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Ein Schwitzkasten mit Medizinbällen, Sprints und mehr

Zu Besuch bei einer sommerlichen Trainingseinheit der Regionalliga-Korbjäger des VfL Treuchtlingen - 29.08.2020 10:29 Uhr

Klassenzimmer oder Basketball-Halle? Die „Sene“ gleicht momentan einer Mischung aus beidem. Aufgrund der Corona-Pandemie fand Unterricht auf dem Parkett statt. Stühle, Tische, Tafel und Schulmaterial befinden sich noch in der Halle und bilden den Hintergrund, wenn sich die VfL-Korbjäger (hier Simon Geiselsöder) die Medizinbälle zuwerfen.

© Foto: Bastian Mühling


Schon erstaunlich, was zwei Wörter auslösen können. Kurz nach 18 Uhr in der Senefelder-Halle in Treuchtlingen, die Basketballer blicken drein wie kleine Kinder, denen man das Spielen verboten hat. Augenrollen, kreisende Kopfbewegungen, manche stemmen schon die Hände in die Hüfte. Einer sagt: "Männer, ich geh‘ wieder." Langsam trotten sie zum Ballschrank. Und das alles nur, weil ihr Trainer Stephan Harlander "ja, Medizinbälle" gesagt hat. Beiläufig, fast kleinlaut. Aber mit einem breiten Grinsen.

Die "Senefelder Hölle", wie die Treuchtlinger Halle ehrfürchtig genannt wird, wird an einem Mittwoch Ende August zum Schwitzkasten. Es hat 23 Grad, vergleichsweise mild. Zum Schwitzen reicht es. "Wir haben auch schon bei 41 Grad in der Halle trainiert", erzählt Harlander. "Da sind die Spieler nach einer halben Stunde patschnass und denken: Wann ist das endlich vorbei?" Im Harlander-Sprech werden solche Einheiten mit "Richtig Schrubben" betitelt. Der Ex-Profi weiß, wie es sich auf der anderen Seite anfühlt: "Ich habe Generationen von Trainern verflucht, die das mit mir gemacht haben."

"Ahs", "Ohs" und "Beißen"

Richtig schrubben, das klingt so: Die Schuhe quietschen, dazu schlagen die Medizin- und Basketbälle immer wieder dumpf am Hallenboden auf. Die Spieler ächzen. Kneifen die Augen zusammen. Stoßen langgezogene "Ahs" und "Ohs" aus. Harlander schlendert mit den Händen in der Hosentasche über den Platz und ruft: "Beißen!" Denn, so seine Philosophie: "Im Sommer werden die besten Basketballer gemacht."


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18.20 Uhr. In Zweier-Gruppen stehen sich die VfL-Korbjäger gegenüber, mit einem Abstand von gut fünf Metern. Von der Brust weg müssen sie den fünf Kilogramm schweren Medizinball zum Gegenüber feuern. Mit beiden Händen und kleinen Kreisbewegungen. "Jeder 30 Wiederholungen", ruft Harlander. Danach: 20 Würfe mit einer Hand und 30 Würfe über den Kopf. Macht er das jetzt nur, weil der Reporter da ist?

Liegestützen auf den Fingerspitzen: VfL-Topscorer Luca Wörrlein macht es vor.

© Foto: Bastian Mühling


Nein. "Das ist nicht nur zum Ärgern, mit der Übung wollen wir das Snappy Passing festigen." Snappy heißt flott. "Der Ball soll mit möglichst wenig Kraft schnell rausbeschleunigt werden." Um 18.30 Uhr sagt Harlander, wieder beiläufig und ganz ruhig: "Nehmen Sie sich jetzt einen Basketball." Seine Spieler stellen sich zehn Meter auseinander. "So, und jetzt denkt Euch einfach, dass Euch der Schiedsrichter gegenübersteht und Ihr ihn abwerfen wollt", sagt Stephan Harlander im Spaß. Darauf Claudio Huhn, ganz langsam und so laut, dass es jeder hören kann: "Das wäre jetzt ein super Zitat für die Zeitung." Ihren Humor verlieren sie selbst beim Medizinball-Training nicht.


Hier gibts die Bilder

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Wenig später erklärt Harlander: "Wenn man von dem Medizinball auf den Basketball wechselt, fühlt sich der an wie ein Volleyball." Der Effekt: eine Passschärfe, wie sie sich der Trainer immer wünschen würde. Die Arbeit mit dem Medizinball zeigt aber auch, wie groß der Basketballkorb ist. Der Medizinball flutscht ohne Probleme durch das Netz. Harlander sagt: "Der Korb ist genauso breit wie zwei Basketbälle."

Start am 1. November?

Nach einer kurzen Trinkpause geht es zu den Sprints. "Wann ist noch mal Saisonbeginn?", fragt Claudio Huhn und schmunzelt. Er spielt darauf an, dass die VfL-Baskets in diesem Sommer noch kein klares Ziel vor Augen haben, wenn sie sich im Schwitzkasten quälen. Wegen der Corona-Pandemie ist der geplante Saisonstart in der 1. Regionalliga am 1. November in Rosenheim noch unsicher. "Das hat man schon im Hinterkopf", sagt Huhn, der vergangene Saison lange verletzt war, später. Gesprintet wird trotzdem . . .

. . . , zunächst aber ohne Florian Beierlein. Der kommt nach dem ersten Sprint von der Toilette zurück. Huhn zieht ihn auf: "Hab‘ ich was von Sprints gehört, dann gehe ich lieber aufs Klo." Die Sprintausdauer trainiert der VfL in Verbindung mit Kraft. Vor den Tempoläufen gehen die Baskets in die Liegestütz-Position, lassen ihre Schultern kreisen oder stützen sich auf ihre Finger. "Und jetzt nur Daumen", sagt Harlander und lacht.

„Richtig schrubben“: So nennt das Trainer Stephan Harlander (links), wenn er seine Spieler im Training an die Grenzen bringt.

© Foto: Bastian Mühling


Zu den Unsicherheiten durch die Corona-Pandemie meint der Trainer: "Was wir jetzt schon machen, haben wir den anderen voraus." Dieser Satz könnte aber auch ohne den Corona-Zusammenhang so stehen bleiben. Es ist das Motto, mit dem sich die Treuchtlinger schon seit Jahren auf die Saison vorbereiten. Harlander erklärt: "Wir als VfL sind darauf angewiesen, uns im Sommer signifikant zu verbessern und nicht erst fünf Wochen vor der Saison anzufangen."

"Die Fitness selber bauen"

19 Uhr, Pause. Während seine Jungs zum Verschnaufen ein paar Körbe werfen, erklärt der Coach, den alle nur "Harli" nennen: "Fitness kann man sich einkaufen oder selber bauen." Treuchtlingen baut sich seine Fitness. "Dafür musst gar nicht so ein Koffer sein wie der Claudio Huhn", erklärt Harlander. Huhn habe einen "Erstliga-Körper", sei aber "einen Kopf zu klein". Die Übungen sollen Verletzungen vorbeugen und dem VfL die gewisse "Zähigkeit" geben, wenn es darauf ankommt.


Blick auf die Saison 2020/2021

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Dabei will Stephan Harlander aber immer Fitness mit Technik und Taktik verbinden. Bei einer Übung dient der Medizinball als Big Man. Um den müssen seine Spieler herumlaufen, um aus dem Block zu kommen. Dann geht es an den Korb. "Das ist Grundlagenausdauer, Schnellkraft, Technik und Vortaktik in einer Übung." Von Vortaktik spricht man bei allen Übungen bis zu einem fünf gegen fünf.

Auf ein Wort mit Claudio Huhn, dem "Koffer", und Florian Beierlein, dem "Profi-Spieler, wenn er voll austrainiert wäre" (Harlander). Die schlimmste Übung? "Treppenlaufen, zuerst einzelne, dann breitbeinige Froschsprünge und dann noch zehn schnelle Runden nach oben", sagt "Flo" Beierlein und schüttelt den Kopf. Über den Trainer verlieren die Führungsspieler kein böses Wort. Claudio Huhn meint: "Bei den Übungen schalte ich einfach den Kopf aus. Ich sehe Harli da nicht als Hassfigur." Pause. "Nicht mehr als sowieso schon." Ein Scherz der Marke Huhn.

Topfit: Bei den Sprints liegt der wiedergenesene Claudio Huhn (re.) praktisch immer vorn, hier gegen „Flo“ Beierlein.

© Foto: Bastian Mühling


"Da ist Dampf drin"

19.40 Uhr. Plötzlich senkt sich eine Kugel nach der anderen ins Netz. Die Shooter fangen an zu treffen. "Jetzt ist die Muskulatur super vorgespannt, da ist Dampf drin", sagt Stephan Harlander und schaut Simon Geiselsöder und Claudio Huhn beim Dreier-Versenken zu. Damit die Muskeln im Spiel auf dem bestmöglichen Niveau sind, machen die Baskets lange vor dem Spiel, etwa 35 Minuten, 20 Liegestützen.

Kurz vor dem Ende sieht es dann zum ersten Mal wieder nach Basketball aus. Also nach dem Basketball, den man aus der "Sene" bisher kannte. Die Baskets simulieren einen Angriff mit dem Ziel, einen Angreifer freizublocken. Nach einer Stunde und 45 Minuten ist Stephan Harlander zufrieden. "Das reicht für heute." Seine Spieler schwitzen, schnaufen und trinken. Geschafft, nichts wie raus aus dem Schwitzkasten.

 

BASTIAN MÜHLING

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