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Fürth-Gegner BVB: Erinnerungen an einen grausamen Zufall

Pfosten, Rücken, Tor: Im August kommt es zur Neuauflage des Pokalklassikers - 11.06.2018 15:08 Uhr

Eine Szene, die sich ins Gedächtnis brennt: Der junge Ilkay Gündogan zieht ab, Fürths Torwart Jasmin Fejzic taucht nach unten und schreibt auf bittere Weise Pokalgeschichte. © David Ebener/dpa


Wie sollte man diese Szene je vergessen? Diese hundertzwanzigste Minute im Pokalhalbfinale zwischen der Spielvereinigung Greuther Fürth und Borussia Dortmund, von der sie danach alle noch träumten. Es wurde eine unruhige Märznacht, damals, 2012. Für Präsident Helmut Hack ("Grausamer kann man nicht verlieren"), aber vor allem für den Torwart Jasmin Fejzic ("Ich könnte heulen"). In der 118. Minute der Verlängerung hatte Trainer Mike Büskens ihn für Stammkeeper Max Grün eingewechselt, der Bosnier galt als Elfmeterkiller. Und alle gingen davon aus, dass dieser große Pokalabend nicht mehr in der regulären Spielzeit entschieden werden würde.

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Drama im Ronhof: Fürths Pokalträume platzen in der 120. Minute

Die SpVgg Greuther Fürth hat das DFB-Pokalhalbfinale gegen Borussia Dortmund am Dienstagabend mit 0:1 verloren. Nach großartigem Kampf war es ausgerechnet der Ex-Nürnberger Ilkay Gündogan, der das Kleeblatt ins Herz traf.


Keinen Ball hatte Fejzic in den zwei Minuten auf dem Rasen halten müssen, dann schoss der junge Ilkay Gündogan – seinerzeit noch nicht einmal Stammspieler beim BVB – noch einmal aufs Tor. Der Ausgang hat sich nicht nur bei den Fürther Fans ins Gedächtnis gebrannt.

Schlechte Gewinner

Der Ball geht an den Pfosten, springt von dort dem nach unten gehechteten Fejzic an den Rücken – und landet im Tor. Der große Pokalfight, den der aufmüpfige Zweitligist dem späteren deutschen Meister über 120 Minuten geliefert hat, endet mit einer bitteren Bestrafung. 47 Prozent der Tore im Fußball sind Zufallsprodukte, haben Forscher der Technischen Universität München herausgefunden. Der Treffer von Gündogan taugt für jedes Lehrbuch als Paradebeispiel: für die Grausamkeit des Zufalls.

Die Trauer darüber, so kurz vor dem Finale in Berlin auf so bittere Weise gescheitert zu sein, verdeckte ein bisschen, dass da 2012 eine große Fürther Mannschaft ihr wohl größtes Spiel gemacht hatte. Denn Kapitän Thomas Kleine, Edgar Prib, Bernd Nehrig und Olivier Occean waren nicht gegen irgendein Team ebenbürtig gewesen, sondern gegen den BVB unter Jürgen Klopp, der das Double holte und im Pokalfinale später den FC Bayern mit 5:2 zerlegte.

Dass sich die Dortmunder danach als eher schlechte Gewinner erwiesen – der damalige Manager und baldige Sport-Geschäftsführer Rachid Azzouzi musste persönlich in die Kabine stürmen, damit die höhnischen "Torwartwechsel, Torwartwechsel, hey, hey"-Gesänge aufhörten – wurde damals von vielen Fürthern als arrogant empfunden. Dass sich der Erstligist dazu herabließ, über einen kleinen Zweitligisten zu spotten – wenn auch befeuert durch die Schalker Vergangenheit von Trainer Mike Büskens und Stürmer Gerald Asamoah – war aber auch ein Kompliment. Sie hatten beim BVB offenbar sehr gezittert.

Mit Vorfreude und Respekt

Ob es für Fürth eine gute Nachricht ist, dass es nun zwischen dem 17. und dem 20. August in der ersten Runde des DFB-Pokals eine Neuauflage geben wird, ist Ansichtssache. Der BVB garantiert einen vollen Ronhof, mit fast jedem anderen Los wäre ein Weiterkommen in dem für einen klammen Zweitligisten lukrativen Wettbewerb aber wahrscheinlicher gewesen. Von "einer der schwersten Aufgaben" spricht Rachid Azzouzi, aber auch von der Vorfreude darauf.

Sie wird für das jetzige Team noch schwerer als damals. Der Verein befindet sich nach dem Ende der Ära Hack, aber auch als Folge einer enttäuschenden Saison im Umbruch. Gerade hat man mit der Verpflichtung des Ex-Bundesliga-Profis Sergio Pinto die Scouting-Abteilung neu organisiert. Mindestens zehn Spieler werden Fürth verlassen, die Zukunft der beiden Leihspieler Fabian Reese und Julian Green ist nach wie vor offen. Green hat am Wochenende im Trikot der US-Nationalmannschaft das erste Tor der Amerikaner überhaupt gegen Frankreich geschossen.

Beierlorzer traf zum 2:1

Doch auch Borussia Dortmund wird in einer Phase des Neubeginns in den Ronhof kommen. Rund um den 18. August hat die Bundesliga-Saison noch nicht begonnen, der neue Trainer Lucien Favre wird seine Mannschaft also noch nicht in einem Pflichtspiel gesehen haben, zumal sieben BVB-Spieler zur WM nach Russland reisen, also erst später in die Vorbereitung einsteigen werden. Vielleicht ein kleiner Vorteil für das Kleeblatt, das da bereits zwei Zweitliga-Spiele absolviert haben wird.

Zum Vorbild kann sich die jetzige Fürther Mannschaft die von 1990 nehmen. Damals kegelte der von Günter Gerling trainierte Landesligist den Meisterschaftsfavoriten aus Dortmund um Michael Zorc, Michael Rummenigge und Frank Mill mit 3:1 im brütend heißen Ronhof aus der ersten Pokalrunde. Der heutige Regensburger Trainer Achim Beierlorzer erzielte mit einem Freistoß, den BVB-Keeper Teddy de Beer erst hinter der Linie abwehren konnte, das 2:1.

Das Team von 2012 hat bekanntlich auf andere Weise Geschichte geschrieben. "Aufstehen und aufsteigen" hieß nach dem Aus gegen Dortmund die Devise beim Kleeblatt. In der neuen Haupttribüne ist die Mannschaft, der dieser Coup gelang, auf besondere Weise verewigt. An der Wand der zentralen Halle hängt von jedem der Aufstiegshelden ein Schuh, von Prib und Asamoah, von Heinrich Schmidtgal und Sercan Sararer. Nur bei dem von Jasmin Fejzic – inzwischen längst ein etablierter Zweitliga-Keeper bei Braunschweig und bald in Magdeburg – wird jeder Fan kurz stocken und nicht an den Aufstieg denken. Sondern an ein großes Spiel und einen grausamen Moment des Zufalls. 

Alexander Pfaehler E-Mail

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