.

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